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Gesundheitspolitik 1. Juni 2016

Das Jahr der Extreme

Die Flüchtlingswelle nach Europa sowie Angriffe auf medizinische Einrichtungen in Kriegsgebieten kennzeichneten das „Ärzte ohne Grenzen“-Jahr 2015.

Das vergangene Jahr war für Ärzte ohne Grenzen ein Jahr der Rekorde im positiven und negativen Sinn: Es wurden 106 Angriffe auf 75 Krankenhäuser dokumentiert. Erfreulich hingegen war, dass 2015 163 Mitarbeiter in die Einsatzländer entsandt wurden – mit Abstand die höchste Anzahl seit der Gründung der österreichischen Sektion im Jahr 1994.

„Es war ein Jahr mit traurigen Rekorden“, sagte Präsidentin Margaretha Maleh bei der Präsentation des Jahresberichts 2015 im Rahmen einer Pressekonferenz am 19. Mai 2016 in Wien. Das vergangene Jahr war eines der tödlichsten für die Hilfsorganisation. Die Arbeit in Kriegsgebieten gestalte sich zunehmen schwierig, in Syrien, im Jemen und Afghanistan werden regelmäßig Krankenhäuser angegriffen. Weltweit wurden im vergangenen Jahr 106 Angriffe auf 75 Krankenhäuser von Ärzte ohne Grenzen dokumentiert. Dazu zählt auch ein tödlicher Angriff auf das Trauma-Krankenhaus in der afghanischen Stadt Kundus, bei dem im Oktober mindestens 42 „Ärzte ohne Grenzen“-Mitarbeiter und Patienten starben.

Humanitäre Krise in Europa

Besonders besorgt zeigt sich Maleh auch über die aktuelle Entwicklung in Europa. „Die beschlossene Asylverschärfung bedeutet eine De-facto-Abschaffung des Rechts auf Asyl für Kriegsflüchtlinge in Österreich,“ so Maleh. „Österreich ist auf dem besten Weg, ein Negativ-Beispiel zu werden. Die Entscheidung, eine Obergrenze einzuführen, hat einen Dominoeffekt auf andere Länder ausgelöst. Daher rufen wir Österreich und die anderen Länder auf, den Deal mit der Türkei rückgängig zu machen.“ Sie appelliere daher an den neuen Bundeskanzler Christian Kern und an die Regierung, die Verschärfung des Asylrechts zu überdenken.

Die Hilfe für Flüchtlinge und Migranten in Europa bildete im Jahr 2015 einen wichtigen Schwerpunkt für die Hilfsorganisation. Insgesamt waren 535 Mitarbeiter entlang der Fluchtrouten im Einsatz – bis Jahresende führten sie über 100.000 medizinische Behandlungen durch. Beim Rettungseinsatz der Organisation im Mittelmeer wurden bis Jahresende mehr als 20.000 Menschen gerettet. Erstmals wurde auch ein kleines Team von Ärzte ohne Grenzen in Österreich tätig, das die medizinische Versorgung von Flüchtenden an den Grenzübergängen unterstützte. Wie Maleh immer wieder betonte: „Wir werden weiterhin unsere Stimme erheben und Entscheidungsträger an ihre humanitären Verpflichtungen erinnern.“

Im Sommer 2015 erzeugte ein Bericht, in dem Ärzte ohne Grenzen die humanitäre Situation im Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen kritisierte, viel Aufmerksamkeit. Auslöser für den Report waren unzählige Berichte über unwürdige Lebensbedingungen in Traiskirchen, die an MSF herangetragen wurden. Im August führte die Organisation deshalb zwei Bedarfserhebungen vor Ort durch. Das Ergebnis war alarmierend.

Unwürdige Lebensbedingungen

Aus Sicht des Expertenteams wiesen sowohl die Unterbringung als auch die medizinische und sanitäre Versorgung der mehr als 4.000 Menschen in der überbelegten Einrichtung grobe Mängel auf. Das zuständige Innenministerium wurde dringend aufgefordert, Hilfsorganisationen Zugang zum Aufnahmezentrum zu gewähren. Parallel dazu riefen Ärzte ohne Grenzen, Caritas, AmberMed und andere Organisationen eine Initiative ins Leben, die als Sofortmaßnahme vor dem Erstaufnahmezentrum medizinische Hilfe anbot. Die Situation entspannte sich schließlich durch die Errichtung eines Feldspitals. Bis Jahresende absolvierten mehr als 250 freiwillige Ärzte und Ärztinnen über 500 Einsätze, um Menschen auf der Flucht medizinische Hilfe zu bieten.

