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© Markus Scholz/dpa
Dr. Margarita Carlsson prüft bei der fünfjährigen Emily deren körperliches Koordinationsvermögen.
 
Gesundheitspolitik 24. Mai 2016

Verständnis setzt Verstehen voraus

Schulärzte benennen neue Probleme und fordern ein Unterrichtsfach „Gesundheitserziehung“.

Die Situation der heimischen Schulmedizin ist im internationalen Vergleich gut – sie könnte aber noch viel besser sein. Probleme gibt es mit der Radikalisierung von Jugendlichen und bei der Prophylaxe chronischer Erkrankungen.

Am 2. Kongress für Schulmedizin, veranstaltet von der Gesellschaft der Schulärzte Österreichs, GSÖ, diskutierten mehr als 200 heimische Schulärzte mit Pädagogen und anderen Experten Probleme in der medizinischen Betreuung von Schülern – und darüber, was es bräuchte, um rechtzeitig und wirkungsvoll gegensteuern zu können.

Auf der Agenda standen Gewalt und Aggression, psychosoziale Störungen, Verhaltensauffälligkeiten, Autismus-Spektrum-Störungen, Umgang mit Radikalismus und Internetkriminalität, orthopädische Erkrankungen, die Zunahme chronischer Erkrankungen, Essstörungen.

Dr. Gudrun Weber, Referentin für Schulmedizin in der Ärztekammer, war vom multiprofessionellen Ansatz des Kongresses angetan: „Diese Form der Auseinandersetzung mit allen Betroffenen und Beteiligten ist wichtig. Wir Schulärzte können schließlich nur mit Lehrern, Schülern und Eltern gemeinsam etwas erreichen.“

Die aktuelle Situation an den Schulen beurteilt Weber so: Die Versorgung in den Bundesschulen sei relativ gut aufgestellt. Dem stimmt auch der Vizepräsident der GSÖ Dr. Erich Lemberger zu: „Wir haben an den AHS und BHS das Glück, fix angestellte Schulärzte zu haben, die die Kinder und die Lehrer persönlich kennen und regelmäßig verpflichtend und unabhängig untersuchen.“ Das gäbe es in anderen Ländern nicht.“ Weber hält die jährliche Untersuchung für essenziell, um Erkrankungen, physische Defizite oder psychische Auffälligkeiten möglichst frühzeitig zu erkennen und in der Folge zumindest weitere diagnostische und therapeutische Schritte zu initiieren: „Die Schuluntersuchung ist eine gute – oft die einzige – Möglichkeit, um zu screenen, weil vermeintlich gesunde Kinder und Jugendliche sonst nicht regelmäßig zum Arzt gehen.“

Umso wichtiger wäre es laut Weber, das Versorgungsangebot an den von den Ländern verantworteten Pflichtschulen rasch an das Niveau der Bundesschulen heranzuführen: „Die Pflichtschulen sind zwar medizinisch grundversorgt, es gibt aber praktisch keine Ressourcen, um bei Bedarf auf individuelle Problemfälle einzugehen.“

Im Bundesbereich sei dies aufgrund des derzeitigen Schlüssels „eine Wochenstunde Schularzt pro 60 Kinder“, zumindest eingeschränkt, möglich.

„Im Sinne des Gleichbehandlungsprinzips kämpft die Ärztekammer seit Jahren um ein einheitliches System“, sagt Weber – bislang mit wenig Erfolg, die einzelnen Länder verfolgen hier ihre ganz eigenen, höchst unterschiedlichen Ansätze.

Die Aggressionen nehmen zu

Zusätzliche Zeit für Schulärzte könnte helfen, Folgeschäden zu reduzieren – und damit in weiterer Folge auch volkswirtschaftliche Folgekosten. Einsparungspotenzial gäbe es jedenfalls genug: Laut Befragungen leiden 30 Prozent aller Schulkinder – mehr als 300.000 Kinder in Österreich – während ihrer schulischen Laufbahn unter körperlichen oder psychosozialen Problemen, 10 Prozent sind sogar in permanenter Behandlung.

Eine wachsende Herausforderung für Lehrer und Schulärzte stellt die Zunahme an Aggressivität und Radikalisierungspotenzial in den Klassenzimmern auf der einen sowie Angststörungen auf der anderen Seite dar.

Kevin Browne, Direktor des Centre for Forensic and Family Psychology an der Medizinischen Fakultät der Universität von Nottingham (UK), nannte die Auswirkungen des überhandnehmenden Medienkonsums auf Jugendliche beim Namen: „Ein zu großer, unreflektierter Konsum wirkt sich nachteilig auf die Entwicklung des jugendlichen Gehirns aus“, fasst Lemberger Brownes Ausführungen zusammen. Daraus könne in Kombination mit anderen Problemen oder Defiziten, etwa im familiären Umfeld, ein aggressiver Mix entstehen, der Jugendliche in der Folge auch für radikale Agitatoren empfänglich macht.

Über die Terminologie und Strategien von Dschihadisten informierte der Religionspädagoge Ramazan Demir, Imam der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs und zugleich deren Bildungsbeauftragter. Er sprach laut Lemberger darüber, welche spiralförmige Entwicklung es nehmen kann, wenn Jugendliche sich radikalisieren, und wie weit entfernt von jeder Religion sie dann landen. Identitätsstiftend und anziehend sei das vor allem für Jugendliche, die sich ausgegrenzt fühlen. Lehrer, aber auch Schulärzte, müssten daher möglichst frühzeitig intervenieren, sobald Jugendliche auffällig werden, und auf deren Probleme eingehen, indem sie etwa das persönliche Gespräch suchen. Um das aber überhaupt zu können, sei es notwendig, entsprechendes Wissen über Hintergründe und Strategien der Agitatoren zu haben und die verwendeten Begriffe zu verstehen.

Ein weiterer Themenschwerpunkt widmete sich der Zunahme chronischer Erkrankungen unter Österreichs Schülern im Regelunterricht. Diese Entwicklung hätte einerseits mit der Zunahme solcher Erkrankungen – Diabetes, Epilepsie, Asthma – an sich zu tun, andererseits aber auch damit, dass viele gesundheitlich gehandicapte Jugendliche, die früher in Sonderschulen „abgeschoben“ wurden, heute in Normal- bzw. Integrationsklassen unterrichtet werden.

Der Umgang mit solchen Beeinträchtigungen und chronischen Erkrankungen erfordere von den Pädagogen spezielle Kenntnisse und Kompetenzen, meint Weber. Auf einen epileptischen Anfall müssten Lehrer entsprechend vorbereitet und trainiert werden, dabei können Schulärzte mit ihrem Know-how als Partner sehr hilfreich sein.

Gesundheit macht Schule, aber macht Schule gesund?

Apropos Prävention: Mit dem Konzept „Gesundheit macht Schule“ wollen Österreichs Schulärzte Maßnahmen zur Gesundheitsförderung vorantreiben. Dazu zählen unter anderem der weitere Ausbau des gesunden Schulbuffets, wofür es zwar vielversprechende Pilotprojekte gibt, aber noch keine österreichweite Leitlinie, die Schaffung von ausreichenden Bewegungsmöglichkeiten zumindest in den Pausen, weil die tägliche Turnstunde wohl Utopie bleiben wird, sowie Zugang zur Gesundheitsbildung.

Weber etwa hält die Einführung eines Unterrichtsfaches „Gesundheitserziehung“ für sinnvoll. Darin könnten Themen wie Prävention, Aufklärung, Intimpflege, aber auch Drogengebrauch und -gefährdung behandelt werden – Fragen, mit denen Lehrer immer häufiger konfrontiert sind. Die Schulärzte bieten hier ihre Kompetenz an. In Wien sei man diesbezüglich schon einmal sehr weit gewesen, letztendlich sei das Projekt vom Landeschulrat aber wieder ad acta gelegt worden, so Weber.

Fortbildungstag der Österreichischen Schulärzte, 14. Oktober 2016, Orangerie Schloss Schönbrunn, bit.ly/1TgOpLo

Schularztdiplom

Derzeit gibt es österreichweit rund 2.400 aktive Schulärzte, meist niedergelassene Allgemeinmediziner oder Kinderfachärzte. Attraktivitäts- oder gar Nachwuchsprobleme gäbe es derzeit keine, sagt Dr. Gudrun Weber von der ÖÄK. Die Diplomausbildung sei stark nachgefragt: „Sobald ich eine Anmeldung freischalte, ist die Liste in wenigen Stunden voll.“ Rund 100 Ärzte absolvieren jährlich die in Wien und Linz angebotenen Diplom-Ausbildungen mit insgesamt 135 Wochenstunden, wobei Teile davon als E-Learning-Tools angeboten werden.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 21/2016

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