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© Österreichischer Apothekerverband

Mag. Thomas Veitschegger Vizepräsident im Österreichischen Apothekerverband

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© ÖÄK/Zeitler

Dr. Gert Wiegele Stv. Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte der ÖÄK

 
Gesundheitspolitik 27. Juni 2016

Ärzte bekommen Konkurrenz

Apotheken als umfassende Gesundheitsdienstleister: Die heimischen Pharmazeuten wollen in Zukunft Impfungen anbieten und Wiederverschreibungen ausstellen dürfen.

Der Verbandstag der Apotheker kann sich eine Erweiterung des Angebots in Richtung Gesundheitsdienstleistungen nach Schweizer Vorbild vorstellen. Laut Vizepräsident Mag. Thomas Veitschegger bietet das Eidgenössische Apothekensystem seit 2001 „ein weitreichendes, honoriertes Leistungsspektrum wie Impfungen, Nachfolgerezepte sowie diverse Vorsorgemaßnahmen und Betreuungsleistungen“ an.

Dr. Gerhard Aigner, Sektionschef im Gesundheitsministerium, verweist darauf, dass Apotheken bereits jetzt eine Fülle an Dienstleistungen erbringen würden. Darüber hinaus sollten sie zukünftig aber auch in die Primärversorgung eingebunden werden. Dafür wolle er sich als „Brückenbauer“ einsetzen. Auch der Sprecher der Patientenanwälte Dr. Gerald Bachinger plädiert dafür, die Apotheken in das PHC-Kernteam einzubinden und deren fachliche Ressourcen besser als bisher auszuschöpfen.

Hauptverbandsvorsitzende Mag. Ulrike Rabmer-Koller wiederholt ihre Forderung nach einer Überarbeitung des Gesamtsystems mit einem starken Fokus auf der Primärversorgung. Vor allem bei der Betreuung chronisch Kranker „müssen wir gegensteuern und da sollen auch die Apotheken eine Rolle spielen“.

Die Ärztekammer, die an der Diskussion nicht beteiligt war, sieht die Ambitionen des Apothekenverbandes hingegen kritisch, vermutet dahinter weniger medizinische als vielmehr wirtschaftliche Motive.

Vier-Augen-Prinzip garantiert Sicherheit

„So wenig Medikamente wie möglich, so viele wie nötig.“

Das Apothekensystem in der Schweiz hat bereits vor 15 Jahren begonnen, sich neu zu positionieren. Mittlerweile sind die Schweizer Apotheken Gesundheitsdienstleister, die einen Gutteil ihres Einkommens mit Präventionsmaßnahmen und Betreuungsleistungen bestreiten.

Damit sind sie ein Vorreiter in Sachen Dienstleistungsangebot in der Apotheke. Das heißt aber nicht, dass ich alles gutheiße, was im Schweizer Gesundheitssystem passiert. Ich denke da an die Dispensierfreiheit von Ärzten in einigen Kantonen, die auf keinen Fall nachahmenswert ist. Denn dort werden mittlerweile mehr Medikamente verschrieben als anderswo.

Ich denke, dass die Patienten so wenige Medikamente wie möglich und so viele wie nötig einnehmen sollten. Daher müssen Diagnose und Therapie sauber getrennt bleiben. Das Vier-Augen-Prinzip von Arzt und Apotheker, das in Österreich seit Hunderten Jahren gelebt wird, garantiert hier die Arzneimittelsicherheit für die Patienten.

Darüber hinaus wollen wir aber auch den Schweizer Weg der Dienstleistungsapotheke einschlagen und zukünftig mehr Gesundheitsdienstleistungen anbieten. Unsere Apotheken sind schließlich nicht nur der niederschwelligste Zugang zum Gesundheitssystem, sondern mit ihrer Fachkompetenz und ihren langen Öffnungszeiten auch ideal, um strukturiert in der Prävention und in der Betreuung chronisch Kranker tätig zu werden. Die dabei erbrachten Leistungen sollen selbstverständlich auch angemessen honoriert werden.