Positivrekord zu verzeichnen

Aber auch auf die vielen positiven Momente in 2015 möchte die Präsidentin verweisen: Dazu gehörten alle Erfolgsgeschichten der Patientinnen und Patienten, die dank des Engagements der vielen internationalen und einheimischen Mitarbeiter behandelt werden konnten. Auch hier wieder ein Rekord – im positiven Sinne: 163 Mitarbeiter wurden aus Österreich und dessen Nachbarländern im vergangenen Jahr in die Einsatzländer entsandt – mit Abstand die höchste Anzahl seit der Gründung der österreichischen Sektion im Jahr 1994. Sie leisteten insgesamt 241 Hilfseinsätze in 42 Ländern, also war jeder zweite Mitarbeiter auf zwei Einsätzen tätig.

Spendenbilanz

Mehr als 20 Millionen Euro hat Ärzte ohne Grenzen in Österreich im Jahr 2015 für die Vorbereitung und Durchführung der weltweiten Hilfseinsätze aufgewendet. Ein großer Teil davon entfiel auf medizinische Noteinsätze im Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik und dem Tschad sowie auf die Hilfseinsätze für syrische Flüchtlinge im Irak, Jordanien und dem Libanon.

Die Auslöser für Hilfseinsätze sind zu 55% bewaffnete Konflikte, zu 24% Endemien, zu 18% fehlende medizinische Versorgung sowie zu 3% Naturkatastrophen.

Insgesamt spendeten in Österreich knapp 228.000 private Personen und Firmen fast 25 Millionen Euro. Damit ist die Gesamtsumme der Spenden im Vergleich zum Jahr 2014 um mehr als eine Million gestiegen. Zusätzlich sind Sachspenden im Wert von rund 150.000 Euro eingegangen.

 

3 Fragen, 3 Antworten

"Den Flüchtlingen ihre rechtmäßige Hilfe zukommen lassen"

Die gebürtige Tirolerin Margaretha Maleh, Psychotherapeutin und langjährig als Präsidentin und Geschäftsführerin des Österr. Verbands für Spastiker-Eingliederung tätig, wurde im Mai 2015 zur Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen Österreich gewählt. In diesem Sommer sah sich die Hilfsorganisation mit einer humanitären Krise riesigen Ausmaßes mitten in Europa konfrontiert.

Als frischgebackene Präsidentin mussten Sie sich sogleich mit dem Problem der Flüchtlingsströme in Europa auseinandersetzen? Neuland für Ihre Organisation?

Maleh: In einer gewissen Form ist es sicher Neuland, weil eine Bedingung für Ärzte ohne Grenzen lautet, dass wir dort unsere Einsätze und unsere Hilfe leisten, wo entweder Katastrophen sind, die plötzlich sind, ein Land überfordern, oder wo Ausbrüche von Epidemien stattfinden. Oder auch, wo die Armut eines Landes oder unzureichende Möglichkeiten der medizinischen Versorgung unsere Hilfe nötig machen. Es war aber so, dass die Menschen – die Zivilgesellschaft – uns aufgefordert haben: Schaut einmal nach Traiskirchen, was passiert denn da, das ist ja unmenschlich, untragbar!

Was kann Ärzte ohne Grenzen in dieser Situation tun?

Maleh: Wichtig war und ist uns, darauf zu drängen, dass Österreich, aber auch Deutschland, Griechenland, Italien etc. – MSF ist ja hochgradig vernetzt – den Flüchtlingen jene Hilfe zukommen lässt, die ihnen rechtmäßig zusteht. Wir wollen nicht, dass die Solidargemeinschaft der NGOs, der Non-Profit-Organisationen oder die Zivilgesellschaft jene Aufgaben übernehmen, die eigentlich als Maßnahmen von den politisch Verantwortlichen einzufordern sind. Jedoch reagierten wir in Österreich auch mit konkreter Hilfe und wurden erstmals mit einem kleinen Team tätig. Auch unterstützten wir die Initiative Medical Aid for Refugees.

Ihr Aufruf an Ärzte und Pflegepersonal für einen Hilfseinsatz bei Ärzte ohne Grenzen ...

Maleh: Ich kann nur sagen: Es ist immer eine Bereicherung! Jeder, dem es möglich ist, sich für eine gewisse Zeit für einen Einsatz bei uns zu melden, wird für das ganze Leben eine Bereicherung erfahren. Auch im Sinne von Lernen. Viele Kolleginnen und Kollegen sagen danach: Meine Güte, man lernt so viel! Das ist übrigens ein wichtiger Aspekt von MSF, dass wir derart viele Möglichkeiten bekommen, um Neues zu lernen.

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