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Gesundheitspolitik 24. August 2005

„Wollen wir ‚Best Class' oder englische Zustände?“

Seit einigen Wochen hat die Pharmig – die Vereinigung pharmazeutischer Unternehmen – einen neuen Präsidenten: Dr. Hubert Dreßler, Chef der Aventis Pharma GmbH von Österreich und der Schweiz. Er folgt dem langjährigen Präsidenten, Dr. Ulrich H. Bode, nach, der die letzten sechs Jahre an der Spitze des Vereins die gemeinsamen Interessen der Mitgliedsfirmen vertreten hat.

Dreßler ist studierter Mediziner und seit vielen Jahren in der Pharmabranche tätig: 1987 trat er in die Hoechst Austria AG ein, später ging er für Hoechst ins Ausland und bekleidete unterschiedliche Management-Positionen in Nigeria, Deutschland und China. Seit Jänner 2000 ist er Geschäftsführer der Aventis Pharma GmbH in Österreich, seit Juni 2001 Head of Area Austria & Switzerland. Als Dreßlers Stellvertreter in der Pharmig wurden Dr. Andreas Penk, Geschäftsführer Pfizer Österreich, und Mag. Christian Seiwald, Country Head von Novartis Austria und CEO der Generika-Sparte Sandoz, gewählt. Die Zeiten, in denen sich die Pharmamanager gesundheitspolitisch dezent im Hintergrund gehalten haben, scheinen endgültig vorbei zu sein. „Man wird uns in Zukunft sicher öfter hören – und manchmal auch sehr laut“, kündigt Dreßler im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE an.

Herr Dr. Dreßler, Sie übernehmen in einer angespannten Situation die Pharmig-Präsidentschaft. Der Verteilungskampf im Gesundheitswesen wird immer härter. Mit welchen Waffen werden Sie kämpfen?
Dreßler: Das ist weniger ein Verteilungskampf als ein permanentes Herumschrauben an einem effizienten System. Die Regierung führt einen Krieg an völlig falschen Einzelfronten. Die entscheidende Frage ist: Welches Gesundheitssystem will ich grundsätzlich in Österreich haben? Will ich „Best class“ oder englische Zustände? Dann kann ich erst entscheiden, welche Struktur und wie viel Geld ich dafür brauche. Aber wir zäumen das Pferd immer von hinten auf. Das ist der Grundfehler, den wir begehen.

Die Ministerin plant eine Gesundheitsreform, in deren Mittelpunkt neun Länderagenturen stehen sollen. Was halten Sie davon?
Dreßler: Zu begrüßen ist die Finanzierung aus einer Hand. Ob ich dafür neun Länderagenturen brauche, wenn ich eine Bundesagentur habe, ist die Frage. Wichtig ist, das Gesamtsystem aus volkswirtschaftlicher Sicht zu betrachten. Dann macht es Sinn. Nur alleine das Geld zu bündeln, reicht noch nicht aus.

Ein Ziel der Ministerin ist es, die Gesundheitsausgaben nur im gleichen Ausmaß wie die Gesamtwirtschaft steigen zu lassen.
Dreßler: Das schafft sie nicht. Das wäre auch ein Fehler, weil der Gesundheitssektor die einzig wirklich wachsende Branche ist. Eine Möglichkeit wäre, den öffentlichen Anteil zugunsten des privaten zu reduzieren. Das wäre dann aber eine Systemdiskussion. Wir haben schon bisher einen der höchsten Privatanteile in ganz Europa. Ich weiß nicht, wie weit sich der noch in die Höhe schrauben lässt.

Die Pharmig hat das Arzneimittelsparpaket der Gesundheitsministerin im Herbst nicht unterschrieben. Was war der Grund?
Dreßler: Wir sind bei den Verhandlungen im letzten Sommer davon ausgegangen, dass wir in Österreich einen schnelleren und einfacheren Zugang zu Innovationen bekommen sollen. Doch das wurde nicht beschlossen. Unser großer Aufschrei wurde zuerst nicht verstanden. Langsam haben wir aber doch erklären können, wie sehr wir unter der Willkür des Hauptverbandes leiden. Die Ministerin hat dann Gott sei Dank den Vorschlag des Hauptverbandes zu einer neuen Verfahrensordnung nicht unterschrieben. Der hätte uns mehr oder weniger gelyncht.

Was war so schlimm daran?
Dreßler: Es waren viele Paragraphen, die uns gestört haben. In erster Linie geht es jedoch darum, dass die Heilmittelevaluierungskommission (HEK) (Anm.: sie bestimmt über die kassenfreie Verschreibbarkeit) ein objektives Urteil abgibt und kein reines Hauptverbandsurteil.

Ihr Vorgänger als Pharmig-Präsident, Dr. Bode, hat sich zuletzt für die Pharmawirtschaft ungewohnt kämpferisch gezeigt. Werden sie diese Linie fortsetzen?
Dreßler: Ich bin der Meinung, dass man in Zeiten wie diesen mit einem ruhigen, argumentativen Zugang keine Chance hat. Sie können dreimal Recht haben, aber Sie werden nicht durchdringen. Man muss heute seine Angelegenheiten viel öffentlicher machen. Unter dieser Ziel-setzung haben wir auch den neuen Vorstand zusammengesetzt. Man wird uns in Zukunft sicher öfter hören und manchmal auch sehr laut.

Ist es einer freiwilligen Vereinigung wie der Pharmig überhaupt möglich, die Interessen der forschenden Industrie und gleichzeitig jene der Generikahersteller zu vertreten?
Dreßler: Es ist für uns ein wichtiges Ziel, dass alle in einem Boot sitzen und mitreden. Das ist eines der Dinge, die wir verstärken müssen. Wir müssen mit einer Stimme sprechen, damit wir auch gehört werden. Von den Grundinteressen gesehen, gibt es aber keinen Riesenunterschied zwischen Generika- und forschender Industrie. Man kann nichts gegen Generika haben. Ich bin aber dagegen, dass man einen permanenten Patientenzwang daraus macht und jedes Monat das Medikament wechselt, nur weil es um ein paar Cent billiger ist.

Wird das Einsparpotenzial durch Generika Ihrer Ansicht nach überschätzt?
Dreßler: Gewaltig überschätzt. Es wissen alle im System Beteiligten, dass der Unterschied zwischen Generikum und Original bei durchschnittlich acht Prozent liegt. Das Einsparpotenzial liegt bei acht bis 15 Millionen Euro im Jahr – viel mehr ist es nicht.

Wie wird der Trend zu Generika die Pharmalandschaft verändern?
Dreßler: Es verändert die Landschaft dann massiv, wenn – wie in Österreich – Innovationen nicht durchkommen. Nur wenn Innovationen rasch auf den Markt kommen, bedeutet das einen permanenten Wettlauf der großen Firmen um neue Produkte.

Kritische Stimmen meinen, dass nur 10 Prozent der neu zugelassenen Arzneimittel tatsächliche Innovationen seien. Stimmt das?
Dreßler: Das ist immer wieder die alte Frage nach so genannten „Scheininnovationen“. Man sollte sie aber eher als „Schrittinnovationen“ bezeichnen. Denn oft gelangt man nur durch eine Reihe kleinerer Verbesserungen zu wirklichen Innovationen.

Die Kassen spielen gerne die Ärzte gegen die Pharmaindustrie aus: Entweder steigende Arzneimittelausgaben oder höhere Honorare. Ist das aus Ihrer Sicht wirklich zu substituieren?
Dreßler: Ich halte diese Forderung geradezu für frevelhaft. Um wirklich einen Einsparungseffekt zu erzielen, müssten Ärzte dort billigere Medikamente verschreiben, wo eigentlich teurere besser wären. Einen Arzt zu solch einer unethischen Handlung zu zwingen, finde ich unverantwortlich.

Das Image der Pharmaindustrie hat in der Vergangenheit immer wieder unter Bestechungsvorwürfen gelitten. Für wie seriös halten Sie das Verhältnis zwischen Industrie und Ärzteschaft in Österreich?
Dreßler: Wir haben in den letzten Jahren den Verhaltenskodex der Pharmig extrem verschärft. In Zukunft soll es auch Sanktionen geben. Die Ärztekammer will ebenfalls in Kürze einen Verhaltenskodex für Ärzte herausgeben. Schwarze Schafe gibt es aber immer - in der Pharmabranche, wie bei den Ärzten oder Apothekern. Es gibt auch unter den Ärzten - und das muss man offen sagen, - welche, die ausgesprochen fordernd sind. Aber das sind nur Ausnahmen. Im Prinzip ist es die Konkurrenz, die am besten darauf aufpasst, dass alles korrekt abläuft.

Bei der deutschen Gesundheitsreform war ein Punkt die Etablierung einer pharma- unabhängigen Fortbildung. Was halten Sie davon?
Dreßler: Ich frage mich, was das bringen soll. Derzeit kommt die Pharma-Industrie für die Ärztefortbildung auf, bei einer Pharma-unabhängigen Fortbildungseinrichtung würde der Steuerzahler die Kosten tragen. Und wo bekäme die unabhängige Fortbildungseinrichtung ihre Informationen her? Wieder von der Pharma-Firmen, weil nun einmal die Hersteller ihre Produkte am besten kennen. Bei genauerer Betrachtung macht dieses Konzept also keinen Sinn.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 20/2004

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