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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Frauenspezifische Medizin kommt noch immer zu kurz

Ungeachtet der tatsächlichen Krankheitsprävalenzen werden Frauen eher mit Psychopharmaka behandelt und weniger häufig invasiv untersucht als Männer.

„Spezifische Fragen der Frauengesundheit, wie die Menopause, werden generell kaum berücksichtigt, für diese Lebensphase finden sich auch nur wenige Studien“, kritisiert Prof. Dr. Karin Gutiérrez-Lobos, Universitätsklinik für Psychiatrie, Wien. „Die Frauengesundheitsforschung betont, dass eine komplexe Betrachtungsweise des mittleren Lebensalters unter Berücksichtigung der individuellen psychischen und sozialen Situation notwendig ist.“

Ziele der Frauenforschung

Während die Medizin dazu neigt, diesen Lebensabschnitt ganz im Zeichen der hormonellen Veränderungen des Klimakteriums, also der Rückbildung und des Mangels zu definieren, zielt die Frauenforschung in diesem Bereich darauf ab, dieser einseitig negativen Wertung und Pathologisierung die Wechseljahre auch als Chance durch Gewinn und Verfügbarkeit neuer Ressourcen gegenüberzustellen. Die geringere Überlebenswahrscheinlichkeit von Frauen nach einem Herzinfarkt, die Frage der Auswirkungen einer Hormonersatztherapie, Osteoporose, Krebserkrankungen, das erhöhte Risiko einer Medikamentabhängigkeit und psychische Beeinträchtigungen sind wichtige Gesundheitsthemen in dieser Lebensphase. „Gesundheitsberichterstattung, Forschung, Prävention und Behandlung müssen mehr als bisher auf die Bedürfnisse der Frauen in diesem Lebensabschnitt abgestimmt sein, das heißt, es bedarf einer engeren Verknüpfung von medizinischer Versorgung und psychosozialer Beratung und Betreuung“, fordert Gutierréz-Lobos.

Teurere Patientinnen

„Die generelle Krankenversorgung in der Medizin ist geprägt von geschlechtsspezifischen Auffälligkeiten“, erläutert Prof. Dr. Gabriele Fischer, Universitätsklinik für Psychiatrie, Wien. Frauen sind zwischen dem 10. und 57. Lebensjahr in Vergleich zu Männern die teureren Patientinnen, sie haben häufiger Kontakt mit dem medizinischen System und bekommen deutlich mehr, aber billigere Arzneimittel. Diese Asymmetrien sind unter anderem offenbar Folge der Aneignung weiblicher Lebensphasen durch die Medizin: Menstruation, Schwangerschaft, Zeiten von Lebensveränderungen oder auch die meno- und postmenopausale Phase sind anfällig für medizinische Interventionen, vielfach für Verordnungen von Psychopharmaka oder anderen Arzneimitteln, mit denen eher unspezifische Befindlichkeitsstörungen im Rahmen eines „Frauensyndroms“ behandelt werden sollen. Notwendige Arzneimitteltherapien werden dagegen zurückhaltender als bei Männern eingesetzt, selbst wenn die Prävalenz bei Frauen deutlich höher ist.
Fischer: „Die diagnostischen Assoziationen bei vielen Beschwerden von Frauen sind offenbar noch immer mit psychosomatisch bedingten Symptomen verbunden, während bei Männern mit gleichen Beschwerden eher somatische Erkrankungen assoziiert werden.“ Dies kann bei Frauen zu auffälligen Nachteilen in der Behandlung führen – die späte Diagnose eines Herzinfarktes mit einem gegenüber Männern deutlich erhöhten Mortalitätsrisiko ist ebenso ein Beispiel für diesen Befund, wie das deutlich höhere Risiko für eine Medikamentenabhängigkeit. So werden zwei Drittel der Tranquilizer Frauen verordnet, was zum einen spezifisch am Erkrankungsbild vorbeigeht, und sekundär zu neuen Erkrankungen führt.„Die derzeit defizitäre Qualität der frauenspezifischen Versorgung muss verbessert werden, damit das durch die Ungleichbehandlung in Diagnostik und Therapie bestehende Gesundheitsrisiko für Frauen nicht weiterhin erhalten bleibt“, fordert Fischer.

Keine geschlechtsspezifischen Studien verfügbar

Neben der höchst problematischen und Frauen benachteiligenden Gesundheitsstruktur, was Medikamente anbelangt, bleibt ein weiteres Gebiet, was die Verordnung von Medikamenten bei Frauen noch viel kritischer erscheinen lässt: Frauen waren lange Zeit aus Phase-2- und Phase-3-Studien ausgeschlossen, es gibt bei Psychopharmaka kaum Medikamente, die geschlechtsspezifisch in deren Pharmakokinetik, Metabolisierung und Pharmakodynamik untersucht wurden. Es gab kaum Untersuchungen, die den unterschiedlichen hormonellen Einflüssen Rechnung getragen haben (prä-, postfollikulär-; prä- und postmenopausal) und über entsprechende Sicherheitsprofile in der Schwangerschaft berichten. „Wenige Untersuchungen lassen darauf hinweisen, dass trizyklische Antidepressiva bei der prämenopausalen Frau im Vergleich zu Serotonin-Wiederaufnahmehemmern zu einer erhöhten Abbruchrate führen, in der postmenopausalen Frau allerdings ein gleichwertiges Therapieansprechen zu erwarten ist. Venlafaxin wurde für beide Geschlechter getestet und hier scheinen keine geschlechtsunterschiedlichen Phänomene aufzutreten“, betont Fischer. „Die Prävalenz der Depression scheint in der Menopause nicht erhöht. Hormonsubstitution stellt keine antidepressive Therapie dar. Eine Polypragmasie der Verschreibung führt zu Medikamenteninteraktionen, die das Gesundheitsrisiko der Frau wiederum erhöhen“, warnt die Expertin.

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