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Dr. Martin Andreas Referent für arbeitslose Ärzte und Jungmediziner der Ärztekammer für Wien.

© Wilke

Dr. Susanne Herbek Geschäftsführerin ELGA GmbH.

© ÖAK/Dietmar Mathis

Dr. Artur Wechselberger Präsident der Österreichischen Ärztekammer.

© BMG

Prof. Dr. Gerhard Aigner Sektionschef im Gesundheitsministerium.

 
Gesundheitspolitik 7. September 2016

Darum gehet hin und vernetzt Euch

Forum Alpbach. Im Dezember 2015 ging ELGA mit seiner Funktion „E-Befunde“ in Wien und der Steiermark in Betrieb. Mitte Mai folgte der Pilot für die „E-Medikation“. Das bisher Erreichte gefällt nicht allen.

Die Wiener Patientenanwältin Dr. Sigrid Pilz zeigte sich vom Zuspruch des großen Auditoriums in Alpbach offensichtlich motiviert. Sie erhöhte die Schlagzahl in ihrer Zurechtweisung der Ärztekammer. Deren Präsident Dr. Artur Wechselberger sah sich einer massiven Opposition gegenüber, die den Kammervertretern Angstmacherei und Verunsicherung der Patienten vorwarf – und fühlte sich „ein bisschen angeschüttet“.

Am 9. Dezember begann in Wien und in der Steiermark der ELGA-Betrieb in den Spitälern. „Es wurden bisher fast zwei Millionen Befunde in dem System erstellt. Davon sind mehr als eine Million Laborbefunde“, erläutete Dr. Susanne Herbek, Geschäftsführerin der ELGA GmbH. In den steirischen Spitälern wurden bereits rund 700.000 Dokumente für Patienten erstellt. Im Mai dieses Jahres begann im Bezirk Deutschlandsberg ein Pilotversuch mit der E-Medikation, also der Aufnahme aller verschriebenen und in den Apotheken abgegebenen Arzneimittel. Dort machen rund 30 Ärzte, sieben von neun Apotheken, das Landeskrankenhaus und ein Pflegeheim mit.

Laut der Chefin des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Mag. Ulrike Rabmer-Koller, wurden bereits 33.389 Verordnungen und rund 12.000 Arzneimittelabgaben (Apotheken) registriert. Beteiligt waren rund 7.400 Patienten.

Die wichtigsten Argumente für und wider ELGA finden Sie hier im Überblick:

Mag. Ulrike Rabmer-Koller:

„ELGA ist ein Meilenstein und ein sichtbares Zeichen dafür, dass sich Österreich nicht nur mit neuen Technologien auseinandersetzt, sondern hier auch eine internationale Vorreiterrolle einnehmen kann. Eine derartige Infrastruktur sucht Ihresgleichen in Europa, vor allen im deutschsprachigen Raum.“

ELGA sei bisher eine Erfolgsgeschichte, die Startphase sehr positiv verlaufen, sagte Rabmer-Koller, die Rückmeldungen detto. Das gelte auch für die Ärzte, die sich am Pilotprojet E-Medikation beteiligen. Ursprüngliche Startschwierigkeiten bezüglich der Software konnten inzwischen beseitigt werden.

Rabmer-Kollers Wahlspruch: Alle profitieren von ELGA. Begründung: Die Patienten haben erstmals einen Zugriff auf die eigenen Gesundheitsdaten, die Ärzte einen umfassenden Überblick über den Zustand ihrer Patienten, was die Behandlungsqualität erhöht, und das System hat mehr Effizienz, weil Mehrfachuntersuchungen und Mehrfachverschreibungen verhindert werden.

Natürlich gebe es Kinderkrankheiten zu überwinden. Das war bei der E-Card nicht anders. Auch da habe es lange gedauert, bis alle dahintergestanden seien. „Wir dürfen uns dem Fortschritt nicht verschließen. Ich erwarte mir von allen Beteiligten, dass wir sachlich argumentieren, statt Angstmacherei zu betreiben. Das wünscht sich auch die eigentlich zuständige ELGA-Managerin.

Dr. Susanne Herbek:

„ELGA bringt etwas ganz Neues: Transparenz und mehr Information für die Patienten. Diese haben damit zukünftig dasselbe Wissen über ihre Gesundheitsdaten wie ihre Ärzte, können über das ELGA-Portal in ihre Patientenakte einsteigen, Daten abspeichern, Befunde ausdrucken etc. Außerdem wissen die Patienten immer, was Ärzte mit ihren Daten gemacht haben, weil sämtliche Zugriffe einsehbar sind. Wir beschäftigen uns bereits intensiv mit weiteren Anwendungsmöglichkeiten, unter anderem mit Bilddatenaustausch. Die Infrastruktur ist gegeben.“

Dr. Gerhard Aigner, Leiter der Sektion 2, Recht und gesundheitlicher Verbraucherschutz, im Gesundheitsministerium nimmt eine übergeordnete Perspektive ein.

Dr. Gerhard Aigner:

„ELGA ist ein Meilenstein in Sachen Patientensicherheit. Es wäre wirklich schade, würde sich ein Land wie Österreich von der Entwicklung abkoppeln. Wir sollten vielmehr stolz darauf sein, ein solch komplexes System erfolgreich zum Laufen gebracht zu haben – auch wenn es natürlich Partner gibt, die sich traditionell gegen jeden Fortschritt wehren, ich erinnere nur an die E-Card.“

Die Sorge der Ärzte, sie würden mit Datenmüll zugeschüttet, seien unberechtigt. „ELGA-Dokumente haben eine einheitliche Struktur, sodass die Ärzte sofort wissen, wo sie die Informationen finden können.“

Auch im Präsidium der Apothekerkammer fehlt das Verständnis.

Dr. Wolfgang Gerold:

„Wir Apotheker wollten bereits vor zehn Jahren die e-Medikation einführen. Schon damals haben die Ärzte das Projekt torpediert. Und das Gleiche passiert jetzt wieder. Die Ärztekammer trägt eine große Verantwortung dafür, dass vielen Patienten in den vergangenen Jahren nicht geholfen werden konnte.“

Der Präsident der Ärztekammer wiederum sagte sinngemäß, er halte nichts von Schönfärberei.

Dr. Artur Wechselberger:

Wir Ärzte erwarten uns vom System eine Verbesserung und Beschleunigung in der Behandlung sowie mehr Patientensicherheit. Es geht nicht um die Sammlung von Daten, sondern darum, wie ich die Daten verarbeite, um daraus einen Nutzen zu ziehen. Die wesentlichen Fragen, die uns beschäftigen, sind: Wie gehen wir mit der Unvollständigkeit der Daten um? Wie gehen wir mit zu erwartenden Systemfehlern um?“ Das sei keine Angstmacherei, sondern ein Hinweis auf Gefahrenpotenziale.

Hingegen meinte die Patientenanwältin und ELGA-Ombudsfrau Pilz sinngemäß, die Ärztekammer mache ihr Arbeit.

Dr. Sigrid Pilz:

„Ein großer Teil unserer Arbeit besteht im Moment darin, die Ängste, die die Ärztekammer mit ihrer Negativ-Kampagne rund um ELGA in die Welt gesetzt hat, bei vielen verunsicherten Patienten wieder auszuräumen.“

Die Gesellschaft für Allgemeinmedizin, deren Argumente in der Debatte untergehen, wünschte sich mehr sachliche Anlayse.

Dr. Susanne Rabady:

„ELGA ist letztendlich nicht mehr als ein Tool, wenn auch ein wichtiges Tool. Was wir als niedergelassene Ärzte brauchen, ist eine Übersetzungshilfe, die Daten für uns erst nutzbar macht. Derzeit bekommen wir Daten in einer Form geliefert, die mehr Aufmerksamkeit verlangen als sie uns freispielen, um mit den Patienten zu arbeiten.“ Für den Betriebsrat der MedUni Wien kostet die ELGA-Einführung wertvolle ärztliche Arbeitszeit.

Dr. Martin Andreas:

„Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, wonach Datenzugriff automatisch bedeuten würde, dass Daten auch tatsächlich gelesen werden. Dass jeder behandelnde Arzt die Krankengeschichte seines Patienten kennt, das wird im klinischen Alltag nicht funktionieren. Durch ELGA entsteht Mehrarbeit. Das ist grundsätzlich okay, aber nicht, wenn dafür keine Ressourcen geschaffen werden.“ Die Vizerektorin für Forschung und Innovation an der MedUni Wien, Fritz, bemängelt die fehlende Nutzbarkeit der Daten.

Prof. Dr. Michaela Fritz:

„Nach dem derzeitigen ELGA-Gesetz dürfen wir die Daten nicht einmal in anonymisierter Form für die Forschung nutzen. Dadurch entgeht uns eine große Chance. Bis spätestens Mai 2018 muss die europäische Datenschutzverordnung auch in Österreich in nationales Recht umgewandelt werden. Die Zeit bis dahin sollten wir nutzen, um für die Forschung gute Rahmenbedingungen zu schaffen, damit wir als Forschungsstandort kompetitiv bleiben.“

 

Volkmar Weilguni

, Ärzte Woche 36/2016

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