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© Markus Prantl
Teilnehmer an der Diskussion (v. l. n. r.): Prof. Dr. Johannes Grillari, Prof. Lotte Tobisch-Labotýn, Dr. Karin Schindler, Dr. Christoph Leprich, Prof. Dr. Regina Roller-Wirnsberger, Prof. Dr. Ernst Singer
 
Gesundheitspolitik 6. Juni 2016

Später Abgang

Den Jahren Leben geben, nicht dem Leben Jahre. Eine Diskussion im Radiokulturhaus.

In der Argentinierstraße in Wien wurde nicht nur 20 Jahre „Arznei & Vernunft“ gefeiert, sondern auch laut über neue Strategien nachgedacht, wie man zukünftig gesund altern kann.

Der Alternsforschung gehe es primär „nicht um eine Lebensverlängerung, sondern um eine Maximierung der Gesundheitsspange“, sagte der renommierte Alternsforscher Prof. Dr. Johannes Grillari. Die Initiative „Arznei & Vernunft“ wollte ihr rundes Jubiläum nicht dazu nutzen, nur vergangene Erfolge zu replizieren, sondern auch einen Blick in die Zukunft zu werfen. Über aktuelle internationale Forschungsansätze und Hotspots berichtete der Leiter des Instituts für Biotechnologie an der Universität für Bodenkultur Wien.

Der Wissenschaftler beschäftigt sich mit den Einflussfaktoren auf unser biologisches Alter, weil es der „Nährboden“ sei, auf dem altersassoziierte Erkrankungen erst wachsen können. Definiert wird dieses biologische Alter als „genereller, progressiver Funktionsverlust unserer Körperorgane und Gewebe, der zu einem erhöhten Sterberisiko führt“. Alternsforscher gehen in ihrem „Modell der zellulären Seneszenz“ davon aus, dass gealterte Zellen einen großen Anteil an diesem Funktionsverlust haben.

Dem Modell zufolge verkürzen sich mit jeder Zellteilung die aus repetitiver DNA und assoziierten Proteinen bestehenden Enden der Chromosomen, die sogenannten Telomere, und bewirken dadurch, dass irgendwann einzelne Zellen aus dem Zellteilungsprozess genommen werden. Der dahinter liegende Sinn dieses Mechanismus könnte ursprünglich darin bestehen, in jungen Jahren die Krebsentstehung zu verhindern. Wenn sich aber im Alter solche seneszente Zellen im Körper anhäufen, dann scheinen sie durchaus negative Auswirkungen auf dessen Funktionsfähigkeit zu haben.

„Wir haben vor drei Jahren ein erstes, von der Mayo Klinik gemachtes Mausmodell gehabt, das nun erfolgreich repliziert wurde.“ Das Experiment wurde in Nature publiziert (DOI 10.1038/nature16932), und habe Folgendes gezeigt, sagt Grillari: „Wenn man seneszente Zellen aus dem Organismus entfernt, treten altersassoziierte Erkrankungen bei den Mäusen erst später auf.“

Nun sei die Forschung daran zu verstehen, warum diese seneszenten Zellen schlecht für den Organismus sind. Erste Antworten darauf wären auch bereits gefunden, berichtete Grillari. Entweder erfüllen seneszente Zellen ihre normalen Gewebefunktionen nicht mehr, oder sie beginnen Faktoren zu sekretieren, darunter viele proinflammatorische, um damit ihre unmittelbare Umgebung zu beeinflussen.

Die Forschung konzentriert sich jetzt in erster Linie auf eine mögliche Stärkung von DNA-Reparaturmechanismen, denn in allen Modellen, in welchen diese schlecht funktionieren, treten vorzeitige Alternssymptome, sogenannte Phänotypen, auf. Aus dem Gegenspiel von Umwelteinflüssen auf der einen Seite und der Funktionsfähigkeit der körpereigenen Reparatursysteme, also der genetischen Komponente, resultiert wahrscheinlich die Geschwindigkeit des Alternsprozesses, vermutet Grillari. Er selbst sei mit seinem Forschungsteam dabei auf „sehr spannende Ergebnisse gekommen“, indem er ein Protein entdeckt hat, das die DNA-Reparatur in der Zelle offenbar stärkt: „Wenn wir dieses Enzym aktivieren, sehen wir, dass verschiedene Modellorganismen stressresistenter und auch langlebiger sind.“ Ziel der Alternsforschung sei es aber jedenfalls nicht, „das Leben ewig zu verlängern, das wäre völlig sinnlos. Wir wollen vielmehr die Gesundheitsspanne maximieren.“

Calico „grundsätzlich sinnvoll“

Um diesem Ziel näher zu kommen, hält Grillari auch umstrittene private Initiativen wie Calico (California Life Company) von Google-Mitbegründer Larry Page grundsätzlich für sinnvoll, weil dadurch viel Geld in die Grundlagenforschung fließen würde. Das könne insgesamt nur gut sein, weil „wir viel vom Alterungsprozess noch nicht verstehen, weil viele molekulare Mechanismen nach wie vor ungeklärt und Interventionen daher schwierig durchzuführen oder auch nur zu empfehlen sind“.

