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Gesundheitspolitik 1. Dezember 2005

Kein Grund zur Amtshandlung?

Ein couragierter Allgemeinmediziner brachte vermeintliche Gesetzesverstöße gegen Rezeptpflicht, Substitutionsverbot und Dienstbereitschaft zur Anzeige. Die zuständige Behörde sah allerdings keinen Grund für weitere Maßnahmen.

Stammleser unserer Rubrik Gesundheitspolitik werden sich erinnern: Seit einigen Jahren schwelt im Mostviertel ein Streit zwischen Arzt und Apothekerin. Wegen einer neu eröffneten Apotheke mussten die Ärzte ihre Hausapotheken zusperren, seit etwa einem Jahr läuft der geordnete Parallelbetrieb. Es schien, als hätte man sich mit der Situation abgefunden und ließe Ruhe in die Kleingemeinde einkehren. Aber weit gefehlt: Ende letzten Jahres brachte der Arzt insgesamt elf Verstöße gegen die Rezeptpflicht, vier Verstöße gegen das Substitutionsverbot sowie drei Fälle von eigenmächtiger Abänderung der Dosierung durch die Pharmazeutin zur Anzeige. Alle Fälle sind durch ihn belegbar.

Ein weiterer Grund seiner Kritik: Eine Apotheke hätte grundsätzlich rund um die Uhr dienstbereit zu sein, was die Apotheke in Aschbach seiner Ansicht nach nicht sei. Erst jüngst während des Apothekennachtdienstes vergingen 25 Minuten zwischen Anläuten und Ausfolgen eines dringend benötigten Medikaments für eine Schmerzpatientin. Neben der zuständigen Behörde Bezirkshauptmannschaft erging jeweils eine Kopie dieser Anzeige an die Apothekenbetreiberin, die Ärztekammer, die Apothekerkammer und die Gebietskrankenkasse. Auch die Landessanitätsdirektion sowie das Gesundheitsministerium wurden durch den Arzt von der Anzeige in Kenntnis gesetzt. Eine Anfrage beim Bezirkshauptmann ergab, dass die Anschuldigungen überprüft wurden, und man keinen Grund zur Beanstandung des Apothekenbetriebs sehe. Es sei „kein Problem, wenn Medikamente ohne Rezept ausgehändigt werden, schließlich bekommt man eine Quittung und kann das Rezept ja nachreichen“. Auch die Substitution sei kein Problem, schließlich „ist für die Entscheidung nur maßgeblich, ob gesundheitliche Bedenken gegen die Handlungsweise der Apothekerin sprechen“. Im Übrigen wären die verschriebenen Medikamente „gerade halt nicht lagernd“ gewesen.

Keine Bedenken der Behörde

Die falschen Dosierungen seien einzeln überprüft worden, ebenfalls ohne Hinweis auf gesundheitliche Bedenken. Der Bezirkshauptmann hält es auch für ausreichend, dass ein dienstbereiter Pharmazeut binnen 20 Minuten per Handy in die Apotheke gerufen werden kann, wie das vor Ort der Fall ist. Somit kein Grund zur Amtshandlung. Wir haben alle betroffenen Parteien zu dieser Angelegenheit befragt. Das Gesundheitsministerium kann keine näheren Informationen erteilen. Im Übrigen sei das Angelegenheit der Apothekerkammer, die sich darum kümmere. Von der Landessanitätsdirektion gab es überhaupt keine Rückmeldung.

Die NÖGKK gibt aus Gründen des Datenschutzes keine näheren Informationen und weist darauf hin, dass von allen Anschuldigungen genau eine aus Sicht der GKK prüfwürdig sei. Im übrigen sei es egal, wann und wie die Medikamente ausgefolgt werden. Die Apothekendiensteinteilung sei Angelegenheit der Apothekerkammer, Hauptsache, der Patient sei überhaupt versorgt. Außerdem hätte der Arzt die Patientin auch wegschicken können, schließlich gäbe es eine flächendeckende Ärztenachtdienstregelung.

Ärztekammer bezieht Stellung

Die Ärztekammer bezieht verhalten Stellung. Die Dispensierung von Medikamenten außerhalb von ärztlichen Hausapotheken sei nicht Aufgabe der Ärztekammer und entziehe sich grundsätzlich auch deren Einflussbereich. Die Ärzteschaft müsste grundsätzlich darauf vertrauen können, dass die von ihr rezeptierten Medikamente ordnungsgemäß an die Patienten ausgefolgt werden. Es sei jedoch Pflicht jedes Staatsbürgers, bei Verdacht auf Vorliegen von ungesetzlichen Vorgängen diese an die Behörden zur Klärung weiterzuleiten. Die Apothekerkammer ist überzeugt, dass die vom Arzt erhobenen Vorwürfe nicht zutreffen. Sie seien vor dem Hintergrund zu sehen, dass er seine ärztliche Hausapotheke aufgrund der Eröffnung der öffentlichen Apotheke gesetzesgemäß schließen musste. Seitdem führe er offensichtlich einen persönlichen Rachefeldzug gegen die Apothekerin. Durch Verbreitung von verkürzten, unvollständigen oder unzutreffenden Sachverhaltsdarstellungen möchte er augenscheinlich der Apothekerin die Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit verleiden und ihren Ruf schädigen. Die Apothekerin selbst wehrt sich mittels Rechtsbeistand, der dem Arzt eine Verleumdungsklage in Aussicht stellt.

Gesetze sind klar geregelt

Der Arzt ist jedenfalls ungehalten: Es gäbe eine Gesetzeslage, die durch Praktikabilität nicht außer Kraft gesetzt werden kann. Er habe auf Anraten seines Rechtsbeistandes die Dinge angezeigt, weil er sich ansonsten selbst strafbar gemacht hätte. Natürlich habe er durch sein Handeln Schlimmeres verhindert. Das könne aber kein Grund sein, die Apothekerin deshalb nicht zur Verantwortung zu ziehen.
Die Angelegenheit Rezeptpflicht, Substitutionsverbot sowie Dienstbereitschaft sind seiner Ansicht nach klar gesetzlich geregelt, und daran habe man sich zu halten. Außerdem habe die Apothekerin ohne Rücksprache mit dem Arzt keinesfalls eigenmächtig die Dosierung zu ändern. In den bekannten Fällen habe es sehr wohl verstärkte Nebenwirkungen gegeben.

Der Anwalt der Apothekerin betont, dass nur öffentliche Vollapotheken die ordnungsgemäße Medikamentenversorgung der Bevölkerung sicherstellen können. Genau dies möchte der Arzt gewährleistet wissen und fordert daher ordentliche Lagerhaltung, Einhaltung der Rezeptpflicht und die Abdeckung der gesetzlich verpflichtenden Dienstbereitschaft. Sicher wirkt bei ihm die Enttäuschung über die verlorene Hausapotheke noch nach. In dieser Angelegenheit sei er mit der ganzen Härte der Vollzugskraft der Bezirkshauptmannschaft getroffen worden. Die gleiche Konsequenz fordert er nun auch in Sachen seiner Anzeige von der Behörde ein. Eine Überprüfung der angesprochenen Dosierungen durch die ÄRZTE WOCHE hat jedenfalls in einem Fall eine Unterschreitung um 20 Prozent, im zweiten Fall eine Überdosierung auf 250 Prozent und im dritten Fall eine Überdosierung auf 170 Prozent des verschriebenen Wertes ergeben.

Im dritten Fall der eigenmächtigen Dosierungsänderung kommt erschwerend hinzu, dass mit dem Wert die höchstzulässige Tagesdosis um 40 Prozent überschritten wurde, und das bei Dauermedikation. Eine Anfrage beim Hersteller sowie bei Gutachtern mit Spezialisierung im betroffenen Fach haben ergeben, dass diese Angelegenheit keineswegs gesundheitlich so unbedenklich sei, wie von der Bezirkshauptmannschaft dargestellt.

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