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Gesundheitspolitik 23. November 2005

„Wollen verhindern, dass mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird“

Die Chefarztpflicht wird nicht – wie von vielen erhofft – abgeschafft, sondern nur von den Patienten zu den Ärzten verlagert. Details der Handhabung in der Praxis sind noch zu entscheiden.

Bis Ende März hatten der Hauptverband der Sozialversicherungsträger und die Ärztekammer Zeit, um sich über die Grundregeln einer neuen Abwicklung der chefärztlichen Genehmigungen zu einigen. Im Fall der Nicht-Einigung kann der Hauptverband die Grundsätze im Alleingang festlegen. Sie bedürfen dann nur noch der Genehmigung durch die Gesundheitsministerin. Ob Kammer und Hauptverband zu einer gemeinsamen Lösung kommen, stand zu Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht fest. Im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE zeigte sich Dr. Josef Probst, Mitglied der Geschäftsführung des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, in der Vorwoche jedoch optimistisch, dass man mit der Kammer eine gemeinsame Lösung finden werde.

Die Chefarztpflicht wird also nicht abgeschafft. Warum kann man darauf nicht verzichten?
Probst: Es geht dabei um viel Geld. Pro Jahr werden fünf Millionen Medikamente von den Chefärzten bewilligt. Das sind fünf Prozent aller Verschreibungen, die jedoch 18 Prozent der gesamten Arzneimittelkosten ausmachen. Wir müssen hier die Mengen kontrollieren. Wir haben aber den gesetzlichen Auftrag, den Patienten die Mühsal der chefärztlichen Bewilligung abzunehmen. In Zukunft gilt das Prinzip: Es läuft das Rezept und nicht der Patient.

Der Hauptverband hat ein Modell vorgeschlagen, bei dem die Ärzte in ökonomisch „brave“ und „böse“ eingeteilt werden sollen. Das hat die Ärztekammer abgelehnt. Welche Alternativen gab es in den Verhandlungen?
Probst: Weil das Handling von fünf Millionen chefärztlichen Bewilligungen aufwändig ist, haben wir nach Möglichkeiten gesucht, diesen Aufwand zu vermindern. Unser Vorschlag war es, Ärzte, die sich in versprochener Weise auch um die Ökonomie kümmern, befristet von der Einholung einer vorherigen Bewilligung zu befreien. Hier würde sich die Sozialversicherung auf eine nachträgliche Kontrolle und Kommunikation beschränken. Diese „Ärzte mit besonderer Berechtigung“ würden selbst die Funktion eines Chefarztes ausüben. Dazu haben wir zwei Modelle ausgearbeitet: Ein vergangenheitsbezogenes, bei dem geschaut wird, ob sich der Vertragsarzt bisher im Bereich der chefärztlichen Produkte ökonomisch verhalten hat. Ein zweites, prospektives Modell begnügt sich mit der Zusage des Arztes, sich in der Zukunft ökonomisch zu verhalten und gewisse Zielwerte zu erreichen. Dann ist er für die nächsten zwei Jahre von der Bewilligungspflicht ausgenommen.

Die Ärztekammer war von diesen Vorschlägen nicht begeistert.
Probst: Sollte sich herausstellen, dass die Ärzteschaft diesen von uns gewährten Vertrauensvorschuss nicht will, dann müssten wir zur Not ohne diese Entlastungsmaßnahme leben. Das hätte für die Vertragsärzte aber einen großen Nachteil: Es wäre dann nämlich in jedem Fall eine vorhergehende chefärztliche Bewilligung einzuholen.

Die Ärztekammer hat im Gegenzug ein Modell präsentiert, bei dem die Chefarztpflicht durch vermehrte IND-Regelungen ersetzt werden soll. Was haben Sie daran auszusetzen?
Probst: Diesen Weg können wir nicht gehen, weil die chefarztpflichtigen Medikamente mit jährlichen Wachstumsraten von fast 15 Prozent der Kern unseres Arzneimittelkostenproblems sind. Wir brauchen eine individuelle Bindung der Vertragsärzte an mit uns vereinbarte Ziele.

Der Chefarzt kann aber doch auch nur aufgrund von Indikationen bewilligen oder ablehnen.
Probst: Da gibt es verschiedene Varianten. Manchmal ist es aufgrund der Indikation klar, manchmal wird es Fälle geben, wo besondere Befunde von Kliniken erforderlich sind. Daneben wird es auch den seltenen Einzelfall geben, wo nur ein ganz spezielles Medikament Sinn macht. Es geht immer um die Auswahl: Die teuersten Therapien sollen dort eingesetzt werden, wo sie notwendig sind. Wir wollen aber verhindern, dass mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Das Thema Ökonomie wird in der Medizin immer so als Gegensatz zur Ethik gebracht. Es ist aber nach Meinung von Ethikern auch unethisch, mit knappen Ressourcen verschwenderisch umzugehen. Die Patienten müssen in unserem System das bekommen, was im Einzelfall adäquat ist.

Eine solche Einzelfallbeurteilung erfordert aber einen sehr hohen bürokratischen Aufwand.
Probst: Für chefarztpflichtige Medikamente geben wir pro Jahr mehr als 400 Millionen Euro aus. Da lohnt schon ein gewisser bürokratischer Aufwand. Ich denke, dass die „natürlichen Partner im Gesundheitswesen“ – die Patienten, die Ärzte und die Sozialversicherung – ein Interesse daran haben müssten, dass das System bezahlbar bleibt. Es geht ja auch um einen Verteilungskampf, der irgendwann in der Entscheidung gipfelt: Arzthonorare oder Medikamentenkosten.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 12/2004

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