zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 23. November 2005

Gruppenpraxen: Ein Quantensprung für die Qualität der Versorgung

Vor nunmehr fast zwei Jahren wurden im Rahmen der zweiten Ärztegesetz-Novelle Gruppenpraxen als mögliche Form der ärztlichen Zusammenarbeit gesetzlich verankert. Beim ÄRZTE WOCHE-Stammtisch in Tirol wurde über Wünsche und Vorstellungen aller Beteiligten in Sachen Gruppenpraxis diskutiert.

Eine Gruppenpraxis soll die Zusammenarbeit von Ärzten in der Rechtsform einer selbständig berufsbefugten Offenen Erwerbsgesellschaft (OEG) darstellen. Die Berufsbefugnis richtet sich dabei nach jener der beteiligten Ärzte, so dass eine Gruppenpraxis bei Beteiligung von Ärzten mehrerer Fachrichtungen grundsätzlich in all diesen Spezialgebieten tätig werden könnte. Die Zusammenarbeit kann laut Gesetz ausschließlich in der Rechtsform einer OEG erfolgen, die in das Firmenbuch eingetragen wird. Eine Gruppenpraxis ist ein rechtsfähiges Organ und tritt somit als Vertragspartner von Patienten und Lieferanten auf. Dies äußert sich auch in der Befugnis zum Abschluss von Kassenverträgen. Im Gegensatz zu einer Ordinationsgemeinschaft sollen die Verträge nicht mehr mit den einzelnen Ärzten, sondern mit der Gruppenpraxis abgeschlossen werden.

Gesellschafter dürfen laut Gesetzgebung allerdings nur zur selbständigen Berufsausübung berechtigte Ärzte und Dentisten sein. Jeder Gesellschafter hat die Befugnis zur alleinigen Vertretung und Geschäftsführung. Dies bedingt allerdings auch, dass jeder Beteiligte für die OEG mit seinem gesamten Vermögen, auch dem privaten, haftet. Soviel zu den Rahmenbedingungen, für die Vertragsverhandlungen sind Kassen und Kammern der Bundesländer zuständig. Was ist bisher geschehen? Die Akzeptanz in den Bundesländern war größtenteils zögerlich. Oberösterreich allerdings legte schon vor mehr als einem Jahr seine Ausarbeitung der Gruppenpraxenverträge vor, begleitet von heftiger Kritik aus anderen Bundesländern. Kritisiert wurden einige Details aus dem Bereich Honorierung, die jetzt als „Hemmschuh“ bei Verhandlungen wirken.

In Tirol genießt zur Zeit die Ausarbeitung von Verträgen für die Errichtung von Gruppenpraxen oberste Priorität, nachdem die Verhandlungen über die Reihungsrichtlinien abgeschlossen sind. Noch dieses Jahr soll ein Vertragswerk vorliegen. Um den Status quo zu diskutieren, hat die ÄRZTE WOCHE Vertreter von Kasse und Kammer sowie Angehörige verschiedener Ärztegruppierungen zum Stammtisch gebeten.

Die Diskussion leitete Michael Dihlmann

Dr. Artur Wechselberger
Arzt für Allgemeinmedizin, Innsbruck
Präsident der Ärztekammer Tirol
Tel. 0512/52058-0
wechselberger@aektirol.at

Die Vorbereitungen innerhalb der Ärztekammer für die Verhandlungen mit der Gebietskrankenkasse in Sachen Gruppenpraxis sind getroffen. Nachdem wir im letzten halben Jahr mit anderen Dingen ausgelastet waren, kommt nun die Gruppenpraxis mit großer Priorität an die Reihe. Wir unterliegen einer Gesamtvereinbarung zwischen Hauptverband und Österreichischer Ärztekammer, die wir Gott sei Dank nicht unbedingt übernehmen müssen. Wir sind derzeit dabei, Vorschläge auszuarbeiten, die sich weitestgehend an die Einzelverträge anlehnen. Das Problem ist die Gesellschaftsform der OEG sowie die unterschiedlichen Vorstellungen, wo Bedarf für Gruppenpraxen besteht. Die Bedingungen müssen jedenfalls so gestaltet sein, dass der Arzt wirklich Lust auf eine Gruppenpraxis bekommt.

Wir haben als Ärzteschaft immer die Zusammenarbeit forciert. Der Hauptverband war jedoch der große Bremser. Wenn der Hauptverband einerseits fordert, Qualität zu bieten, zu prüfen und zu sichern, andererseits aber die Zusammenarbeit von Ärzten blockiert, dann weiß man dort nicht, was Qualität bedeutet. Es ist ein Quantensprung in der Qualität einer Arztpraxis, wenn man mit Partnern arbeiten kann. Ich bin für eine Liberalisierung der ärztlichen Zusammenarbeit, jedoch nicht ohne Mitspracherecht bei der Wahl des Partners. Man sollte eine Gesetzesänderung anstreben, welche die OEG als zwingende Gesellschaftsform abschafft, die meines Erachtens nicht die optimale Form der Zusammenarbeit unter Ärzten darstellt.

Das oberösterreichische Modell hat mich bereits vor Jahren schon geärgert, ich habe mir damals nicht nur Freunde gemacht. Als ich mir den Vertrag vor dieser Diskussion wieder durchgelesen habe, musste ich feststellen, dass man – auch wenn die Grundtendenz der Suche nach differenzierten Zusammenarbeitsformen richtig und begrüßenswert ist – in vier Modelle normalerweise gar nicht soviel „Ostblock“ hineinpacken kann.

Raimund Eller
Steuerberatungskanzlei Jünger,
Innsbruck
Tel. 0512/59859-0
r.eller@juenger.at

Die schon lange möglichen Formen der ärztlichen Zusammenarbeit lassen Praxisgemeinschaften in verschiedenen Formen zu. So können beispielsweise Wahlärzte oder auch Ärzte mit Einzelverträgen problemlos in Form einer Apparate- oder Ordinationsgemeinschaft tätig sein. Jedenfalls besteht auch ohne das gesetzliche Konstrukt der Gruppenpraxis für Ärzte schon jetzt genügend Spielraum für die Realisierung der betriebswirtschaftlichen, qualitätsbezogenen und persönlichen Ziele einer Gemeinschaft.

Wenn nun der politische Wille zu einer stärkeren Vergemeinschaftung von Ärzten in Form einer Gruppenpraxis da ist, darf man keine zusätzlichen Restriktionen einbauen. Ich denke dabei an die zwingende Gesellschaftsform, Rabattierung bei Honoraren oder mangelhaftes Mitspracherecht bei der Partnerwahl. Man muss ganz im Gegenteil versuchen, die Gruppenpraxis attraktiv zu machen. Ich sehe derzeit aber keine Anreize, warum sich Ärzte in Form einer Gruppenpraxis zusammentun sollten; insbesondere weil das größte Manko der bisherigen Gemeinschaftsformen, nämlich die fehlende Regelung hinsichtlich der Kassenverträge, bislang auch bei der Gruppenpraxis nicht gelöst ist. Der Trend zu kooperieren ist zweifelsohne da, ich bezweifle allerdings, ob die Gruppenpraxis in der jetzigen Form dafür neue Impulse gibt.

Dr. Gerhart Handle
Orthopäde, Wahlarzt, Innsbruck
Tel. 0512/560056
office@orthopaedie-tirol.at

Hauptauftrag im Zusammenhang mit der Gruppenpraxis ist die Verbesserung der Versorgung der Patienten. Die ganzen auftretenden Probleme und die Diskussion um die Finanzierung sollten einen daher nicht abschrecken, auch Verbesserungen anzustreben. Die Ansprüche an Ärzte werden derzeit stetig erhöht. Ausbildungsnachweise werden gefordert, die Fortbildungsstundenanzahl wird erhöht. Das ist ohne Kooperation fast nicht mehr sinnvoll zu schaffen. Wenn mir dann als Einzelkämpfer nur noch drei Tage pro Woche für die Ordination zur Verfügung stehen, wird keiner mehr zufrieden sein.

Ein Höchstmaß an Können ist nur mit entsprechender Spezialisierung und Fortbildung zu halten, und das fordert geeignete Kooperationsmöglichkeiten. Man darf den Schritt zur besseren Qualität nicht mit dem Argument sterben lassen, dass eventuell mehr Kosten entstehen könnten. Wenn ein Arzt jene Behandlungszeit aufwendet, die die Patienten von ihm fordern, kann es passieren, dass er auf seinem Wissensstand stehen bleibt. Ich kann mir daher auch vorstellen, dass speziell die ältere Generation auf geeignete Modelle ansprechen würde. Man sollte einfach einmal ein geeignetes Probeprojekt durchführen.

Dr. Bernhard Huter
Orthopäde mit Kassenvertrag, Innsbruck
Tel. 0512/560056
office@orthopaedie-tirol.at

Ich glaube nicht, dass durch Gruppenpraxen zwangsläufig mehr Kosten für das Sozialsystem entstehen. Außerdem ist der politische Auftrag ganz klar: Weg vom intramuralen in den extramuralen Bereich. Wir werden den Schritt daher irgendwann tun müssen.

