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Gesundheitspolitik 23. November 2005

„Behandlungspfade sind ein alter Hut“

Das Bundesland ob der Enns will einen „neuen Schritt in der Gesundheitsme-dizin“ setzen. Ganz so neu ist die Idee aber nicht, und die Ärztekammer übt Kritik an der Art der Umsetzung.

Mit den Behandlungspfaden wäre durch festgelegte Vorgangsweisen geregelt, „wo ein Patient mit bestimmten Symptomen oder Krankheitsbildern am effizientesten behandelt werden kann und wie er dort hinkommt“, meint Gesundheitslandesrat Mag. Wolfgang Sobotka. Der Niederösterreichische Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS) hat 26 solcher Pfade entwickelt, unter anderem zum Thoraxschmerz, zu verschiedenen Karzinomen, Myokardinfarkt, postmenopausale Blutung, aber auch Standards für Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie. „Die Vorgangsweise, dass Patienten ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht werden, soll der Vergangenheit angehören“, ergänzt Sobotka.„Natürlich gibt es in der Medizin Trends zur Standardisierung, die prinzipiell auch zur besseren Orientierung und Qualität sowie zu einem effizienten Einsatz der Mittel beitragen können“, kommentiert der Präsident der niederösterreichischen Ärztekammer, Dr. Lothar Fiedler. Aber Leitlinien für die Behandlung würde es für verschiedene Bereiche in der Medizin schon lange geben. Diese wären auch schon längst im Einsatz bzw. würden immer wieder auf den aktuellen Stand des Wissens gebracht werden.

Eher starres Konstrukt

„Was die NÖGUS jetzt präsentiert hat, ist nicht wirklich etwas Neues“, meint Fiedler. Für ihn machen die Behandlungspfade zudem einen eher starren Eindruck. „Es besteht die Gefahr, dass die Sicht auf alternative Optionen verstellt wird und die individuelle Betreuung zu kurz kommt, die manchmal sehr wichtig ist“, so der Kammerpräsident. Kritik übt Fiedler auch an der Art und Weise, wie die Behandlungspfade entwickelt wurden und werden: „Eingebunden ist immer auch der niedergelassene Bereich. In der Kardiologie beispielsweise wurde aber nur die Praxis von zwei niedergelassenen Allgemeinmedizinern, einem Internisten und einer Spitalsambulanz einbezogen.“ Das sei als solide Basis viel zuwenig für allgemeingültige Normen betreffend den Ablauf der Behandlung. Fiedler hegt auch den Verdacht, dass die Behandlungspfade als Rechtfertigung für die Verlagerung von Mitteln im Gesundheitswesen in den stationären Bereich dienen könnten und dass hinter dem Konzept die Idee einer staatlichen Regulierung durch Gesundheitsagenturen steckt. Die Ärztekammer werde die weitere Entwicklung der Behandlungspfade, die bis zum Sommer abgeschlossen sein soll, jedenfalls sehr kritisch verfolgen.
Bestätigt in seinen Befürchtungen sieht sich Fiedler durch ein anderes Pilotprojekt von Kasse und NÖGUS. Nach der Kündigung von Verrechnungsverträgen mit Radiologen sowie CT- und MR-Instituten wurden „nur wenige Tage später diese Leistungen in die Spitäler verlagert“, kritisiert Fiedler. Damit seien Zusagen gebrochen worden, dass solche Umschichtungen sicher nicht erfolgen würden. „Niederösterreich soll scheinbar zum Vorzeigebundesland für eine verstaatlichte Medizin gemacht werden“, mahnt Fiedler. Zerstört würden damit auch die Strukturen der freien Arztwahl.

Kasse lobt Ambulanzen

Besonders enttäuscht ist der Kammerpräsident von Aussagen des Obmanns der niederösterreichischen Gebietskrankenkasse Hutter, der Spitalsambulanzen „kundenfreundlichere Öffnungszeiten, kürzere Wartezeiten und kürzere Anfahrtswege für die Patienten als bei niedergelassenen Ärzten“ attestiert hatte. Fiedler dazu: „Die Ärztekammer wird die politische Vernichtung der niedergelassenen Fachärzte sicher nicht zulassen.“ Er fordert eine Zusage der GKK, dass keine Kassenplanstellen reduziert werden und ein sofortiges Ende der Gesprächsverweigerung. Als Gegenmaßnahme könnte die Kammer groß angelegte Informationskampagnen über diese „Sackgasse in die gesundheitspolitische Planwirtschaft“ veranlassen.

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