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© Albert Nieboer/picture alliance
Sie sind von der Krise des NHS nicht direkt betroffen, denn für den Nachwuchs von Prinzessin Kate und Prinz William ist gesorgt. Kate entband in einer Privatklinik und zahlte dafür rund 12.000 Pfund.
 
Gesundheitspolitik 12. Juli 2016

Insel der Frustrierten

Der Austritt aus der EU macht das miserable englische Gesundheitssystem auch nicht besser.

Für den englischen Gesundheitsdienst NHS ist der Brexit ein schlechtes Geschäft, wie es scheint. Selbst Austrittsbefürworter Nigel Farage meint, es gebe keine Garantie, dass die von der „Leave“-Kampagne versprochene Finanzspritze tatsächlich dem Gesundheitssystem zugute kommen werde.

Nach dem Brexit schlug die Stunde der Wahrheit. Der britische Rechtspopulist Nigel Farage hat sich kurz nach dem EU-Referendum von einem zentralen Versprechen der Brexit-Kampagne distanziert. In der ITV-Sendung „Good Morning Britain“ sagte der Politiker der UK Independence Party, er könne nicht garantieren, dass wie von den Brexit-Befürwortern angekündigt 350 Millionen Pfund pro Woche statt an die EU nun an das Gesundheitssystem NHS gingen.

„Das war einer der Fehler, den die ‚Leave‘-Kampagne gemacht hat“, sagte der EU-Parlamentarier am Freitag. Er selbst habe damit nicht geworben. „Sie müssen verstehen, dass ich von der Kampagne ausgeschlossen wurde und ich, wie immer, mein eigenes Ding gemacht habe.“ Farage ist seit Jahren einer der prominentesten Befürworter eines britischen EU-Austritts.

Dabei bräuchte gerade das britische Gesundheitssystem ordentliche Investitionen. Die Probleme in der Versorgung sind immens. Fast täglich berichten die britischen Zeitungen über Horrorszenarien aus Krankenhäusern. Menschen sterben in Rettungswagen, weil sie vor der Notaufnahme warten müssen; Kranke leiden, weil terminierte Behandlungen stundenlang nicht stattfinden; Termine für Standarduntersuchungen dauern Monate. International bekannt wurde der Fall eines krebskranken Jungen, dessen Eltern mit dem Kind nach Spanien flüchteten, weil in Großbritannien keine adäquate Behandlung für den Schwerkranken möglich war.

Die Aufsichtsbehörden schlagen längst Alarm. Hausarztpraxen werden von offiziellen Prüfern als „gefährlich“ eingestuft. Professor Steve Field, Chefinspekteur für Hausärzte bei der Kommission für die Qualität der Pflege (CQC), hält die Lage in 200 der 8.000 Praxen in England für so brisant, dass sie das Wohl der Patienten gefährden. Fields Liste liest sich wie ein Gruselszenario: Falsche Medikamente werden verschrieben, Krebszeichen nicht rechtzeitig erkannt, deutlich zu viele Antibiotika verordnet. „Es ist nur eine vergleichsweise kleine Zahl von Praxen, aber sie können Hunderttausende Patienten gefährden“, sagt Field.

Der NHS kämpft mit Strukturproblemen. „Wir haben hier in Wales weniger Ärzte als in allen anderen EU-Ländern“, sagte die Vorsitzende der walisischen Partei Plaid Cymru im Vorjahr. In Großbritannien sterben pro Jahr 6.000 Kinder im Alter unter fünf Jahren – eine Rate, die um 25 Prozent über dem Europa-Durchschnitt liegt. Hoch entwickelte Länder wie Schweden, Deutschland und vor allem Island haben deutlich günstigere Statistiken vorzuweisen. „Mit diesen Zahlen haben wir die Rote Laterne in der Tabelle Westeuropas“, sagt Ingrid Wolfe vom Royal College of Paediatrics. Im vergangenen Winter mussten mehr als 78 000 Krankenwagen länger als 30 Minuten vor Krankenhäusern warten, bis ihre Patienten aufgenommen wurden, ergab eine offizielle Statistik.

Horror-Kunstfehler

Eileiter entfernt statt Blinddarm, Hoden abgenommen statt nur eine Zyste herausgeschnitten: Englische Ärzte haben in den vergangenen Jahren haarsträubende Fehler gemacht. Zwischen 2012 uns 2015 seien alleine in England mehr als 1.100 Fehler dokumentiert worden, die eigentlich nie hätten passieren dürfen, berichtete die britische Nachrichtenagentur PA.

Dazu zählten über 400 Operationen an falschen Knien, Augen oder Hüften sowie mehr als 420 Objekte, die nach OPs in den Patienten vergessen worden seien – darunter Verbandsmull, Tupfer, Skalpellklingen und Nadeln. Einer Frau hätten Ärzte eine Niere entfernt statt einen Eierstock. Diabetes-Patienten hätten kein Insulin bekommen, andere Blut der falschen Blutgruppe oder falsche Implantate. Vereinzelt seien schlicht die Patienten verwechselt worden.

„Ein einziger dieser Fehler ist einer zu viel“, kommentierte eine Sprecherin des Gesundheitsdienstes NHS England. 2015 wurden jedenfalls neue Richtlinien veröffentlicht, um sie zu verhindern.

Ungeachtet dessen klagen Ärzte und Pfleger permanent über chronische Unterfinanzierung und enorme Arbeitslast mit vielen Überstunden.

Die Probleme sind in der Politik erkannt – doch getan wird nicht allzu viel. Unter der konservativen Regierung von Premierminister David Cameron ging die Finanzierung immer weiter zurück. Im Jänner des Vorjahres kam es zur Rebellion der Krankenhäuser, von denen 80 Prozent unterfinanziert sind. Premierminister David Cameron will bis 2020 jährlich acht zusätzliche Milliarden ins System pumpen. Der frühere Labour-Chef Ed Miliband, der das für leere Versprechungen hielt, wollte einen Pflege-Fonds mit jährlich 2,5 Milliarden Pfund (rund 3,5 Milliarden Euro) auflegen.

Im Wahlkampf vor den Unterhauswahlen 2015 – die Cameron gewann – nahm man es auch mit den Problemen nicht so genau. „Wenn Sie oder jemand aus Ihrer Familie krank werden, stellen wir sicher, dass Sie sich auf unseren gefeierten NHS verlassen können, der Ihnen die Hilfe zukommen lässt, die Sie brauchen“, sagt Cameron und fährt fort: „Die Versorgung von Neugeborenen ist bei uns besser als überall sonst in der Welt.“

Zumindest für royale Geburten, wie jene von Herzogin Kates zweitem Baby, dürfte das stimmen. Sie kam in einer Privatklinik nieder und zahlt dafür rund 12.000 Pfund (rund 16.000 Euro).

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