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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Hausarztmodelle kritisch betrachtet

Die Aufwertung des Hausarztes ist deklariertes Ziel der österreichischen Bundesregierung und soll Teil der geplanten Gesundheitsreform werden (siehe Beitrag Seite 2). Wie das jedoch konkret umgesetzt werden soll, wird derzeit nur in ministeriellen Arbeitsgruppen diskutiert. Andere Länder sind schon einen Schritt weiter.

In vielen europäischen Ländern gibt es bereits Erfahrungen mit teils sehr unterschiedlichen Hausarztmodellen. Einen guten Überblick gibt dazu eine aktuelle Studie der deutschen Universität Duisburg-Essen (Wasem J.; Greß S.; Hessel F.: Hausarztmodelle in der GKV - Effekte und Perspektiven vor dem Hintergrund nationaler und internationaler Erfahrungen, 2003). Ihrer Definition nach verfügt ein Hausarztmodell zumindest über folgende drei Charakteristika:

  •  Die Versicherten müssen sich für einen bestimmten Zeitraum bei einem Hausarzt fest einschreiben, ö die Vergütung der Hausärzte erfolgt überwiegend über Kopfpauschalen für jeden eingeschriebenen Versicherten, ö und die Inanspruchnahme fachärztlicher Versorgung erfolgt im Regelfall nur nach Überweisung des Hausarztes. Zu unterscheiden sind Hausarztmodelle, die für alle Versicherten zwingend sind, wie z.B. in Großbritannien, Italien und den Niederlanden, von jenen, bei denen die Patienten wählen können, ob sie an einem solchen Programm teilnehmen wollen oder nicht, wie in Dänemark und den USA.

Generell erhoffen sich die Regierungen, durch die Einführung der Hausärzte als Gatekeeper die Dynamik der Ausgabensteigerungen im Gesundheitswesen zu dämpfen. Diese Hoffnung werde durch die internationale Forschung aber nicht bestätigt, meinen dazu die Studienautoren skeptisch. Zugangskontrollen zu Spitalsbehandlungen würden zwar nachweislich die Gesamtausgaben senken, die Kontrolle des Zuganges zu den Fachärzten habe aber lediglich bei den ambulanten Gesundheitsausgaben einen kostendämpfenden Effekt und nicht im Gesamtsystem.
Auch die Hypothese, dass Hausarztmodelle die Kommunikation zwischen Arzt und Patient verbessern würden, lässt sich empirisch nicht belegen. Im Gegenteil: Die Konsultationszeit in Ländern mit Hausarztmodell ist sogar kürzer als in Ländern ohne ein solches Programm. Patienten in Ländern ohne Hausarztmodell sind nachweislich auch aktiver in der Arzt-Patient-Beziehung. Tatsache ist jedoch, dass in Ländern mit einer starken primären Gesundheitsversorgung die Lebenserwartung höher ist als in Ländern mit einer schwachen Primärversorgung, betonen die Studienautoren. Dafür seien Kernelemente des Hausarztmodells eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung.

Patienten schätzen„freie Arztwahl“

Eine Umfrage aus Deutschland zeigt, dass die Bevölkerung die „freie Arztwahl“ sehr genießt. 99 Prozent der Patienten wollen sich ihren Hausarzt aussuchen, 96 schätzen auch die freie Wahl des Facharztes im Falle einer Überweisung. Auch die Möglichkeiten des Einholens einer ärztlichen Zweitmeinung (95 Prozent) und des jederzeit möglichen Arztwechsels (92 Prozent) finden breite Zustimmung. Nach Ansicht der Studienautoren werden sich Versicherte daher nur durch entsprechend hohe finanzielle Anreize von der Einführung eines Hausarztmodells überzeugen lassen. Das bestätigt auch eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung: Demnach wären 81 Prozent der Versicherten bereit, vor einem Facharztbesuch zunächst ihren Hausarzt zu konsultieren. Voraussetzung sei jedoch, dass dadurch die Krankenversicherungsbeiträge spürbar sinken.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 22/2004

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