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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Ärzte schätzen Ergotherapie

Nach wie vor gibt es zu wenige Ausbildungs- und Praktikumsstellen für Ergotherapeuten. Aus der Sicht von Ärzten ließe sich die Kooperation mit anderen Gesundheitsberufen aber noch weiter intensivieren.

Ende März fand in Steyr das Symposium „Ich handle, ergo bin ich – Ergotherapie im Dschungel medizinischer Angebote“ statt. „Bei der Ergotherapie steht die Lebensqualität des Patienten, die bessere Bewältigung des Alltags im Vordergrund“, analysierte der Steyrer Allgemeinmediziner Dr. Michael Schodermayr. „In manchen Bereichen, wie der Palliativmedizin, werden Unsummen in andere Maßnahmen investiert, aber jede Stunde Ergotherapie muss erstritten werden.“

Ganzheitlicher Ansatz

Dabei würden viele Patienten – vor allem Ältere, chronisch Kranke oder Menschen mit Behinderung – vom ganzheitlichen Ansatz der Ergotherapie stark profitieren. Schodermayr stellte bei der Tagung verschiedene Bereiche vor, in denen eine intensivere Kooperation mit Ergotherapeuten ein wichtiger Schritt wäre. Ab einem Lebensalter von 65 steigt die Sturzhäufigkeit rapide an. Fast ein Drittel der Menschen dieser Altersgruppe stürzen statistisch gesehen einmal im Jahr, bei den 80- bis 90-Jährigen steigt diese Rate sogar auf 50 Prozent. „Durch die Banalisierung dieses Problems gibt es eine sehr hohe Dunkelziffer“, so Schodermayr. Stürze verursachen nicht nur medizinische Probleme – „es bricht nicht nur der Knochen, sondern auch das Selbstvertrauen. Dazu kommt die Angst vor neuen Stürzen.“ Und Sturz bedeute oft auch einen Sturz in die Abhängigkeit von anderen.

Stürze im Alltag durch gezieltes Training verhindern

Neben dem ärztlichen Befund sind auch die Inspektion des Sturzortes und funktionelle Tests wichtig. „Vor allem geht es um Training von Alltagsaktivitäten vor Ort, um Angstabbau und Stärkung der Selbstständigkeit“, erklärte Schodermayr. Hier können Ergotherapeuten die Erfahrungen ihrer fundierten, dreijährigen Ausbildung einbringen und gemeinsam mit dem Arzt und anderen Therapeuten oder sozialen Diensten viel bewegen. Therapeutisch sind unter anderem eine Stimulation des Gleichgewichtsorgans, verbesserte Sinneswahrnehmung, Training der Reaktionsfähigkeit und der Rumpfstabilität möglich. Auch eine gute Begleitung beim Einsatz diverser medizinischer Heilbehelfe ist wertvoll.

Schodermayr betonte, dass mobile Ergotherapie auch bei der Betreuung von Menschen mit Demenz eine größere Rolle spielen müsste. Das Training der Alltagsaktivitäten kann nur im unmittelbaren Lebensumfeld geschehen. Ebenso wichtige Impulse würde die Ergotherapie in der Palliative Care bringen: Neben der Erhaltung der Lebensqualität gehe es vor allem auch darum, Ausdrucksmöglichkeiten für die Patienten zu schaffen.

„Aktiv-Sein-Können hat eine gesundheitsfördernde und heilende Wirkung“, unterstrich die diplomierte Ergotherapeutin Gabriele Schwarze, MAS und Vorsitzende des Berufsverbands. In ihrem Beruf gehe es um weit mehr als das Behandeln von Symptomen. Spätfolgen könne vorgebeugt und bedeutende Beiträge zur Prävention geleistet werden.

Situation in Österreich

In Österreich gibt es derzeit etwa 1.300 ErgotherapeutInnen, pro Jahr absolvieren maximal 180 weitere eine der sieben Akademien. „In Deutschland gibt es 30.000 Therapeuten, in Schweden über 8.500“, berichtete Schwarze. In diesen und anderen Ländern ist Ergotherapie auch fix in Alten- und Pflegeheimen sowie in den mobilen Diensten verankert. Schwerpunkte sind dort auch Forschung und Gesundheitsförderung.

„In Österreich sind wir in diesen Bereichen weit abgeschlagen“, kritisiert Schwarze. Bei den heimischen Ausbildungsakademien melden sich etwa dreimal so viele Bewerber als aufgenommen werden können, Mangel besteht auch bei Praktikumsplätzen. „Von Seiten der Sozialversicherung und Gesundheitspolitik wird außerdem zuwenig in neue Stellen am Arbeitsmarkt investiert“, ergänzte Schodermayr. Dabei würde sich dies schon mittelfristig rechnen, allein schon aufgrund des präventiven Effekts der Ergotherapie. Der Bedarf an mehr Therapeuten ist aus seiner Sicht keine Frage langwieriger Analysen: „Es gibt viele Bereiche des Hausarztes, in denen die Kooperation mit Ergotherapeuten wichtig wäre – im Sinne aller Beteiligten.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 13/2004

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