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Dr. Wolfgang Geppert Sprecher des Österreichischen Hausärzteverbandes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Günther Loewit Niedergelassener Allgemeinmediziner in Marchegg, Wahlarzt, Autor

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Martina Amler Direktorin der NÖ Gebietskrankenkasse

 
Gesundheitspolitik 13. Juni 2016

Kassenmedizin ist Massenmedizin

Der Hausärzteverband lud zur Diskussion „Zwangsjacke Kassenvertrag: Ärzte befreien sich!“

„Überbordende Bürokratie und ein fanatischer Regulierungswahn des Gesetzgebers verursachen bei Krankenkassen- Vertragsärzten Wut und Verzweiflung“, schreibt der Hausärzteverband (ÖHV) im Begleittext zu seinem Diskussionsabend im Wiener Radiokulturhaus über die „Palette der Qualen“, denen Kassenärzte ausgesetzt wären. Immer mehr Ärzte würden daher „die Notbremse ziehen“, um sich aus der Zwangsjacke zu befreien.

Drei dieser Ärztinnen und Ärzte berichteten über ihr neues Leben als Wahlarzt und warum sie den Schritt nicht bereut hätten. Anhand dieser Beispiele will der ÖHV zeigen, wie die Zwangsjacke Kassenvertrag abgestreift werden könne und „dass der Ausstieg aus dem morschen Kassenvertragssystem überlegenswert ist. Jungen sei unter den derzeitigen Vertragsbedingungen dringend empfohlen, ihren beruflichen Weg ohne diese fremdbestimmte Belastung zu gehen.“ Jenen aber, die trotzdem lieber durchhalten und im System bleiben, gibt ÖHV-Sprecher Dr. Wolfgang Geppert abschließend zumindest noch einige Empfehlungen mit auf den Weg:

• Die PHC-Verherrlichung negieren: Das PHC sei tot.

• Den Patientenzustrom begrenzen und keine „Exoten“ annehmen („Weil die Kassenpatienten, die freiwillig 30 km zum Arzt fahren, glauben ja, dort etwas zu bekommen, was sie von ihrem Kassenarzt in der Nähe nicht bekommen.“).

• Den kassenfreien Raum nutzen und überall dort auch kassieren, wo man kassieren dürfe.

• Jede Unredlichkeit vermeiden („Das ist der größte Blödsinn, den Sie machen können, denn Sie haben nur dann die Chance aufrecht zu stehen, wenn Sie die Kasse nie betrogen haben.“).

Kassenvertrag als moderne Knechtschaft

„Die Marke Hausarzt ist unschlagbar. Da kann die Politik machen, was sie will.“

Uns wird von Kritikern oft vorgehalten, wir würden als Berufsverband Schwarzmalerei aus purem Eigensinn beitreiben, falsche Panikmache, die zu großer Verunsicherung führt. Aber wie sich immer wieder zeigt, liefern wir nur den Blick hinter die Kulissen, sind die Dinge dann tatsächlich eingetreten und haben auch für die Patienten Bedeutung gekommen.

Schauen wir uns die Entwicklung im niedergelassenen Bereich am Beispiel NÖ an: Für 18 freie Kassenarztstellen gibt es laut einer ganz aktuellen Aussendung der NÖ Ärztekammer gerade einmal vier Bewerber. Das heißt, es werden 14 Kassenstellen weiterhin unbesetzt bleiben. Dass diese Situation jetzt erst verzögert auch auf Wien übergreift, ist klar, schließlich wurden die Kassenplanstellen in der Bundeshauptstadt seit Jahren ständig reduziert, von 1.732 Ende 2012 auf aktuell 1.659. Das sind um 73 Stellen weniger, klar dass dadurch der Besetzungsdruck für die Gebietskrankenkasse geringer ist. Gleichzeitig sind aber 353 zusätzliche Wahlarztstellen in Wien entstanden. Waren 2012 zumindest noch 36 Prozent der niedergelassenen Ärzte Kassenärzte, sind es jetzt nur mehr 32 Prozent.

Die Gründe, warum immer weniger Ärzte bereit sind, sich in die Knechtschaft Kassenvertrag zu begeben, liegen auf der Hand: Sie werden ständig durch Belehrungen der Chefärzte belästigt, zu Ausweiskontrollen erniedrigt, weil der Hauptverband nicht in der Lage ist, ein Lichtbild auf die e-card zu geben, was etwa die Wiener Bäder problemlos schaffen, durch das Arzneimittelbewilligungssystem ABS genervt, zur Massenabfertigung genötigt, in NÖ zu 48 Stunden Dauerdiensten gezwungen und durch den Einlass von Spitzelpatienten herabgewürdigt.

Um in NÖ zu bleiben: In der Gebietskrankenkasse in St. Pölten sitzen die Verantwortlichen, die in den letzten 20 Jahren eine gut funktionierende Hausarztversorgung zerstört haben. Auch wenn die Herrschaften später nach oben gefallen sind, für den klassischen Hausarzt haben sie nichts übrig gehabt. Alle haben versucht, den Hausarzt zu ruinieren. Aber das wird ihnen nicht gelingen, den Hausarzt wird es immer geben, denn die Marke Hausarzt ist unschlagbar. Da können sie in der Politik machen, was sie wollen.

