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Gesundheitspolitik 5. Juli 2016

„Die Verwirrung wächst“

Nach dem Brexit sorgen sich britische Ärzte um das Gesundheitswesen und Forscher um ihre Zukunft.

Der Schock sitzt tief. Auch zwei Wochen nach dem EU-Referendum sind die Folgen des Brexit unabsehbar. Britische Mediziner glauben, dass der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union das staatliche Gesundheitswesen hart treffen könnte. Ausländische Ärzte und Pflegekräfte fürchten um ihre Existenz. Und britische Wissenschaftler sorgen sich um den Fortbestand ihrer Forschung.

Das staatliche britische Gesundheitswesen (National Health Service, NHS) und die sozialen Dienste auf der Insel beschäftigen nach Angaben des Londoner Gesundheitsministeriums aktuell etwa 130.000 europäische Arbeitskräfte, darunter tausende Ärzte. Viele von ihnen sind verunsichert. Müssen sie nach Umsetzung des Referendums Großbritannien verlassen? Bekommen sie schlechtere Arbeitsverträge?

„Die Verwirrung wächst“, konstatiert Prof. Dr. Martin McKee, Ordinarius für das Europäische Gesundheitswesen an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, im „British Medical Journal“. Die künftige Finanzierung des NHS, die Zukunft Schottlands (das, um in der EU bleiben zu können, ein zweites Referendum über den Austritt aus dem Vereinigten Königreich angekündigt hat), die Freizügigkeit zwischen der EU und Großbritannien, die Zukunft der britischen Forschung, Pharmaindustrie und der in London ansässigen Europäischen Arzneimittel-Kontrolle – alles sei auf Monate oder Jahre hin in der Schwebe.

McKee ist Mitinitiator eines offenen Briefs, den 188 britische Gesundheitsexperten bereits im Vorfeld des EU-Referendums in der „Times“ veröffentlicht hatten. Darin warnten sie vor allem vor den finanziellen Folgen des Brexit für den NHS:

„Der Beitrag des Vereinigten Königreichs zum EU-Haushalt ist Teil einer Vereinbarung, die uns Zugang zum Binnenmarkt erlaubt. Wenn wir da herausgezogen werden, sind die wirtschaftlichen Nachteile weit größer als die zu erwartenden Einsparungen. Das würde die sowieso schon leeren Kassen des NHS zusätzlich belasten.“

Wahlversprechen gebrochen

Damit zielten die Mediziner, unter ihnen der international renommierte Psychiater Sir Simon Wessely und seine Kollegin Dame Sue Bailey, Abgeordnete im britischen Parlament, auf ein zentrales Versprechen der Brexit-Befürworter: Nach einem Austritt aus der Europäischen Union werde man wöchentlich 350 Millionen Pfund an den NHS überweisen statt an die EU. Von dieser Zusicherung hat sich der britische Rechtspopulist Nigel Farage von der UK Independence Party (Ukip), einer der prominentesten Befürworter des Brexit, jedoch schon wenige Tage nach dem Referendum distanziert.

Konkreter zeichnen sich die Auswirkungen des Brexit auf die Zukunft der europäischen Arzneimittelüberwachung ab. Derzeit hat die Euro-paen Medicines Agency (EMA) ihren Sitz in London. Schwer vorstellbar, dass dies nach dem Brexit so bleibt.

Bereits einen Tag nach dem Referendum forderte der deutsche Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller den Umzug der EU- Behörde nach Bonn, wo das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ansässig ist. Auch in Dänemark, Schweden und Italien gibt es Initiativen, die EMA ins eigene Land zu holen. Richard Bergström, Hauptgeschäftsführer des Europäischen Pharmaverbandes (EFPIR), fürchtet einen enormen Verlust an Know-how, ganz gleich wohin es die Europäische Arzneimittel-Agentur verschlägt: Viele Spezialisten würden die EMA vor einem Umzug ins Ausland lieber verlassen.

Bei dem am 23. Juni abgehaltenen Referendum hatten 51,9 Prozent der Briten für einen EU-Austritt votiert. „Das ist ein schlechtes Ergebnis für die britische Wissenschaft und damit auch schlecht für Großbritannien“, kommentierte der Biochemiker Professor Paul Nurse, Direktor des Francis Crick Instituts in London und Medizin-Nobelpreisträger von 2001. „Britische Wissenschaftler werden in Zukunft härter arbeiten müssen, um den Isolationismus, der mit dem Brexit einhergeht, zu kontern, wenn unsere Forschung weiterhin gedeihen soll.“

Im Vorfeld des Referendums hatten sich in einer Umfrage unter 907 britischen Wissenschaftlern („Brexit Survey 2016“, veröffentlicht in der Zeitschrift „Nature“) mehr als 80 Prozent für einen Verbleib Großbritanniens in der EU ausgesprochen. Fast ebenso viele äußerten die Ansicht, dass ein Austritt schädliche Folgen für die Wissenschaft des Vereinigten Königreiches haben werde.

Aktuell beziehen die Universitäten in Großbritannien etwa 16 Prozent ihrer Forschungsförderung und 15 Prozent ihres Personals von der EU. Ob das nach dem Brexit ausgeglichen wird und wenn ja wie, steht derzeit in den Sternen. Sorgen bereitet britischen Akademikern zudem, dass die Briten nun den Zugang zu europäischen Forschungsprogrammen wie „Erasmus“ oder „Horizont 2020“ verlieren könnten, die den wissenschaftlichen Austausch fördern und Forschungsstipendien vergeben. In keinem EU-Staat werden derzeit so viele Wissenschaftler vom Europäischen Forschungsrat unterstützt wie in Großbritannien.

Milliardenverlust für Forschung

Vor dem Referendum warnte die Londoner Beratungsfirma „Digital Science“, dass die britische Wissenschaft nach dem Brexit eine Milliarde Pfund pro Jahr an Forschungsförderung verlieren könnte. Um den Anschluss an die internationale Forschung zu halten, müsste die Regierung diese Summe ausgleichen.

„Wenn ich heute ein junger Forscher oder eine junge Forscherin in Großbritannien bin und weiß, dass ich große Fördermittel akquirieren muss, um Karriere zu machen, dann würde ich mir schon überlegen, ins EU-Ausland zu gehen, wo ich besseren Zugang zu diesem Geld habe“, sagte Prof. Dr. Barbara Prainsack, Politologin am King’s College in London und Mitglied der österreichischen Bioethikkommission, kürzlich im Österreichischen Rundfunk.

Da Brexit-Befürworter im Vorfeld des Referendums auch die ausländerfeindliche Stimmung auf der Insel angeheizt haben, fragen sich britische Forscher zudem, ob einigen Kollegen aus dem Ausland künftig die Einreise verwehrt wird.

„Jeder Fehler dabei, den freien Austausch von Menschen und Ideen zwischen dem Vereinigten Königreich und der internationalen Community inklusive Europa weiterhin zu gewährleisten, könnte der britischen Wissenschaft empfindlich schaden“, warnte der Biologe Prof. Dr. Venkatraman Ramakrishnan, Präsident der Royal Society in London und Chemie-Nobelpreis-Träger von 2009. Umgekehrt könnten Jungakademiker aus dem europäischen Ausland künftig selbst von einem Studium in Großbritannien absehen, da die Studiengebühren nach dem Brexit erheblich ansteigen dürften.

„Ich schäme mich für mein Land“, klagte die schottische Biologin Anne Glover, Dekanin der University of Aberdeen und bis 2014 wissenschaftliche Chefberaterin des Präsidenten der EU-Kommission, nach dem Austritt der Briten in einem Interview mit dem Magazin „Science“. „Ich schäme mich, weil das Referendum nicht auf Beweisen gründet, sondern auf Vorurteilen gegen Einwanderer. Vermutlich hat bei seinem Ausgang auch eine Rolle gespielt, dass unsere Medien seit etwa 20 Jahren nie etwas Gutes über die EU gesagt haben. Es hieß immer ‚wir‘ und ‚sie‘. Niemand hat je versucht zu erklären, was das Projekt EU bedeutet oder warum es für uns so wertvoll ist.“

Pete Smith, Ärzte Woche 27/2016

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