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Expertenrunde auf Einladung von Dr. Maria Kletecka-Pulker, Geschäftsführerin am Institut für Ethik und Recht in der Medizin, über die Korrelation von Trauma und Delinquenz bei Kindern und Jugendlichen
 
Gesundheitspolitik 30. September 2016

Zu viele Einzelkämpfer

.„Nicht jeder Jugendliche, der als Kind missbraucht oder vernachlässigt wurde, wird später straffällig. Umgekehrt aber wurden fast alle, die später delinquent werden, in ihrer Kindheit oder Jugend traumatisiert.“ Das sagte die Jugendrichterin Dr. Beate Matschnig. Sie nahm an der Veranstaltung „Vom Trauma zur Delinquenz“ teil.

Was sich in den 38 Jahren ihrer Tätigkeit am Wiener Strafgericht nie verändert habe, sei die Ursache, warum Jugendliche delinquent werden, erläuterte Matschnig: „Zu mir kommen keine Jugendlichen aus behüteten Familien, wo zumindest einer da ist, der sich um sie kümmert. Zu mir kommen nur Kinder, die viel mitgemacht, viel Negatives erlebt haben.“ Von ihnen dürfe man nicht erwarten, dass sie sich später normgerecht verhalten. Aber, „wann immer ein Jugendlicher zu mir kommt, ist es eigentlich schon zu spät“, sagte sie bei einer Expertendiskussion am Institut für Ethik und Recht in der Medizin. Denn: Bis dahin sei in der Regel schon so viel schief gelaufen, so viel Zeit verloren, dass es „eigentlich unmöglich ist, das Versäumte mit einem Strafurteil noch auszubügeln. In diesem Sinn arbeiten wir in der Justiz mit sehr hilflosen Methoden.“

Die Fakten: 25 Prozent aller Jugendlichen erleiden vor ihrem 16. Lebensjahr zumindest ein Trauma, bei sieben Prozent entwickelt sich daraus eine posttraumatische Belastungsstörung. Je früher die Traumatisierung stattfindet, desto empfindlicher und damit risikobelasteter sind die Kinder, eine solche Belastungsstörung zu erleiden, weil sie noch nicht in der Lage sind, das Erlebte entsprechend zu bewerten und zu relativieren.

Prof. Dr. Luise Poustka, Leiterin der Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien, erklärt die hohe Korrelation zwischen traumatischen Erlebnissen und späterem aggressiven oder dissozialen Verhalten. Dabei komme der Bewertung des Erlebten durch das nächste Umfeld der Kinder bei der Trauma-Verarbeitung ein hoher Stellenwert zu. Dennoch würden Eltern, auch wenn sie nicht Ursache des Traumas sind, bei dieser Aufgabe viel zu oft alleine gelassen, kritisiert Poustka: „Sie sind mit der Situation überfordert, würden selbst Unterstützung benötigen, um helfen zu können.“

Fehlendes oder fragmentiertes Angebot

Das entsprechende medizinische und psychologische Versorgungsangebot sei hierzulande sehr spärlich vorhanden. Das gelte auch für Präventionsmaßnahmen. Damit könnten so manche späteren Versorgungsengpässe ausgeglichen werden, meint Poustka: „Hätten wir mehr Ressourcen für die Präventionsarbeit zur Verfügung, kämen wir später mit weniger Versorgung aus.“ Zwar gäbe es „gar nicht so wenige Menschen und Einrichtungen“, die mit großem Engagement daran arbeiten, gefährdete Kinder rechtzeitig aufzufangen. Das Problem sei eher, dass diese nicht konzertiert und koordiniert genug sind, um wirksam zu sein, und meist unter der öffentlichen Wahrnehmungsgrenze agieren.

Wie auch immer die Unterstützung der betroffenen Kinder im Detail aussieht, gefragt ist also in jedem Fall ein koordinierter interprofessioneller Ansatz. Zwar seien Mediziner vielfach die ersten außenstehenden Personen, die mit jugendlichen Gewaltopfern konfrontiert werden, Lösungsansätze könne die Medizin alleine aber ebenso wenig anbieten wie die Psychologie, die Justiz, das Jugendamt, die Sozialarbeit oder die Politik. „Wir brauchen einen interdisziplinären Ansatz“, sagt Prof. Dr. Andreas Böck von der Uniklinik für Kinder- und Jugendheilkunde der MedUni Wien, um Gewalt oder Missbrauch, der auf Kinder ausgeübt wird, nicht nur frühzeitig zu erkennen, sondern auch zeitnah intervenieren zu können.

Neues Angebot: FOKUS

Einen solchen interdisziplinären Ansatz stellt das auf Betreiben der Wiener Kinderschutzgruppen seit 2015 laufende Angebot FOKUS, kurz für Forensische Kinder- und Jugenduntersuchungsstelle, dar. Es ist an der Uniklinik für Kinder- und Jugendheilkunde am Wiener AKH Wien angesiedelt und wird von Prof. Dr. Susanne Greber-Platzer geleitet. Seit Projektstart wurden mehr als 100 kindliche bzw. jugendliche Gewaltopfer nach Zuweisung durch die Kinderschutzgruppen, das Jugendamt oder die Polizei möglichst rasch nach der Tat untersucht und die Spuren durch ein interdisziplinäres Expertenteam gesichert. Im Rahmen der Befundung werden auch mögliche Traumatisierungen erfasst. In den allermeisten Fällen handelt es sich dabei um sehr kleine Kinder, die noch keinen Kindergarten oder keine Schule besuchen. Für sie ist das Krankenhaus oft die erste Anlaufstelle außerhalb der Familie.

Ein weiteres Ziel von FOKUS ist die Entwicklung und Etablierung einheitlicher Strukturen, Standards und Unterstützungs-Tools, um die Arbeit der Ärzte sowie des Gesundheitspersonals in den Kinderschutzgruppen der Wiener Spitäler, darüber hinaus aber auch im niedergelassenen Bereich, zu unterstützen.

Dazu wird der Pilot, dessen Finanzierung vorerst auf zwei Jahre, also bis Sommer 2017, gesichert ist, wissenschaftlich umfassend begleitet. Neben der Ergebnisprüfung laufen aktuell zwei Forschungsvorhaben, die sich mit der Frage beschäftigen, wie Stressverarbeitung bei Kindern, die von Gewalt betroffen sind, überhaupt funktioniert, erläutert Prof. Dr. Sabine Völkl-Kernstock von der Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Fragen, die damit beantwortet werden sollen, lauten unter anderem: Welche Kinder sind widerstandsfähiger gegenüber Trauma-Erlebnissen? Wie unterscheiden sich mögliche Reaktionsmuster? Warum bleiben die einen Opfer, während andere in der Folge selbst zu Tätern werden? Wie reagieren die Kinder auf die Unterstützung, die sie bei FOKUS erhalten?

Für MedUni Wien Rektor Dr. Markus Müller handelt es sich bei FOKUS um ein „in Österreich gar nicht so häufiges Vorzeigeprojekt“, in dem sich verschiedene Professionen und Institutionen eines gesellschaftlich ebenso brisanten wie wichtigen Themas angenommen hätten. Dabei zeige sich, „was wir gemeinsam weiterbringen und bewirken können“.

Schulung und Unterstützung für niedergelassene Ärzte

Eine weitere Aufgabe von FOKUS ist die Weitergabe der gewonnenen Erkenntnisse und der erarbeiteten Standards, in erster Linie an Ärzte und Pflegekräfte, die mit dieser Problematik konfrontiert werden. Die Kinderabteilungen in den KAV-Krankenhäusern wurden inzwischen bereits weitgehend geschult, berichtet Völkl-Kernstock. Auch diese Schulungen laufen interdisziplinär ab, beteiligt sind unter anderem Experten der Gerichtsmedizin, Psychologie oder Pädiatrie. In Kürze ist zudem eine erste Informationsveranstaltung für niedergelassene Kinderärzte geplant.

Schon jetzt finden Interessierte auch über die Website der Universitäts-Kinderklinik Unterstützung, etwa in Form von umfassenden Checklisten, die nach dem letzten Stand der Wissenschaft und Forschung entwickelt wurden. ( bit.ly/2dqRR84 )

Nachsatz: Auch in der Ärzteausbildung tut sich etwas. So startet in Innsbruck erstmals die Diplomausbildung „Kinder- und jugendpsychiatrische Forensik“.

Volkmar Weilguni

, Ärzte Woche 40/2016

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