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Dr. Clemens Martin Auer Sektionschef, Sektion I – Gesundheitssystem und zentrale Koordination, Bundesministerium für Gesundheit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Thomas Holzgruber Kammeramtsdirektor der Ärztekammer für Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Neeltje van den BergVersorgungsforscherin am Institut für Community Medicine, Universitätsmedizin Greifswald

 
Gesundheitspolitik 1. Juni 2016

Digitaler Wandel mit „gewisser Behäbigkeit“

Auf der Konferenz „E-Health Summit 2016 & eHealth 2016“ diskutierten Teilnehmer über den Einfluss der zunehmenden Digitalisierung der Medizin auf das Arzt-Patienten-Verhältnis – der Dreiklang der Zukunft?

„Die Hysterie im Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten sorgt dafür, dass die Potenziale der Digitalisierung für die Gesundheitsversorgung oft nicht genutzt werden.“ Mit diesem Einstiegssatz eröffnete Moderatorin Claudia Dirks, Direktorin für die D-A-CH-Region von HIMSS-Europe (Healthcare Information and Management Systems Society) die Expertenrunde. Ohne den Einsatz moderner Informationstechnologie würden heute weder vertiefende Diagnose- noch Therapieverfahren funktionieren. Dennoch sind es vor allem Ärzte oder ihre Vertretungen, die bei der Implementierung neuer digitaler Methoden auf der Bremse stehen. Warum ist das so? Und was sagt eigentlich der Patient dazu?

Weil Digitalisierung keine vorübergehende Erscheinung ist, sollten sich Politik, Krankenhäuser und Ärzte nicht die Frage stellen, ob, sondern wie sie diese neuen Möglichkeiten für sich und ihre Patienten nutzen können. Dr. Clemens Martin Auer vom Gesundheitsministerium fühlt sich provoziert. Das Fragezeichen („Dreiklang der Zukunft?“) am Ende des Veranstaltungstitels sei sinnlos. Ärztekammervertreter Dr. Thomas Holzgruber meinte, die IT sei nur technische Unterstützung, Empathie und Zuwendung kämen ohne sie aus. Dr. Neeltje van den Berg vom Institut für Community Medicine hält hingegen den persönlichen Kontakt für überbewertet, so würde Psychotherapie übers Telefon wider Erwarten gut angenommen.

Transparenz schmeckt einigen nicht

„Die Frage des Datenschutzes haben wir geklärt.“

Ich fühle mich durch die Frage bzw. den Titel dieser Veranstaltung provoziert. Für mich ist das Fragezeichen am Ende sinnlos, es handelt sich vielmehr um einen Imperativ. Wenn nämlich jemand in der Runde diesen Dreiklang ernsthaft infrage stellt, stehe ich jetzt auf und gehe, dann macht es keinen Sinn, überhaupt weiterzureden. Die Digitalisierung ist ja nichts Neues, auch nicht in der Gesundheitswelt. Wie sollten Ärzte multifraktionierte Arbeitsabläufe und Behandlungsprozesse überhaupt bewältigen ohne den Einsatz von IT? Wo können Ärzte denn heute eine seriöse weiterführende Diagnostik machen, wenn sie sich den rasenden Fortschritten der Digitalisierung verweigern würden?

Was wir in zunehmendem Maße auch schaffen, ist, Gesundheitsdaten sektorenübergreifend und sozusagen dienstleistungsübergreifend zur Verfügung zu stellen. Wir sind also gerade am Beginn einer Evolution. In drei Jahren, wenn ELGA voll ausgerollt sein wird, werden wir einen Qualitätssprung geschafft haben. Patienten haben dann selber Zugang zu ihren Daten und andererseits ist gewährleistet, dass diese Daten sektorenübergreifend bereitstehen, dort, wo sie benötigt werden. Daten werden auch schon von A nach B geschickt, die Kommunikation findet ja statt. Der qualitative Unterschied: Es ist eine ungerichtete, teilweise ungesicherte Kommunikation.

Die Frage des Datenschutzes haben wir bei ELGA geklärt. Sich darauf zu berufen, ist eine simple und dumme Ausrede. Die eigentlich kontroverse Diskussion, die in diesem Thema steckt, ist jene, dass durch das Zurverfügungstellen von Daten Transparenz geschaffen wird. Und da gibt es einige im Gesundheitssystem, denen Transparenz nicht schmeckt. Das ist ein kulturelles Problem, das der eine oder andere Arzt noch hat. Ich will gar nicht von allen Ärzten sprechen, aber der eine oder andere hat ein Problem damit, dass durch die Digitalisierung Behandlungsdaten zur Verfügung stehen, die auch Kollegen sehen, und das Peer-Review dann vielleicht unangenehm ist, weil der eine Doktor sieht, was der andere gemacht hat – oder eben nicht gemacht hat. Aber das ist in Wahrheit ja auch gut, dass das Peer-Review stattfinden kann.

IT ist nur Mittel zum Zweck

„Ärzte haben mit Transparenz kein Problem.“

Wie mein Vorredner finde ich den Titel der Veranstaltung auch nicht passend – aber aus einem anderen Grund: Würde man das einen Arzt fragen, würde er antworten: Der Begriff IT in der Mitte gehört weg, Arzt und Patient allein sind wichtig. IT ist ein reiner Support-Prozess und als solcher anzusehen, nicht als Selbstzweck. Im Behandlungsprozess sollte das im Vordergrund stehen, was Arzt und Patient tun, nicht das, was die IT vorgibt. Außerdem haben viele wichtige Aspekte in der Medizin nach wie vor nichts mit IT zu tun: Empathie, Zuwendung, klinische Untersuchung. Daher gibt es von ärztlicher Seite eine gewisse Behäbigkeit gegenüber IT. Da, wo sie brauchbar und hilfreich ist, wird sie aber auch angenommen.

Ein Wort zum Thema Datenschutz: Man hat den Ärzten über 2.400 Jahre – seit Hippokrates – eingeprügelt: Alles was du über deine Patienten weißt, musst du bei dir behalten. Sie waren also immer für den Datenschutz verantwortlich. Bei ELGA haben die Ärzte das Gefühl, sie müssen diese Daten jetzt irgendwohin geben, wo sie nicht genau wissen, was dort eigentlich mit ihnen geschieht, und von dort holt sie irgendjemand ab, der über Systeme zugreift, die sie nicht verstehen. Bisher waren sie für den Datenschutz verantwortlich, plötzlich sind sie es nicht mehr, sondern müssen ihre Daten weitergeben. Das ist tatsächlich ein kulturelles Problem für die Ärzte, zugegebenermaßen auch ein Generationenproblem. Die jüngere Arztgeneration kann damit sicher leichter umgehen. Letztendlich wird aber die Gesellschaft entscheiden, ob sie das akzeptiert oder nicht.

Was die Peer-Reviews betrifft, hat kein Arzt etwas dagegen, schon allein deshalb, weil die Ärzte Peer-Reviews selbst erfunden haben. Das kommt ja aus einem innerärztlichen Prozess. Im Prinzip ist jede Morgenbesprechung ein Peer-Review, wo Patienten vorgestellt werden und andere Kollegen darüber reden, wie sie behandelt werden. Das ist eines der wichtigsten klinischen Instrumentarien seit Beginn der medizinischen Fakultäten. Wenn man diese digitalen Peer-Reviews also gescheit macht, dann werden Ärzte mit der Transparenz kein Problem haben.

Hohe Patientenakzeptanz

„Arzt und Patient müssen sich nicht immer direkt gegenübersitzen.“

Ich bin auch der Meinung, dass IT nicht dazwischen stehen darf, immer nur ein Mittel zum Zweck sein kann. Aber die IT kann viele Prozesse unterstützen, etwa um Ärzte und Patienten zusammenbringen, wenn sie nicht am gleichen Ort sind.

Wir haben in Greifswald in der Psychiatrie zum Thema Depressionen und Angststörungen ein Projekt gemacht, wo die Patienten die Behandler noch nie gesehen haben, weil sie nur über eine Telefonleitung miteinander geredet haben. Die Frage war: Akzeptieren Patienten so etwas, nehmen sie ein solches Angebot überhaupt an? Da war die Ärzteschaft im Vorfeld durchaus gespalten, wir haben es trotzdem versucht. Tatsache war dann, dass auch über den rein telefonischen Kontakt Vertrauen aufgebaut werden konnte.

Für eine Patientenbeziehung muss man sich also nicht immer direkt gegenübersitzen. Nur Telemedizin ist natürlich auch nicht richtig, man braucht vielmehr Konzepte, die beide Möglichkeiten integrierten. Seitens der Patienten gibt es da unserer Erfahrung nach keine Akzeptanzprobleme. Man muss die Menschen nur mitnehmen, ihnen entsprechende Unterstützung anbieten, telemedizinische Lösungen zum Beispiel in ein Gesamtkonzept einbinden, damit sich auch ältere Leute, die nicht mit der Technik vertraut sind, nicht allein gelassen oder überfordert fühlen. Wenn man das berücksichtigt, ist die Akzeptanz sehr hoch.

Digitale Lösungen sollen eine Erleichterung für Patienten und Ärzte bringen. Sie sollen dort ansetzen, wo es Probleme gibt, wo man mit den herkömmlichen Verfahren nicht mehr weiter kommt. Bis vor wenigen Jahren waren viele telemedizinische Lösungen ausschließlich wirtschaftlich getrieben. Da wurden IT-Projekte gestartet und danach Anwendungsmöglichkeiten dafür gesucht. Das ist aber die falsche Reihenfolge. In der Zwischenzeit, habe ich den Eindruck, läuft es andersherum, Lösungen kommen eher aus dem Gesundheitssystem selbst heraus. Die Frage ist dann: Was kann ich aus Sicht der IT machen, um ein Problem zu lösen? Das ist eine ganz andere Herangehensweise, die einzig richtige.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 22/2016

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