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Gesundheitspolitik 19. September 2016

Streiks schaden Patienten nicht

Streikende Ärzte müssen sich offenbar keine Sorgen um ihre Patienten machen. Solange eine Notfallversorgung gewährleistet ist, kann man sogar sagen: im Gegenteil.

Ein Streik, der keinem wehtut, ist keiner. Das ist einerseits richtig, macht aber andererseits das Streiken gerade für Ärzte so schwierig. Denn den Schaden haben dabei vermeintlich jene, für die Ärzte eigentlich sorgen sollen und wollen: die Patienten.

Wie viel Schaden Patienten, deren Ärzte streiken, wirklich ertragen müssen, hat eine Arbeitsgruppe der Harvard Medical School untersucht [Metcalfe D et al. BMJ 2015; 351: h6231]. Die Mediziner analysierten Studien, die sich mit den Auswirkungen von Ärztestreiks befasst hatten. Das Ergebnis ist erstaunlich: Eine Erhöhung der Mortalität war in der Regel nicht festzustellen. Beispiele aus aller Welt belegen das:

- Während eines fünfwöchigen Streiks in Los Angeles County im Jahr 1976, an dem bis zu 50 Prozent der Ärzte beteiligt waren, sank die Sterblichkeit in der bestreikten Region.

- 1983 streikten 73 Prozent der Ärzte in Jerusalem vier Monate lang und verweigerten den Dienst in den Krankenhäusern. Die Mortalität blieb davon unbeeinflusst.

- In Spanien traten 1999 die Ärzte im Praktikum neun Tage in den Streik, was an den Sterblichkeitsziffern nichts änderte.

- 2003 streikten die Ärzte in Kroatien für vier Wochen, ein Einfluss auf die Mortalität war nicht zu beobachten.

- Ein eintägiger Streik der Ärzte im Vereinigten Königreich 2012 ließ die Sterblichkeit unverändert; allerdings hatten sich nur 8 Prozent der Mediziner daran beteiligt.

In all diesen Fällen war für die Behandlung von Notfallpatienten gesorgt. Das ist ein entscheidender Punkt. Wie entscheidend, lässt sich an den Zahlen ablesen, die bei einem Ärztestreik 2010 in Südafrika erhoben wurden. Hier war 20 Tage lang auch die Notfallversorgung betroffen, für ein Gebiet mit 5,5 Millionen Einwohnern blieb nur ein einziges Krankenhaus geöffnet – und in diesem Fall war ein Anstieg der Mortalität zu verzeichnen.

Sofern ein Notdienst gesichert ist, scheint es Patienten also zuträglich zu sein, wenn Ärzte streiken – zumindest auf den ersten Blick. Beim zweiten Hinsehen hat das aber kaum damit zu tun, dass die Mediziner ihre Hände von Kranken gelassen hätten. Denn viele der angeblich streikenden Ärzte taten in Wahrheit ihre Arbeit – beim britischen Streik sogar 92 Prozent. Oft hatten sie, weil die elektiven Maßnahmen ruhten, sogar mehr Zeit für die Versorgung von Notfallpatienten. Und womöglich waren sie dabei auch besser ausgeruht als sonst.

Es zeigt sich freilich auch, dass elektive Eingriffe durchaus zur Mortalität beitragen. So stiegen die Sterbezahlen in Los Angeles County prompt, nachdem die elektive Operationstätigkeit in den Krankenhäusern wieder aufgenommen worden war.

Der Originalartikel „Ärztestreiks schaden Patienten nicht“ ist erschienen in „hautnah dermatologie“ (32/2016), doi:10.1007/s15012-016-2043-9, © Springer Medizin

Robert Bublak

, Ärzte Woche 38/2016

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