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Gesundheitspolitik 1. Dezember 2005

Mobilfunk und Gesundheit ist jetzt Expertensache

Jetzt sind die Experten am Zug: Ärzte, Physiker, Techniker und Vertreter von Behörden. Alle Studien zum Thema werden auf wissenschaftliche Stichhaltigkeit überprüft. Die Ergebnisse dieses Beratungsgremiums sollen als Grundlage für politische Entscheidungen auf breiter Basis herangezogen werden. Im Juni findet das erste Konsensusmeeting statt.

Der „Wissenschaftliche Beirat Funk“ (siehe Kasten) wurde von höchster politischer Ebene ins Leben gerufen. Infrastrukturminister Hubert Gorbach möchte damit Sorgen und Bedenken wegen der Gefährlichkeit so genannter nicht-ionisierender Strahlung, wie sie etwa von Handys und Handy-Masten ausgeht, „auf Basis der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse seriös zerstreuen". Der Beirat traf bereits bei einer ersten Arbeitssitzung zusammen. Den Vorsitz der Expertenrunde hat Prof. Dr. Norbert Vana, Professor für Strahlenschutz an der Technischen Universität Wien, übernommen, sein Stellvertreter ist der Arbeitsmediziner Prof. Dr. Christian Wolf. Die erste Aufgabe des Beirats besteht darin, publizierte Untersuchungen, Studien und Forschungsarbeiten, die sich mit dem Thema „nicht ionisierende Strahlen und Gesundheit“ befassen, zu beraten und entsprechende Schlussfolgerungen auszuarbeiten. Dies wird im Rahmen eines Konsensus-Meetings Anfang Juni der Fall sein.

Versachlichung der Diskussion

„Die Verunsicherung in der Bevölkerung, aber auch bei Behörden ist groß“, sagte Vana im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Die schon seit langem geführte Diskussion über Grenzwerte und deren Begründbarkeit flamme immer wieder auf. Eine Versachlichung könne dazu beitragen, die Wogen etwas zu glätten. Laut Vana gibt es weltweit eine Fülle von Studien, die sich mit Aspekten der Befindlichkeit in Zusammenhang mit elektromagnetischen bzw. Hochfrequenzfeldern beschäftigen: „Deren Qualität ist allerdings höchst unterschiedlich.“

In vielen Studien sei nicht klar, welcher Parameter gemessen wurden, z.B. die Intensität, das elektrische Feld, der Frequenzbereich, thermische oder athermische Effekte. Dies gelte auch für biologisch-medizinische Parameter, wie Einfluss auf die Hormone oder ein erhöhtes Krebs-risiko. Ein weiteres Manko sei die statistische Relevanz.

Kriterien für wissenschaftliche Bewertung von Studien

Im ersten Schritt wird der Beirat deshalb Kriterien zur wissenschaftlichen Bewertung der vorhandenen Daten festlegen. Nach diesen Vorgaben selektierte Studien stehen dann in der zweiten Stufe zur Diskussion. „Dazu werden auch kritische Forscher eingeladen, die selbst Untersuchungen einbringen können“, so Vana. Für den Arbeitsmediziner Wolf, Klinische Abteilung für Arbeitsmedizin, Medizinuniversität Wien, ergibt sich die Sinnhaftigkeit dieser Initiative aus der Erfahrung in den Ambulanzen: „In unsere Ambulanzen kommen Patienten mit zum Teil chronischen Erkrankungen, bei denen alle vorherigen Erklärungsversuche unbefriedigend waren. Deshalb sind Einflüsse durch Handys, Sendemasten oder andere Strahlungsquellen immer wieder ein Thema.“

Gesundheitlicher Schaden ist unwahrscheinlich

Der Aufgabenbereich der Arbeitsmedizin verschmelze stark mit der Umweltmedizin. Nach derzeitigem Wissensstand sei „bei Einhalten der Grenzwerte ein gesundheitlicher Schaden unwahrscheinlich“, sagt Wolf. Dies müsse natürlich immer im Einzelfall geprüft werden. Die Grenzwerte sind laut Vana weltweit eigentlich nicht umstritten. Gefordert werde immer wieder ein Vorsorgwert; diesen festzulegen, sei aber extrem schwierig ist. Ein solcher Schwellenwert sollte gewährleisten, so Wolf, dass unter diesem Wert ein gesundheitlicher Schaden unwahrscheinlich ist. Dafür gebe es bisher aber auch keine tauglichen Messgeräte.

Ursachen der Verunsicherung

Doch die Verunsicherung hält sich hartnäckig. „Es ist eine neue Gefahr, wie es früher einmal die Chemikalien waren“, erklärt Wolf die Ursachen dafür. Außerdem gebe es mittlerweile ein dichtes Netz an Sendemasten, „die nicht zu übersehen sind“. In der Arbeitsmedizin habe sich aber eine Gefährdung insofern nicht bestätigt, als bei Personen, die professionell in diesem Bereich arbeiten, keine auffälligen Gesundheitsbeschwerden nachzuweisen waren.

Parallelen zur Einführung der Bildschirmarbeitsplätze

Der Physiker Vana sieht in der Handy-Hysterie eine Parallele zur Einführung der Bildschirmarbeits- plätze vor 20 Jahren. „Für die Wahrnehmung elektromagnetischer Felder besitzt der Mensch keine Sensorik, bei Wärme geht‘s noch. Solange der wissenschaftliche Unterbau fehlt, kann eine Beeinträchtigung der Befindlichkeit mit allem Möglichen erklärt werden.“ Vom Thema Handy sei fast jeder betroffen, viele leiden beispielsweise unter Kopfschmerzen. Darüber werde dann mit anderen geredet und Bestätigung für die eigene Meinung gesucht. Den Aufklärungsbedarf bestätigen auch niedergelassene Ärzte. Eine Befragung zum Thema „Mobilfunk und Rettungswesen“ von Ok-tober bis Dezember 2003 hat ergeben, dass sich nur 12 Prozent der niedergelassene Ärzte „sehr gut“ und 30 Prozent „eher gut“ informiert fühlen (siehe Tabelle). 68 Prozent der Befragten gaben zugleich an, das Handy häufig zu nutzen. Auch bei der Erstverständigung in einem Notfall wird mittlerweile in 45 Prozent ein Handy verwendet.

An Argumenten für diese Initiative mangelt es also nicht. Laut Gorbach sei sichergestellt, dass der Beirat in der Erfüllung seiner Aufgaben von allen Interessensträgern unabhängig und weisungsfrei sei. Als Innovationsminister und als oberste Fernmeldebehörde habe er es übernommen, diese Initiative voranzutreiben. Andere mit dieser oder einer ähnlichen Materie befasste Bundesministerien werden eingebunden, um die Ergebnisse dieses Beratungsgremiums als Grundlage für politische Entscheidungen auf breiter Basis heranziehen zu können. Um den wissenschaftlichen Hintergrund sicherzustellen, wurden die Austrian Research Centers (ARC) beauftragt, sich der Durchführung dieser Initiative anzunehmen.

Herbert Hauser, Ärzte Woche 16/2004

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