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Gesundheitspolitik 1. Dezember 2005

Qualitätsoffensive für Reisemedizin

International gesehen hat die Reisemedizin einen hohen Stellenwert. In Österreich liegt seit kurzem ein Konzept für eine umfassende Fortbildung am Tisch, doch bisher hat nur die Ärztekammer für Oberösterreich konkretes Interesse daran.

„Die Reisemedizin hat sich in den letzten Jahren international allmählich als eigenständige Fachrichtung etabliert“, berichtet DDr. Martin Haditsch. Er ist Oberarzt am Institut für Mikrobiologie des Krankenhauses der Elisabethinen in Linz und hat auch eine Praxis für Reisemedizin. Zudem ist er Mitglied des Vorstandes der seit 1999 bestehenden „Österreichischen Gesellschaft für Reise- und Touristikmedizin“.
Ihre Wurzeln hat die Reisemedizin in der Hygiene-, Tropen- und Sozialmedizin, klinisch ist sie nach wie vor meist in diesen Fächern angesiedelt. Aufgrund der Entwicklungen im Tourismus sind aber auch niedergelassene Ärzte oft mit reisemedizinischer Betreuung befasst. „Das Wissen und die zur Verfügung stehenden Methoden haben sich in den letzten Jahren exponentiell vergrößert“, betont Haditsch. Daher hat die Internationale Gesellschaft für Reisemedizin (ISTM – www.istm.org) die dringende Notwendigkeit einer Prüfung für diesen Bereich bzw. einer einheitlichen Ausbildung unterstrichen. Im Vorjahr wurde bei der Konferenz der ISTM erstmals eine Prüfung durchgeführt, an der über 400 Ärzte aus allen Kontinenten teilnahmen.

Ausbildung in England?

„Es gibt zwar eine Ausbildung in England, doch die reisemedizinische Betreuung liegt bei uns meist beim niedergelassenen Hausarzt, der die Ordination schlecht über einen langen Zeitraum für diese Ausbildung schließen kann“, so Haditsch. Er hat deshalb einen Kurs für österreichische Verhältnisse entwickelt. Dieser soll aus sieben Modulen mit je 14 Stunden bestehen, dazu würden 22 weitere, frei wählbare Ausbildungseinheiten kommen. In die Entwicklung des Fortbildungsangebotes wurden auch die heimischen Gesellschaften für Tropen- und Alpinmedizin sowie die Akademie für Flugmedizin einbezogen. „Derzeit kann reisemedizinisches Wissen nur im Rahmen von vorhandenen Kursen erworben werden, wobei manchmal nur sieben Stunden am Programm stehen“, kritisiert Haditsch.

Es würde nicht ausreichen zu wissen, wo die empfohlenen Impfungen für ein Land zu finden sind. Details zur Reise, z.B. welche Regionen konkret besucht werden, ob dies alleine mit Rucksack oder im bequemen Bus erfolgt und zu welcher Jahreszeit, seien wichtig. Die reisemedizinische Vorsorge müsse außerdem auf die konkrete Gesundheitssituation des Patienten abgestimmt werden. „Auch Allgemeinmediziner selbst betonen, dass sie in ihrer Ausbildung eigentlich nur ein rudimentäres Basiswissen für Reisemedizin erwerben“, berichtet Haditsch.

Akademie der Ärzte hat das Angebot abgelehnt

Eigentlich wäre es sinnvoll, eine adäquate Ausbildung österreichweit und als Diplom der Ärztekammer anzubieten. „Von der Akademie der Ärzte wurde die Ausbildung aber als ‚nicht notwendig’ beurteilt“, bedauert der Reisemediziner. Deutlich mehr Resonanz erzielte Haditsch in Oberösterreich, wo die Kammer im Vorjahr prinzipiell grünes Licht für die Ausbildung gegeben hat. Inzwischen liegen zwar viele Module des Kurses vor, doch die finanziellen Mittel für Organisation und Erstellung der Lehrmaterialien fehlen. Die Resonanz der Pharmaindustrie ist laut Haditsch bis jetzt zu gering ausgefallen, obwohl immer mehr Menschen in die Länder Asiens, Afrikas oder Südamerikas reisen wollen und auch eine reisemedizinische Ausstattung benötigen würden.

„Gesunde“ Effekte

„Interesse würde ich mir eigentlich auch von der Touristikbranche erwarten“, so Haditsch. Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass Personen, die gesund von Fernreisen zurückkehren, mindestens fünf weitere zu solchen Reisen motivieren. Wer krank wird, hält hingegen mindestens 20 davon ab, den nächstbesten Flieger zu buchen. Nach wie vor hat Haditsch die Hoffnung nicht aufgegeben, dass andere Landesärztekammern die „dringendende Notwendigkeit einer fundierten und für Österreich einheitlichen Ausbildung erkennen, die sich am internationalen State of the art orientiert. Wir sollten damit nicht solange warten, bis ein Präzedenzfall auftritt, bei dem ein Patient wegen mangelnder reisemedizinischer Betreuung klagt.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 17/2004

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