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Zwei Jugendliche halten einen Schlauch mit aufgesetzem Trichter fest

 

© SVA

© ÖÄK/Dietmar mathis

 
Gesundheitspolitik 12. September 2016

Mehr sporteln, weniger surfen, nicht mehr saufen

Mehr als die Hälfte aller Jugendlichen zwischen sechs und siebzehn Jahren zeigt gesundheitliche Auffälligkeiten. Mit der Ausweitung des SVA-Angebots sollen Risiken frühzeitig erkannt werden.

Mit ihrer Initiative „Gesundheits-Check Junior“ ist die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) 2013 angetreten, um die „Lücke zwischen den Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen und der Vorsorgeuntersuchung“ für Erwachsene zu schließen. Der für die Bundesländer Wien und das Burgenland entwickelte Pilot umfasste drei Teilbereiche: eine ausführliche Anamnese über den aktuellen Gesundheitszustand, die Analyse vorliegender klinischer Befunde sowie ein Lifestyle-Coaching der Jugendlichen.

Rund zehn Prozent der eingeladenen Sechs- bis Siebzehnjährigen (insgesamt 1.500) beteiligten sich am Projekt, das von einem Team unter der Leitung von Prof. Dr. Gerald Pruckner von der Johannes Kepler Universität in Linz wissenschaftlich begleitet wurde. Die wichtigsten Ergebnisse aus dem Evaluierungsbericht: 57 Prozent der untersuchten Kinder und Jugendlichen weisen zumindest eine „gesundheitliche Auffälligkeit“ vor, am häufigsten Allergien (16 Prozent), gefolgt von Zahnschäden (14 Prozent) sowie Hautproblemen und Bluthochdruck (je zehn Prozent). Nicht selten traten Gewichtsprobleme auf, wobei allerdings die Zahl jener, die Untergewicht aufwiesen, mit 15 bis 20 Prozent höher lag als jener mit Übergewicht. Letzteres fand sich überwiegend bei Burschen, Untergewicht meist bei Mädchen.

Die Wissenschaftler konnten mithilfe eines Experiments nachweisen, dass bei Kindern und Jugendlichen die Teilnahmequote an Vorsorgeuntersuchungen durch kleine finanzielle Anreize (im konkreten Fall ein 40-Euro-Einkaufsgutschein) signifikant erhöht werden kann (plus 6,5 Prozent). Für die gemeinsam mit der Ärztekammer für kommenden Herbst geplante Ausrollung haben die Forscherzahlreiche Verbesserungsvorschläge erarbeitet, um mehr niedergelassener Kinderärzte und Allgemeinmediziner zum Mitmachen zu bewegen. 15 Ärzte haben bislang die Hälfte aller Untersuchungen durchgeführt. Pro Untersuchung werden von der SVA 75 Euro angeboten.

Volkmar Weilguni

Junior Checks nicht auf SVA-Versicherte beschränken

„Wir haben in Österreich jedes Jahr 75.000 gesunde Neugeborene und Hunderttausende entzückende Kleinkinder. Und wenn wir wieder hinschauen, sind aus ihnen übergewichtige, rauchende und komasaufende Jugendliche geworden.“

Mit diesem zweifellos überzogenen Statement habe ich 2012 beim Forum Alpbach für eine Erweiterung des Mutter-Kind-Passes ins Schul- und Jugendalter plädiert. Viele Länder Europas haben derartige Vorsorgeuntersuchungen längst etabliert und auch in Deutschland gibt es mit der J 1 und J 2 derartige „Junior Checks“.

Andere sehen die Ausweitung der Vorsorgeuntersuchungen als standespolitisch motiviert und ein deutscher Kollege hat pointiert angemerkt, dass die Vorsorgeuntersuchungen so lange erweitert werden, „bis die J 80 mit der letzten Ölung zusammenfällt“.

Tatsächlich stellt sich aber die Frage, warum man bisher Vorsorgeuntersuchungen mit dem sechsten Lebensjahr „aussetzt“ und dann erst wieder mit dem 18. Lebensjahr als „Gesundenuntersuchung“ anbietet. Gerade das Schul- und Jugendalter ist für die spätere Gesundheit eine entscheidende Lebensphase. Die Beurteilung des körperlichen Zustandes – Gewicht, BMI, Blutdruck, Haltungsschäden etc. – ist dabei ebenso wichtig wie die Beurteilung des psychischen und sozialen Befindens und die Beratung über Lifestyle, Ernährung, Bewegung, Sexualverhalten, Suchtgefahr und dergleichen.

Schwer zu beantworten ist hingegen die Kosten-Nutzen-Frage. Der oftmals zitierte „Return on Investment“ (ROI) kann sehr willkürlich berechnet werden und nicht jeder positive Effekt lässt sich direkt in Euro umrechnen. Für einen objektiven Nachweis des Nutzens sollte man aber das erweiterte Vorsorgeprogramm der SVA mit einem entsprechenden „Monitoring“ verknüpfen.

Persönlich sehe ich einen weiteren Vorteil der erweiterten Vorsorge darin, dass wir durch die „Junior Checks“ mehr Informationen zu Gesundheit, Krankheit und Risikopotenzial unserer Jugendlichen bekommen, und darauf mit entsprechenden Präventionsmaßnahmen reagieren können. Und ich wünsche mir, dass letztendlich die „Junior Checks“ nicht auf die SVA-Versicherten beschränkt bleiben.

Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Vorstand der Abteilung für Kinder und Jugendliche am LKH Hochsteiermark, Vizepräsident der Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde

Die SVA will die Versorgung für Kinder intensiv ausbauen

Der Trend zu einem gesteigerten Gesundheitsbewusstsein ist deutlich spürbar und begründet die Prävention als fixen Bestandteil des Portfolios der sozialen Krankenversicherung. Im Bereich der Kinder- und Jugendprävention haben wir Aufholbedarf! Eine Lücke besteht aktuell in der Zeit zwischen 6. und 18. Lebensjahr. Gerade in diesem Alter durchlaufen Kinder und Jugendliche wichtige Entwicklungsphasen während derer professionelle Begleitung helfen kann, für Gesundheitsrisiken zu sensibilisieren und die Gesundheitskompetenz zu stärken.

Die SVA will im Bereich der Prävention die Versorgung für Kinder intensiv ausbauen und zählt dabei auf die Expertise ihrer Vertragspartner. Als erster Sozialversicherungsträger nehmen wir mit dem „Gesundheits-Check Junior“ eine Vorsorgeuntersuchung für Kinder in das Leistungsspektrum auf.

Ziel ist es, bereits im Kindesalter ein Bewusstsein für gesunde Ernährung, Bewegung und den gesunden Körper zu schaffen. Kinder von 6 bis 11 Jahren und Jugendliche von 12 bis 18 Jahren haben einmal jährlich die Möglichkeit auf eine kostenlose, altersgerechte Vorsorgeuntersuchung. Sie kann ab 1. Oktober 2016 bundesweit von SVA Vertragspartnern der Fachgruppen Kinder- und Jugendheilkunde bzw. Allgemeinmedizinern angeboten werden.

Gemeinsam mit der ÖÄK und anerkannten Pädiatern haben wir ein Programm entwickelt, bei dem der Arzt als Coach bzw. Berater der Kids fungiert. Hierbei zählen wir auf die gute Vertrauensbasis aus der frühkindlichen medizinischen Begleitung, die helfen kann etwaige Defizite im sozialen Umfeld auszugleichen. Der Gesundheits-Check Junior bietet Ärzten die Möglichkeit auf die individuelle Lebenssituation des Kindes bzw. des Jugendlichen näher einzugehen, um gesundheitliche Risiken frühzeitig zu erkennen. Im Rahmen des ärztlichen Gesprächs werden die wichtige Prädiktoren wie Bewegung, Ernährung, Medienverhalten und die Süchte mit dem Patienten besprochen. Bei Auffälligkeiten kann es notwendig sein, eine fortführende Beratung oder eine gezielte Intervention in den Bereichen Essverhalten, Sport- und Bewegung, Schule und Familie sowie Medienverhalten durchzuführen.

Mag. Alexander Herzog, Obmannstellvertreter der Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft

Trend zu Internet- oder Mediensucht festzustellen

Die Ärztekammer begrüßt und unterstützt die SVA-Initiative „Gesundheits-Check Junior“ sehr. Das Programm ist kein klassisches Screening, sondern soll in erster Linie die Gesundheitskompetenz und den Vorsorgegedanken fördern. Wer immer uns Ärzte in die Entwicklung von Projekten einbindet, die zur Verbesserung der Gesundheit beitragen, rennt bei uns offene Türen ein und wir werden uns mit Engagement einbringen. Schließlich ist Prävention das Zukunftsthema der Medizin schlechthin.

Besonders wichtig im Rahmen des Junior Checks ist das ärztliche Coaching, das ganz wesentlich von ÖÄK-Impfreferent Rudolf Schmitzberger, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, initiiert wurde. Dabei erhalten die jungen Probanden altersgerechte Informationen, vor allem zu den Themen Ernährung, Bewegung, Medienverhalten und Suchtmittel.

Denn viele Erkrankungen wie Fehlernährung, Bewegungsarmut oder ein problematischer Umgang mit Alkohol, Nikotin und Drogen entwickeln sich aus falschen Verhaltensmustern schon in der Kindheit. Gesundheitsvorsorge muss man daher von klein auf leben. Die von einem Team renommierter Mediziner entwickelten Schwerpunkte entsprechen modernsten internationalen Standards.

Sehr gut ist auch die wissenschaftliche Betreuung Pilotprojekts. Die Evaluierungsergebnisse decken sich weitgehend mit den Erfahrungen der Kinderärzte und Allgemeinmediziner an Einzelpatienten und zeigen einen Trend hin zu „neuen Süchten“ wie Internet- oder Mediensucht. Darauf müssen wir künftig den Fokus in der Kinder-Gesundheitsvorsorge legen, um dauerhaften Schäden vorzubeugen.

In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass die Österreichische Ärztekammer auch für den Schularztbereich seit Jahrzehnten eine seriöse Datenauswertung fordert, bisher vergeblich. Schulärzte können mit gezielter Präventionsarbeit und Bewusstseinsbildung eine noch viel größere Zahl an Kindern und Jugendlichen erreichen. Wichtige Voraussetzung dafür wäre allerdings die statistische Auswertung der „Gesundheitsblätter“, die Schulärzte für alle Kinder anlegen. Hier sind die zuständigen Ministerien säumig.

Dr. Artur Wechselberger, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Kooperationspartner des SVA-Projekts

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