zur Navigation zum Inhalt
Diese Neun präsentierten in Alpbach gemeinsam ihre Initiative \"Digital Healthcare\"
 
Gesundheitspolitik 26. September 2016

Telemedizin überwindet Engpässe in der Versorgung

Digitalisierung. Mit der Gesundheitsversorgung von chronisch Krankheiten im Zeitalter der Digitalisierung setzt sich die Gesundheitsinitiative „Digital Healthcare“ auseinander.

Die Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau (VAEB) sowie die Landesgesundheitsreferenten der Bundesländer Tirol und Steiermark haben gemeinsam mit ihrem Technologiepartner AIT – „Austrian Institute of Technology“ eine verstärkte Zusammenarbeit angekündigt. Deren Ziel sei es, sagte Landesrat Prof. Dr. Bernhard Tilg bei der Präsentation in Alpbach, Telegesundheitsdienste zur integrierten Gesundheitsversorgung „in naher Zukunft im Regelbetrieb auszurollen, um Patienten mit chronischen Krankheiten eine optimale Betreuung und Therapie zu ermöglichen“.

Digitale Infrastruktur

Das Thema Digitalisierung sei nun eben auch im Gesundheitswesen angekommen, begründete Tilg die Initiative. Mit ELGA werde derzeit ein weiterer entscheidender Schritt gesetzt, der zugleich auch den Weg aufbereiten kann, um auf dieser Infrastruktur ergänzende digitale Dienste aufzusetzen. Davon machen nun die beiden Bundesländer Steiermark und Tirol Gebrauch.

Zwei seit über fünf Jahren auf lokaler Ebene bereits erfolgreich als Pilotprojekte laufende Disease-Management-Programme, die auf Basis einer speziellen, vom AIT entwickelten telemedizinischen Technologieplattform laufen, sollen im Rahmen der Initiative „Digital Healthcare“ massiv ausgebaut werden. Involviert sind auch die beiden großen Krankenhaus-Trägergesellschaften – Tirol Kliniken GmbH und Steiermärkische Krankenanstaltengesellschaft m. b. H (KAGes) –, die Krankenversicherungen der Länder und der VAEB als überregionaler Träger. Niedergelassene Ärzte werden in ihrer Rolle als primär betreuende Ärzte und Case Manager operativ eingebunden und sind zur Teilnahme eingeladen.

Konkret geht es bei der Initiative um den geplanten Ausbau der bereits jetzt auf lokaler Ebene laufenden Disease-Management-Programme, HerzMobil Tirol für Herzinsuffizienz-Patienten in Tirol und der Gesundheitsdialog Diabetes der VAEB in der Steiermark.

„Die Zahl der Herzinsuffizienz-Patienten steigt stetig an“, berichtet Prof. Dr. Gerhard Pölzl von der Universitätsklinik für Innere Medizin III der Tirol Kliniken. Nach einem stationären Aufenthalt beträgt die Wiederaufnahmequote nach sechs Monaten 50 Prozent. Um Wiederaufnahmerate und Mortalität zu reduzieren, empfehlen daher die aktuellen Therapieleitlinien der Europäischen Kardiologischen Gesellschaft den Einsatz von Disease-Management-Programme, zur multidisziplinären Versorgung dieser Patientengruppe.

Pölzl ist medizinischer Leiter des Versorgungsnetzwerkes HerzMobil Tirol, einem Pilotprojekt, in dem derzeit 50 Patienten telemedizinisch versorgt werden. Dabei werden mit Messgeräten täglich Vitaldaten erfasst und über eine App an das zentrale Datenservice übermittelt.

Schnittstellen überbrücken

Im Versorgungsnetzwerk, das sowohl den stationären als auch den niedergelassenen Bereich umfasst, übernehmen besonders ausgebildete Herzinsuffizienz-Schwestern in enger Abstimmung mit den Ärzten die unmittelbare Betreuung und direkte Kommunikation mit den Patienten. Bei Überschreitung bestimmter Grenzwerte können die behandelnden Ärzte rasch reagieren.

Mit dem Projekt gelingt es, erläutert Pölzl, die medizinische Betreuung der chronischen Patienten weitgehend in den niedergelassenen Bereich zu verlagern, und dabei die „Schnittstelle zwischen klinischem und niedergelassenem Bereich gut zu überbrücken, wo bisher viel an Information verloren gegangen ist“. Weitere definierte Projektziele: Verbesserung der Lebensqualität für die Patienten und die Verhinderung oder Verlangsamung der Erkrankungsprogression.

Ganz ähnlich wie HerzMobil Tirol funktioniert das steirische Pilotprojekt „Gesundheitsdialog Diabetes“, in dem aktuell 600 Patienten eingeschlossen sind. Auch hier werden Patienten-, Untersuchungs- und Vitaldaten laufend erfasst und anschließend über Mobilgeräte automatisiert an eine Monitoringzentrale übermittelt. Durch die Speicherung der Daten entfällt das Führen eines schriftlichen Diabetikertagebuches; die gesicherten Daten sind für den behandelnden Arzt jederzeit einsehbar. Sie werden zudem statistisch und grafisch aufbereitet, sodass eine kontinuierliche Optimierung der Therapie durch den Arzt über ein wöchentliches Feedback erfolgen kann.

„Transparente Kontrolle, effiziente, orts- und zeitunabhängige Betreuung sowie qualitätsgesicherte Daten sind die Erfolgsfaktoren für eine optimale Betreuung bei Diabetikern“, ist Werner Bogendorfer, Direktor für den Geschäftsbereich Gesundheit und Innovationen in der VAEB, überzeugt. Das telemedizinische System könne die Patienten zwar nicht gesund machen, es sei aber ein „einfaches Instrument, um Arzt und Patienten durch eine verbesserte Kommunikation, Kooperation und Vernetzung in ihrem Versorgungsprozess zu unterstützen“.

Regelfinanzierung angestrebt

Die beiden Projekte seien gute Beispiele, wie die Versorgung chronisch Kranker tatsächlich nachhaltig verbessert werden könnte, sagte Prof. DI Dr. Werner Leodolter, Leiter Informations- und Prozessmanagement im KAGes-Management. Was dabei aber noch zu überwinden sei, um eine entsprechende Breitenwirkung zu erzielen, „ist, damit auch in die Regelfinanzierung zu kommen“. Mit der geplanten Ausweitung der Projekte soll jetzt ein nächster wichtiger Schritt in diese Richtung gesetzt werden.

Die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) könnten längerfristig jedenfalls einen besonderen Schwachpunkt in der integrierten Versorgung entschärfen, nämlich die Einbindung des niedergelassenen Bereichs in die Gesamtversorgung. Daher erhofft sich Leodolter nachhaltige Effekte: „Spezialisierung und wohnortnahe Versorgung sind mit den Mitteln der IKT gut kombinierbar.“ Dokumentierte und laufend verbesserte Prozesse sowie enge Feedbackschleifen zwischen Versorgern und Patienten könnten dazu ebenso ihren Beitrag leisten wie eine verbesserte Behandlung und maßgeschneiderte Präventionsmaßnahmen durch eine patientenspezifische Vorhersage in Kombination mit einer personalisierten Medizin.

„Wir sind die Innovationstreiber“

Besonders im Lichte der zunehmenden Ausbreitung chronischer Erkrankungen müsse die Nutzung digitaler Unterstützungstools noch effektiver als bisher genutzt werden, ergänzt Tilg, um die systemimmanenten Schnittstellenproblematiken insgesamt zu verbessern und damit eine optimale Versorgungsqualität im Rahmen eines integrierten Versorgungsnetzwerkes zu gewährleisten.

Nicht explizit erwähnt, aber wohl auch Triebfeder der gemeinsamen Initiative der Länder und Sozialversicherung ist die Möglichkeit, durch Telegesundheitsdienste dem den chronischen Erkrankungen innewohnenden Kostendruck entgegenzuwirken.

„Wir wollen die digitale Revolution, die international bereits im vollen Gange ist, nicht verschlafen“, sagt daher auch Tilgs steierischer Amtskollege Mag. Christopher Drexler. Das „viel zitierte Märchen“, wonach die Länder innovationshemmend wären, sei jedenfalls grundfalsch, argumentiert Drexler, das Gegenteil sei vielmehr der Fall: „Wir sind die Innovationstreiber.“ Das sehe man auch an diesen Projekten.

Mit dem weiteren Ausbau der Versorgungs- und Disease-Management-Programme, in ausgewählten Regionen der Steiermark und in Tirol soll die sektorenübergreifende Zusammenarbeit aller beteiligten Personen im Sinne der integrierten Versorgung von Herzinsuffizienz- und Diabetes-Patienten unterstützt werden. Drexler kündigte daher abschließend auch gleich den „Startpunkt für eine ganze Kette an Projekten“ an, die allesamt ein gemeinsames Ziel verfolgen würden: „Die Gesundheitsversorgung für die Menschen in diesem Land besser zu machen als sie es heute ist.“

Volkmar Weilguni

, Ärzte Woche 39/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben