zur Navigation zum Inhalt
© Maria Noisternig
Alpbacher Gesundheitsgespräche (v. l.): Teppo Järvinen, Diana Miglioretti, Ian Johnson, Werner Bartens, Ingrid Mühlhauser und Jeffrey M. Hunger.
 
Gesundheitspolitik 29. August 2016

Arthroskopie der Lüge

Die Geschichte der Medizin sei ebenso eine Geschichte der Misserfolge wie der Erfolge. Das sagt der kritische Chirurg Teppo Järvinen, und nennt auch die Gründe: mangelhaftes Wissen, Geschäftemacherei und die Angst der Ärzte vor juristischen Problemen bei einer Nichtbehandlung.

„Ein erheblicher Teil dessen, was wir tun, ist nichts anderes als medizinischer Abfall.“ Das sagt Prof. Teppo Järvinen bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen. Der finnische Unfallchirurg zitierte aus einer Analyse der im New England Journal of Medicine zwischen 2001 und 2010 erschienen Studien mit 363 in der Medizin praktizierten Therapien, wonach sich fast 40 Prozent der beurteilten „Behandlungsstandards“ als völlig unwirksam oder sogar schädlich herausgestellt hätten.

Deutlich zeige sich dieses Fehlverhalten bei Arthroskopien. „Alle Kollegen lieben sie, Patienten lieben sie“, sagte Järvinen. Das Problem daran sei nur, dass die Operation in der Regel nur „eine Lüge sei“, die Ergebnisse „nicht besser als Placebo“. Das gelte auch in vielen anderen Bereichen der Medizin. „Ich glaube, mehr als 50 Prozent der Interventionen sind reine Verschwendung“, meinte Järvinen.

Die Geschichte der Medizin sei von Misserfolgen mindestens ebenso geprägt wie von Erfolgen. Viele davon sind laut Järvinen die Folge von zunehmenden kommerziellen Interessen. Jede Krankheit sei nämlich auch eine „Geschäftsidee“ und demzufolge das „Hervorrufen von Ängsten in Bezug auf die Gesundheit das lukrativste Geschäftsmodell unseres Jahrhunderts“.

Interessensfreie Informationen

Grund für diese Verschwendung von Ressourcen sei neben der Geschäftemacherei und der Angst vieler Ärzte vor juristischen Konsequenzen im Falle eines Behandlungsverzichts vor allem mangelndes Wissen der Ärzte. Er schließe sich da selbst mit ein, erklärte Järvinen: „Uns fehlt evidenzbasiertes, statistisches Wissen, das aber Voraussetzung ist, um informierte Entscheidungen treffen zu können. Wie sollen wir Patienten erklären, was gut für sie ist und was nichts bringt?“ Es komme ihm manchmal so vor, als würden „Blinde Blinde führen“.

Um dieses von Järvinen gezeichnete Bild mit den Blinden zukünftig zu vermeiden, forderte Prof. Dr. Gerald Gartlehner, Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin an der Donau-Universität Krems, einen besseren Zugang zu „sauberem, interessensfreiem Wissen“ – und zwar sowohl für Mediziner als auch für ihre Patienten.

Dazu müsse die Flut an Informationen entsprechend aufbereitet werden, was gegenwärtig zum Großteil der Industrie überlassen werde. Viele Länder hätten sich dieser Problematik inzwischen gestellt, erläuterte Gartlehner und nannte als Beispiele die Schweiz, die allen Bürgern die Cochrane Library zugänglich gemacht hätte, bzw. Norwegen, wo jährlich 30 Millionen Euro aus dem öffentlichen Budget in ein „Knowledge Center“ investiert werden, um aktuelles medizinisches Wissen aufzubereiten und als „objektive, interessensfreie Information“ allen Interessenten zur Verfügung zu stellen.

Informierte Ablehnung

Gute medizinische Entscheidungen dürfen nicht nur in einer „informierten Zustimmung“ enden, sondern manchmal auch in einer „informierte Ablehnung“, meinte Ingrid Mühlhauser, Professorin an der Universität Hamburg und Vorsitzende des Netzwerks Evidence-Based Medicine (EBM). Ein Beispiel dafür sei der unreflektierte, flächendeckende Einsatz von Brustkrebsscreening-Programmen, sagte Diana Miglioretti, Professorin an der University of California. Ein Mammografie-Screening könne in Einzelfällen und bei bestimmten Risikogruppen zwar Leben retten, die Effekte würden aber bei Weitem übertrieben. Ein flächendeckendes Screening-Programm würde jedenfalls mehr Risiken mit sich bringen als Nutzen. „Nur eine von zehn Heilungen Krebserkrankter ist auf Screening zurückzuführen“, erläuterte Miglioretti. Bei vielen anderen mache man gesunde Frauen krank, indem man sie untersucht.

Neben der Strahlenbelastung und den Gefahren von Fehl- und Überdiagnosen seien dabei vor allem psychische Belastungen zu bedenken. Viele der Frauen würden sich plötzlich krank oder zumindest verunsichert fühlen, während sie zwei Wochen lang auf die Testergebnisse warten. Miglioretti plädierte daher für einen differenzierten Umgang mit diesem Vorsorgeinstrument und personalisierte Entscheidungen über dessen Einsatz, etwa indem man individuelle Risikofaktoren entsprechend berücksichtigt.

Höchste Ansprüche

Mit der „ethischen Frage, wo ist der Nutzen medizinischer Interventionen höher als der Schaden, den wir Mediziner anrichten“, setzte sich auch Prof. Dr. Barbara Friesenecker von der Universitätsklinik Innsbruck auseinander. „Wir Ärzte haben unseren Patienten transportiert, dass wir alles heilen und alle wieder gesund machen können. Dieses Bild bekommen wir jetzt von den Patienten zurück, die diesen Anspruch an uns stellen“, sagte die Anästhesistin und Intensivmedizinerin.

Der Tod als unausweichlicher Teil des Lebens sei dabei völlig in den Hintergrund geraten. „Das Thema Sterben haben wir in der Medizin komplett aus den Augen verloren“, kritisierte Friesenecker, „weil es uns Ärzten ebenso Angst macht wie den Patienten, weil es von uns immer noch als medizinisches Versagen interpretiert wird. Daher schütten wir die Intensivmedizin über Patienten aus, unabhängig davon, ob es Sinn macht oder nicht.“ Bei 40 Prozent aller Patienten würden in den letzten sechs Lebensmonaten nachweisbar sinnlose Therapien durchgeführt.

Die Medizin müsse sich bewusst machen, dass Endlichkeit zum Leben gehört, müsse „Sterben wieder zum Gespräch machen“, wünschte sich Friesenecker: „Auf Basis evidenzbasierten Wissens müssen wir uns als Ärzte auch wieder mehr trauen, uns mit unserer Erfahrung, unserer Intuition in die medizinischen Entscheidungen einzubringen, anstatt ständig Angst vor dem Rechtsanwalt zu haben.“ Das Ergebnis einer solchen Entscheidung könnte dann eben auch sein, den Patienten beim Sterben zu begleiten. Die Palliativmedizin müsste daher viel früher eingebunden werden. Dazu braucht es laut Friesenecker eine bessere palliativmedizinische Ausbildung und mehr Zeit: „Ein gutes Gespräch über das Sterben ist nicht in zehn Minuten zu führen. Man muss auch die Angehörigen mit einbeziehen, ihnen erklären, warum es besser ist, etwas nicht zu machen. Ressourcen dafür gibt es im klinischen Alltag dafür aber kaum. Es gibt zwar Geld für eine Herzoperation bei einem 85-Jährigen, aber kein Geld für die Zeit, die erforderlich wäre, um eine Patientenverfügung aufzusetzen.“

Volkmar Weilguni

, Ärzte Woche 35/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben