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© Hans Punz / picture alliance
Die SPÖ-Gesundheits- und Frauenminsterin Dr. Sabine Oberhauser (auf der Wiener Regenbogenparade Anfang Juni) denkt laut über eine Meldestelle gegen Frauenhass im Web nach.
 
Gesundheitspolitik 27. Juni 2016

Trolle stoßen auf Gegenwehr

Sexistische Beschimpfungen gegen Frauen brechen sich online Bahn. Nicht jede lässt sich das gefallen.

„Uns reicht‘s!“ „#GegenHassImNetz“. Prominente Medienschaffende steigen gegen die in Online-Foren vorgetragenen persönlichen Untergriffe auf die Barrikaden. Ärzte und Ärztinnen scheuen noch das Outing.

„Stell dir vor, ich steh vor deiner Tür und schlag dir mit einem Hammer in dein Gesicht hinein.“ Mit so einem Satz beginnt normalerweise kein Zeitungsartikel, in diesem speziellen Fall aber schon. Denn es geht um Hass im Netz, und der Eingangssatz ist ein reales Beispiel, dass die profil-Autorin Ingrid Brodnig beschrieben hat. „Natürlich sind Worte Gewalt“, sagt die Journalistin.

Das Nachrichtenmagazin profil ( bit.ly/28PXecK ) und die Tageszeitung Kurier liefern Strategien gegen die Wut im Web. Es ist auch höchste Eisenbahn, dass sich jemand wehrt, denn der Hass im Netz scheine dieser Tage grenzenlos, sagt Brodnig.

Es sind solche Kommentare, die wie verbale Bomben hochgehen. „Dann sollns halt ersaufen!!!“ postete eine Facebook-Userin ihre Ablehnung gegen kostenlose Schwimmkurse für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Und die vom Kurier zur Anzeige gebracht wurde.

Nicht der erste verhetzende Kommentar, mit dem so verfahren wird, denn der Medieninhaber ist auch für das Niveau der Meinungsäußerungen auf sozialen Kanälen verantwortlich und kann seinerseits dafür belangt werden, erklärt die Social-Media-Redaktion der Zeitung.

Seit 1. Jänner 2016 gelten verschärfte strafrechtliche Regelungen. „Wer im Wege einer Telekommunikation eine Person in ihrer Lebensführung unzumutbar über eine längere Zeit beeinträchtigt, kann zu maximal einem Jahr Haft oder einer Geldstrafe verurteilt werden“, heißt es im § 107 C Strafgesetzbuch.

Schlechte Erfahrungen mit Social Media öffentlich machen

Brodnig, Expertin für alle Aspekte der digitalen Welt, ist für Frauenministerin Sabine Oberhauser ein „Testimonial“. Solche Frauen brauche es, die öffentlich über Erfahrungen berichten. Oberhauser hat in der Presse laut über eine Meldestelle gegen Frauenhass im Netz nachgedacht. Eine private Intitiative gibt es bereits. Star-Reporterinnen wie Ingrid Thurnher und Corinna Milborn machen unter dem Titel „Uns reicht‘s!“ sexistische Beschimpfungen, Vergewaltigungs- und Morddrohungen publik. Abscheuliches Beispiel eines Hasskommentars an eine Kollegin Milborns: „Du Fotze, ich hoffe deine schutzsuchenden Musels ficken dich in alle deine dreckigen Löcher, bis du verblutest.“

Nun sind Journalisten eine exponierte Personengruppe, ZiB 2-Moderator Armin Wolf erhält 300 Hass-Postings pro Monat. Mit dieser Flut an Unflätigem muss ein durchschnittlicher Mediziner nicht rechnen. Der Mobbing-Ombudsstelle der Ärztekammer wurde noch kein Fall vorgelegt, der einen Arzt betrifft. Das kann aber auch an einer Hemmschwelle der Ärzte liegen, abwertende Kommentare zu veröffentlichen.

Brodnig empfiehlt den Blick über die Grenze nach Deutschland. Dort sei das Justizministerium im vergangenen Herbst eine Taskforce mit Facebook, Google und der Zivilgesellschaft eingegangen. Damals haben die IT-Konzerne zugestimmt, strafrechtlich relevante Hasskommentare binnen 24 Stunden zu löschen. Laut profil-Informationen arbeitet das heimische Justizministerium an einer Handhabe, um strafrechtlich relevante Hasskommentare schneller von Facebook entfernen zu können. Das Magazin zitiert Gerd Billen, Staatssekretär im Ministerium, mit den Worten: „Wir kriegen Rückmeldungen, dass Kommentare, die von jedermann und jederfrau gemeldet werden, nicht ausreichend entfernt werden.“ Facebook müsse Meldungen ernsthaft überprüfen, die von Privatpersonen eingebracht werden, so Billen laut profil weiter.

Ein Shitstorm kann jeden treffen: Der Arzt und Parlamentarier Dr. Markus Franz musste die ÖVP im Frühjahr verlassen, weil er bloggte, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel kompensiere mit der Flüchtlingspolitik ihre Kinderlosigkeit. Die Reaktionen im Netz reichen von „vollkommen unnötige Aussage“ über „Frauenversteher“ bis „Idiot“.

Martin Burger, Ärzte Woche 26/2016

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