Eine Umfrage der Firma Akonsult hat ergeben, dass sich 86 Prozent der Bevölkerung vorstellen können, bestimmte Gesundheitsmaßnahmen in den Apotheken durchführen zu lassen. Wir Apotheker haben im Gegenzug mehrfach bewiesen, dass wir in der Lage sind, eine große Anzahl von Personen zu screenen. In Kärnten haben die Apotheken zum Beispiel eine Diabetes-Kampagne durchgeführt, in der 6.000 Personen in nur drei Tagen gescreent wurden, während es die Kärntner Gebietskrankenkasse mit einer ähnlichen Aktion auf lediglich 3.000 Diabetes-Screenings in einem Zeitraum von fünf Monaten brachte. Das Beispiel zeigt sehr gut, wozu die bundesweit 1.370 Apotheken imstande sind.

Mein Fazit lautet daher: Wir wollen unsere fachlichen Ressourcen zum Wohl der Bevölkerung in Zukunft besser nutzen und sowohl in der Prävention als auch in der Betreuung chronisch Kranker sowie im Medikationsmanagement eine wichtige Rolle spielen.

In Österreich gibt es 1.360 Apotheken. Der Österreichische Apothekerverband vertritt die Interessen nahezu aller selbstständigen Apotheker in politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und pharmazeutischen Belangen und stärkt deren Position als freie Unternehmer.

Schuster, bleib bei deinem Leisten

„Das Ansinnen ist ausschließlich betriebswirtschaftlich motiviert.“

Dieses Sprichwort drängt sich auf, wenn man sich mit den jüngsten Ideen der Apotheker auseinandersetzt. Diese formulierten erst kürzlich im Rahmen einer Podiumsdiskussion den Vorschlag, bestimmte ärztliche Leistungen in ihren Apotheken anzubieten. Aus meiner Sicht – und wahrscheinlich aus der eines jeden verantwortungsbewussten Bürgers – ein absolutes „No-go“:

• Zur Betreuung von chronisch Kranken fehlt den Apothekern als naturwissenschaftlich pharmakologisch ausgebildeten Fachkräften jegliche Qualifikation. Nur weil jemand ärztlich verordnete Medikamente an chronisch Kranke verkauft, hat er doch nicht die Kompetenz, diese Patienten auch medizinisch zu betreuen.

• Neben der fehlenden Ausbildung und Expertise ist das Setting einer Apotheke in keiner Weise mit dem einer Arztpraxis zu vergleichen.

• Der Verdacht liegt nahe, dass dieses Ansinnen ausschließlich betriebswirtschaftlich motiviert ist. Immerhin wurde die schlechte Ertragslage vieler Apotheken in teuren Inseratenkampagnen larmoyant thematisiert. Statt nach neuen Geschäftsfeldern zu suchen, sollten sich die Apotheken lieber dem freien Wettbewerb stellen und sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren.

Skandalös ist, dass der Sprecher der österreichischen Patientenanwälte den Apothekern für solche Pläne quasi einen Persilschein ausstellt. Er lässt dabei jegliche Qualitätserfordernisse, die die medizinische Betreuung kranker Menschen erfordert, außer Acht. Ein Praxisbeispiel: Einer Kundin wird in der Apotheke mittels simpler Peakflowmetrie ein bedenklicher Lungenzustand bescheinigt. Die verängstigte Frau wendet sich an ihren Arzt, der natürlich eine Spirometrie als gebotene Untersuchungsmethode durchführt und zu einem ganz anderen, harmlosen Befund kommt.

Wenn Ärzte in Fragen der Prävention und der Betreuung insbesondere chronisch Kranker unterstützt und entlastet werden sollen, dann sinnvollerweise durch jene Gesundheitsberufe, die dafür auch ausgebildet sind, etwa diplomierte Gesundheits-und Krankenpflegekräfte.

Da sich der Apothekerverband auf die Schweiz als Beispiel beruft, sollte er sich jene Kantone zum Vorbild nehmen, in denen freies Dispensierrecht für alle niedergelassenen Ärzte besteht. Damit ließe sich auch in Österreich das Problem unrentabler Apotheken einfach lösen: Man könnte sie ohne Beeinträchtigung der medikamentösen Versorgung der Patienten schließen, denn diese würden ihre Medikamente dann direkt beim betreuenden Arzt erhalten. Somit würden sich chronisch kranke Patienten dann jedenfalls in jener Einrichtung wiederfinden, in denen man ihnen Prävention und Betreuung mit der notwendigen Qualität anbieten kann: in der Ordination – beim Arzt des Vertrauens.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 26/2016

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