Spiegelbild unserer ärztlichen Seele

„Wenn wir ordentliche Medizin machen, werden wir immer Patienten haben.“

Es gibt viele Gründe für meine Entscheidung, aus dem Kassensystem auszusteigen. Ich möchte aber a priori nicht den Kassenvertrag beschimpfen. Der Kassenvertrag kann nur deswegen so schlecht sein, wie er eben ist, weil es so viele Ärzte gibt, die ihn akzeptieren. Wenn ich die Krankenkasse wäre, würde ich das auch tun. Ich war 15 Jahre in der Ärztekammer als Kammerrat tätig, es ist uns aber zu keinem Zeitpunkt gelungen, einen Großteil der Ärzteschaft dazu zu motivieren, den Kassenvertrag einmal vorsorglich zu kündigen – was ohnehin keine Konsequenz gehabt hätte, aber nicht einmal das war möglich. Also kann man nur sagen: Zum Teil sind wir Ärzte an dieser Misere selbst schuld.

Ein wesentlicher Grund für meine persönliche Entscheidung waren die entwürdigenden Kontrollen bei den Kassen: Ich wurde einmal zu einem Gespräch vorgeladen, da bin ich fünf Stunden lang alleine fünf Kassenfunktionären gegenübergesessen und musste Fall für Fall erklären und rechtfertigen. Anschließend hat man mir gesagt, dass man von mir 35.000 Schilling möchte, das war 1999. Ich habe gesagt: Okay, ich werde das selbstverständlich zurückzahlen, wenn es gelingt, juristisch Fall für Fall darzustellen, dass ich tatsächlich Malversation betrieben habe. Ich habe dann bis heute nichts mehr von der Kasse darüber gehört. Das hat mich sehr gedemütigt. Ich habe nie betrogen.

Ich habe dann, einfach als Akt der Psychohygiene, diesen Schritt getan. Das war im Nachhinein eine meiner klügsten Entscheidungen. Und ich werde in Bälde die Verträge mit den bundesweiten Kassen ebenfalls zurücklegen, auch wenn diese immer großzügiger waren und auch deren Honorarkatalog etwas humaner gestaltet ist uns Ärzten gegenüber.

Die Patienten sind zufrieden – und ich bin es auch. Patienten honorieren letztendlich unsere Leistungen. Wir müssen nur anständige, ordentliche Medizin machen, keine evidenzbasierte, sondern eine personalisierte. Wenn wir das tun, werden wir immer Patienten haben, dann brauchen wir keine Angst zu haben vor der Kündigung von Kassenverträgen.

Ich glaube, das Feindbild des Kassenvertrages ist falsch, das wahre Feindbild ist das Spiegelbild unserer ärztlichen Seele.

Partnerschaft für den Patienten

„Ein Kassenvertrag bietet Sicherheit, neue Ordinationsmodelle verbessern die Arbeitssituation.“

NÖ Gebietskrankenkasse und heimische Ärzteschaft haben ein gemeinsames Ziel: die gute Versorgung der Patienten in Niederösterreich. Ebenfalls gemeinsam arbeiten NÖGKK und Ärztekammer an der Optimierung der Rahmenbedingungen für Vertragsmediziner in unserem Bundesland. Die Forcierung neuer Ordinationsmodelle wie Gruppenpraxen und Jobsharing-Praxen, die erweiterte Stellvertretung oder Nachtdienstvereinbarungen erleichtern niedergelassenen Medizinern ihre Arbeits- und Lebenssituation. Das sehen auch die Ärzte, die sich damit auseinandersetzen, und machen die Gruppenpraxis in Niederösterreich zum Erfolgsmodell. 2010 gab es hier 28 Gruppenpraxen, derzeit bereits 85. Daneben bietet die NÖGKK Jobsharing-Planstellen an, die von mehreren Ärzten gleichzeitig besetzt werden. Von den 85 Gruppenpraxen hat sich die Hälfte bereits für eine solche Stelle entschieden.

Die modernen Ordinationsmodelle ermöglichen es den Ärzten, ihre Arbeitszeit besser einzuteilen, Betriebskosten zu optimieren und Beruf und Familie leichter zu vereinbaren. Das ist auch der Grund, warum sich immer mehr Frauen um Kassenstellen bewerben. 2010 gab es bei der NÖGKK 541 Vertragsärztinnen, heute stehen schon zirka 650 Frauen in einem Vertragsverhältnis mit unserer Kasse. Selbstverständlich profitieren auch die Patienten von diesem Umbau, da sich damit bessere Öffnungszeiten schaffen lassen.

Mit Verträgen sind immer Rechte und Pflichten verbunden. Das ist bei einem Kassenvertrag nicht anders. Ein Vertragsverhältnis bietet dem Arzt eine Form von Sicherheit – nicht nur aufgrund unseres bedarfsorientierten Stellenplans und der gesicherten, guten Honorierung. Der Großteil unserer Vertragsärzte schätzt den Service und die persönliche Betreuung der Experten aus der Krankenkasse. Die Bereitstellung eines Teils des Ordinationsbedarfs ist selbstverständlich. Die Vernetzung von Daten mit dem Einsatz hochsicherer, modernster Kommunikationsformen vereinfacht die tägliche Zusammenarbeit und verkürzt, wie zum Beispiel bei Bewilligungen, auch die Wartezeit. Es tut sich viel, damit der „tägliche Job“ einfacher wird. Auch im Sinne des Patienten.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 24/2016

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