Das 2013 gegründete Biotechnologieunternehmen widmet sich bekanntlich den Themen „Gesundheit, Wohlbefinden und Langlebigkeit“ und will gemeinsam mit dem US-amerikanischen Unternehmen AbbVie bis zu einer Milliarde US-Dollar in die Erforschung des Alterungsprozesses sowie altersbedingter Krankheiten investieren.

Grillari weiß aber auch um die große Problematik von Initiativen wie Calico. Dadurch könne nämlich „der normale Alterungsvorgang zu einer Krankheit stilisiert werden, was er aber natürlich nicht ist, sondern eben ein Nährboden, auf dem altersassoziierte Erkrankungen entstehen“.

Über die Herausforderung und ungenutzte Potenziale in der medizinischen Versorgung solcher altersassoziierten Erkrankungen sprach Prof. Dr. Regina Roller-Wirnsberger, Inhaberin des ersten Lehrstuhls für Geriatrie an der MedUni Graz. Die Alternsmedizin gehe weit über eine diagnosezentrierte Medizin hinaus, habe den Menschen in seinem gesamten sozialen Umfeld zu sehen, mit all seinen sozialen Bedürfnissen und in der Regel in seiner Multimorbidität. Auch in der Geriatrie gehe es dabei letztendlich darum, spannte Roller-Wirnsberger den thematischen Bogen zum Forschungsansatz Grillaris, die Lebensqualität des einzelnen Patienten in den Fokus zu stellen: „Geriatrische Syndrome wie Sturz, Inkontinenz, kognitive Einschränkungen oder reduzierte Selbsthilfefähigkeit müssen allesamt in ein konzentrisches medizinisches Betreuungsmodell einfließen, um so die Lebensqualität der alten Menschen möglichst lange aufrecht zu erhalten.“

Was die diagnosezentrierte Medizin betreffe, sei Österreich „perfekt gerüstet, es hat ein hervorragendes Versorgungssystem“, konstatierte Roller-Wirnsberger. Vor allem bei den kardiovaskulären Erkrankungen habe es in den vergangenen zehn Jahren massive Verbesserungen gegeben. Da seien sowohl auf Bundesebene wie auf Landesebene extrem viele Aktionspläne herausgebracht worden, um möglichst vielen Bürgern eine sehr kurzfristige Zugänglichkeit zum Gesundheitssystem zu ermöglichen. Dadurch könnten viele Spätfolgen verhindert – und damit die Lebensqualität massiv verbessert werden.

„Ein Bereich, wo wir jetzt im Handeln sind, ist der Bereich neurodegenerative Erkrankungen“, sieht die Alternsmedizinerin vor allem auch im Bereich Demenz Fortschritte. Derzeit sei die Expertengruppe dabei, die vom BMG ausarbeitete österreichweite Demenzstrategie in die Praxis und damit an die Patienten zu bringen.

„Noch Luft nach oben“, gäbe es laut Roller-Wirnsberger allerdings beim Ausbau einer Alternsmedizin, wie sie sie zuvor beschrieben hatte. Denn je älter und damit multimorbider Menschen werden und je höher der Anteil dieser Alten an der Gesamtbevölkerung wird, desto mehr verschiebe sich die Notwendigkeit von der rein diagnosezentrierten Medizin hin in Richtung Gesamtmanagement. Zwar seien „die meisten unserer älteren Patienten im Sinne der chronischen Versorgung im niedergelassenen Bereich sehr gut versorgt, das große Problem tritt aber dann auf, wenn außerordentliche Ereignisse auftreten.“ Diese würden in der Folge nämlich auch außerordentliche Bedürfnisse auslösen, die eine rein diagnosezentrierte Medizin nicht abdecken könne, weil es da im Sinne etwa eines Case Managements „ein bisschen mehr zu bedenken gibt als die medizinische Komponente. Dazu braucht es dann eine umfassende Alternsmedizin. Und da haben wir schon noch ein bisschen Entwicklungspotenzial.“ Vorrangiges Ziel sei daher eine „integrierte Versorgung“, so Roller-Wirnsberger . Dafür gelte es, Antworten auf die Frage zu finden: „Wie schaffen wir durchgehende Betreuungsmodelle über unterschiedliche Versorgungsstrukturen und Nahtstellen hinweg, um gemeinsam an einem Ziel für den Patienten zu arbeiten?

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 23/2016

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