Ich sehe Hauptvorteile in der Patientenversorgung, sehe aber bei der Durchführung von Pilotprojekten das Problem, dass wieder zu viel Zeit verstreicht. Oberösterreich dient nicht als Vorbild, da es dort zwar einen Vertrag gibt, aber noch keine Gruppenpraxis, wie ich sie verstehe, nämlich mit mindestens zwei Vollerwerbsärzten. Wenn ich mir die Bedingungen anschaue, glaube ich auch, dass das so bleiben wird. Wer allerdings qualitativ hochwertige Ärzte haben will, muss ihnen einen Raum für Fortbildung geben. Rabattierungen haben aus betriebswirtschaftlicher Sicht ohnehin keinen Platz.

Dr. Stephan Huter
Internist, Wahlarzt, Innsbruck
Tel. 0512/263686
dr.stephan.huter@aon.at

Die Schwellenangst der Patienten, den Arzt zu wechseln, ist groß. Ich glaube, dass es viele Patienten als Vorteil schätzen würden, jeden Arztbesuch „durch die gleiche Tür“ erledigen zu können. Ich kann nicht nachvollziehen, dass Ärzte mit jenen Ordinationen ein Problem haben, die versuchen, eine bessere Qualität zu bieten, beispielsweise durch Kooperationen. Es ist legitim, dass der mit dem besseren Service auch das Geschäft macht. Nur die Kooperation ermöglicht es uns, zwischen Weihnachten und Dreikönig die Ordination offen zu halten. Ein wenig Wettbewerb ist schließlich nur gut für den Patienten.

Horst Jünger
Steuerberater, Innsbruck
Tel. 0512/59859-0
info@juenger.at

Es gibt keinen einzigen Grund, warum die von Gruppenpraxen geforderte bessere Behandlungsqualität ein geringeres Honorar nach sich ziehen sollte. Die Vorgaben der oberösterreichischen Lösung in Sachen Honorarrabattierung sind indiskutabel, sie stehen in keiner realistischen Größenordnung zum Einsparpotenzial bei Gruppenpraxen. Geringes Einsparpotenzial ist zwar vorhanden, wird aber durch die Zusatzkosten der Auflagen mehr als ausgeglichen. Darin sind sich Österreichs führende Ärztespezialisten unter den Beratern auch einig.

Für die Ärzteschaft stellt sich natürlich bei Abschluss einer Kassenvertragsregelung für Gruppenpraxen die Frage, ob und inwieweit die eventuelle Neu- oder Umverteilung des sicher nicht größer werdenden Kuchens gewünscht ist. Chancen für die Ärzteschaft liegen meiner Ansicht nach unter anderem in der Nachfolgepraxis. Diese ist für mich ein großes Thema, allerdings nur „zufällig“ dem Themenbereich Gruppenpraxen zugeordnet. So etwas könnte man an und für sich auch abseits des Themas Gruppenpraxis lösen.

Dir. Dkfm. Heinz Öhler
Tiroler Gebietskrankenkasse
Tel. 0512/5916-0
heinz.oehler@tgkk.sozvers.at

Ich sehe bei der Gruppenpraxis in erster Linie das Problem der Konkurrenz zu den verbliebenen Einzelpraxen. Was passiert am Land mit mehreren Einzelstellen, wenn sich eine Gruppenpraxis etabliert? Der politische Wille, den niedergelassenen Bereich zu stärken, ist jedenfalls da, allerdings haben wir Sozialversicherungen deshalb nicht mehr Geld zur Verfügung.

Eine Ausweitung des Stellenplanes, die für eine Etablierung der Gruppenpraxen notwendig wäre, ist daher nicht möglich. Wenn durch die Gruppenpraxen der politisch angestrebte Effekt eintritt, dass Patienten vom stationären in den extramuralen Bereich wechseln, dann muss auch Geld vom stationären Sektor in den niedergelassenen Sektor fließen. Man kann in Oberösterreich nicht davon reden, dass die Ärztekammer über den Tisch gezogen wurde. Immerhin haben Kammer und Kasse die Lösung gemeinsam ausgearbeitet und auch den Vertrag gemeinsam unterschrieben. Wir werden bei unseren Verhandlungen die bereits existierenden Modelle in Oberösterreich und Wien einbringen und versuchen, aus den dort gemachten Erfahrungen zu lernen. Ein Hauptproblem ist sicher die EU-konforme Vergabe von Planstellen.

Dr. Momen Radi
Wahlärztereferent und Kurienobmann
der Niedergelassenen Ärzte,
Ärztekammer Tirol
Internist, Wahlarzt, Innsbruck
Tel. 0512/263686
dr.m.radi@aon.at

Ich glaube, dass man Gruppenpraxen vor allem in Ballungsräumen braucht. Dort kann man konkurrenzfähig gegenüber Kliniken bleiben. Solche Gruppenpraxen scheinen derzeit nur für Wahlärzte interessant zu sein. Für einen Vertrag für zwei oder mehr Ärzte in einer Gruppe scheint kein Geld vorhanden zu sein, und ein Einzelvertrag für zwei Ärzte oder mehr kann wohl nicht angenommen werden.

Wir arbeiten als Wahlärzte bereits in einer Kooperation zusammen, damit ermöglichen wir den Patienten Zugang zu Zeiten, die in einer Einzelordination unmöglich wären, teilen uns Urlaube und Dienste. Es kann allerdings nicht sein, dass die Phantasie bei doppeltem Umsatz für zwei Ärzte endet. Man muss auch die Synergien einrechnen. Mehr Zeit für den einzelnen Arzt bedeutet mehr Fortbildung und mehr Erholung und damit auch mehr fachlich-sachliche, aber auch menschlich-emotionale Qualität. Die Übergabepraxis in Oberösterreich entspricht sicherlich dem Wunsch vieler Ärzte und dem Trend, müsste aber nicht in der starren Gesellschaftsform einer Gruppenpraxis als OEG ablaufen.

Dr. Bernhard Schreiner
Vertragspartnerabteilung, Tiroler GKK
Tel. 0512/5916-0
bernhard.schreiner@tgkk.sozvers.at

Wenn die Krankenkassen kein zusätzliches Geld bekommen, sind die Gruppenpraxen zum Scheitern verurteilt. Wir haben ja schon Probleme, zusätzliche Einzelplanstellen zu schaffen. Wenn man über Gruppenpraxen redet, muss man auch über die Finanzen nachdenken.

Es geht nicht nur darum, dass sich bestehende Vertragsärzte zu Gruppenpraxen zusammenschließen, vielmehr steht dahinter auch der Versuch, Wahlärzten den Kassenmarkt zu eröffnen. Dabei muss eins plus eins nicht zwei ergeben, wie im Rahmen eines Pilotprojektes im Zillertal erfolgreich vorexerziert wurde. Dennoch muss die Kasse mit einem Mehraufwand kalkulieren, der im knappen Kassenbudget Deckung finden muss.

Dr. Christine Schweizer
Ärztin für Allgemeinmedizin,
Oberperfuss
Tel. 05232/82211
dr.schweizer@utanet.at

Ich kann nur neidvoll zuhören, was bei den Fachärzten in der Stadt so alles möglich ist. Ich komme vom Land und habe die gleichen Probleme mit Urlaub, Kranksein oder Fortbildung. Wir könnten in Kooperation viele Dinge aufgreifen, die brach liegen, aber die Sozialversicherung viel Geld kosten. Dabei ist der Unterschied zwischen Stadt und Land zu beachten. Ich glaube nicht, dass das Aufziehen einer ordentlichen Gruppenpraxenregelung mehr Geld kostet, sondern ganz im Gegenteil. Wenn mich ein Kollege vertritt, werden viele Untersuchungen doppelt gemacht, weil er die Patienten nicht kennt. Das könnte man sich alles sparen. Außerdem ist die Führung einer typischen Landpraxis eine große Belastung und eigentlich zu viel für eine Person. Für mich wäre auch eine Nachfolgepraxis interessant, also eine schrittweise Übergabe an einen geeigneten Nachfolger. Das müsste doch im Rahmen der finanziellen Vorgaben machbar sein.

Dr. Wolfgang Sterzinger
Orthopäde mit Kassenvertrag, Innsbruck
Tel. 0512/560056

In Österreich ist der sozialpolitische Wille der Verlagerung ärztlicher Tätigkeit hin zum extramuralen Bereich da, daher sehe ich auch langfristig einen Trend hin zu geeigneten Kooperationsformen. Wir sind in unser Gemeinschaftspraxis als Gesellschaft bürgerlichen Rechts organisiert, teilweise ohne und teilweise mit Einzelkassenverträgen. Wir haben im Laufe der letzten Jahre festgestellt, dass unsere Kooperationsform in allen Bereichen Vorteile bringt.

Der wesentliche Faktor ist allerdings nicht, wie üblicherweise unterstellt, das Geld, sondern die Qualität. Die Zweitmeinung beispielsweise ist in unserem Fach unglaublich wichtig. Der Patient wünscht sich außerdem eine Kontinuität, dass also im Falle von Urlaub oder Krankheit die Behandlung nahtlos weitergeführt werden kann. Die persönliche Beziehung ist unglaublich wichtig. Ich bin überzeugt, dass deshalb viele Patienten wieder gerne zu unserem Team kommen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben