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© Georg Wendt / dpa
Flüchtlinge sind kaum kränker als die übrige Bevölkerung. Naturgemäß leiden sie vermehrt unter Erkältungs- und Durchfallerkrankungen sowie unter Beschwerden des Bewegungsapparates.
 
Gesundheitspolitik 24. Mai 2016

Kriegserlebnisse prägen die Menschen, die neu ankommen

Etwa 90.000 Menschen haben 2015 einen Asylantrag in Österreich gestellt. Der Exodus aus Nahost bringt dem Gesundheitssystem vor allem Patienten mit psychischen Belastungsstörungen.

Die anhaltende Flüchtlingsproblematik ist ein internationales Thema und wird es vermutlich noch einige Zeit bleiben. Die gesundheitliche Verfassung und der Impfstatus der Betroffenen sind zwar überraschend gut, wie Experten bei Fachveranstaltungen berichten, doch die Herausforderungen für Ärzte wie auch für die Gesellschaft sind nicht zu unterschätzen.

„Die nationale Politik hat in den letzten Monaten förmlich Wurzeln geschlagen, sodass man kaum mitgekommen ist“, erklärte Prof. Dr. Michael Kunze, Zentrum für Public Health am Institut für Sozialmedizin, Medizinische Universität Wien. Die Flüchtlingsproblematik führt zu neuen relevanten Fragestellungen für das Gesundheitssystem. Dabei geht es nicht nur um die Einschleppung von in Europa nicht oder nur selten auftretenden Krankheiten, sondern vor allem auch um die Tatsache, dass Menschen auf engem Raum konzentriert immer Anlass für endemische und epidemische Entwicklungen sein können. Die nationale und internationale Politik, das Gesundheitssystem und die Gesellschaft als Ganzes sehen sich vor vermeintlich völlig neuen Herausforderungen.

Nach einem wochenlangen „Durchwinken“ des „Flüchtlingsstromes“ macht Österreich nun eine „Nadelöhr-Politik mit WegschauZugang“ (Kunze), indem es seine Südgrenze dicht macht und somit einen gefährlichen Rückstau bis Griechenland provoziert. Der Plan der Regierung für 2016 ist es, dass nur mehr 37.500 pro Jahr aufgenommen werden. In den Folgejahren soll es zu einer weiteren, schrittweisen Reduktion der Flüchtlingsaufnahmezahlen kommen.

Mediale Dauerpräsenz

Bei der Frage, ob Österreich ein Flüchtlingsaufnahmeland ist, scheiden sich nach wie vor die Geister. Tatsache ist, dass seit 1945 etwa zwei Millionen Flüchtlinge in Österreich aufgenommen worden sind, wovon ungefähr 700.000 auch hier ansässig wurden. „Flüchtlinge aufzunehmen ist also nichts Neues, jedoch wird die Vergangenheit gerne verklärt“, so Kunze. Es gab sogar Zeiten, in denen mehr Flüchtlinge zu uns gekommen sind, als heute. Der Unterschied zu den früheren Migrationsbewegungen besteht vor allem in der medialen Dauerpräsenz. „Meiner Meinung nach sollte auch einmal die demokratische Legitimierung der Medien und ihre ungeheure Rolle, die weit über den Einfluss von Parteien hinausgeht, hinterfragt werden“, erklärte der Sozialmediziner. Das Meinungsklima wird durch die Medien beeinflusst, Gefahren werden übertrieben dargestellt, z. B. bezüglich der Epidemiegefahren. Menschen, die noch nie persönlich einen Flüchtling getroffen haben, sagen: So kann es nicht weitergehen.

Etwa 90.000 Menschen haben 2015 einen Asylantrag in Österreich gestellt. Damit sind sie auch versichert und können soziale Leistungen in Anspruch nehmen. Wie sehr dadurch das Gesundheitssystem belastet wird, ist noch völlig unklar. Eine durch die Einführung von Flüchtlingsobergrenzen bedingte steigende Zahl an Menschen werden vermutlich mithilfe von Schleppern nach Österreich kommen und keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben.

Bezüglich der Anforderungen für unser Schulsystem kommen sogar Experten zu völlig gegensätzlichen Einschätzungen. Sie reichen von „überfordert“ bis „nicht überfordert“. Das Bildungsniveau der Flüchtlinge sei heterogen: Sie gelten entweder als sehr gebildet (Syrer) oder sehr ungebildet (Afghanen). „Aber auch hier fehlt in Wahrheit noch der Überblick“, sagt Kunze.

Wer flüchtet wohin

Laut UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) sind derzeit 4,4 Millionen Syrer auf der Flucht. Davon halten sich etwa 2,3 Millionen in der Türkei, 1,1 Millionen im Libanon, 700.000 in Jordanien und 300.000 im Irak auf. Die EU-Kommission erwartet, dass bis Mitte 2017 bis zu zwei Millionen Asylsuchende in der EU angekommen sein werden. „Wie man das politisch und sozialmedizinisch schaffen kann, ist noch weitgehend unklar“, sagt Kunze.

Das Gesamtpotenzial an Flüchtlingen in den Gebieten der Sahelzone, Nordafrika sowie des Nahen Ostens wird laut einer „Fokus-Analyse“ des Bundesheeres auf 12,3 Millionen Menschen eingeschätzt. Hinzu kommen 16 Millionen fluchtwillige Menschen aus Afghanistan, rund zwei Millionen Menschen aus afrikanische Ländern befinden sich auf dem Weg nach Nordafrika. „Dass Menschen die Chance nutzen, in ein Gebiet zu kommen, wo bessere Verhältnisse herrschen, war überall und zu allen Zeiten so“, glaubt Kunze.

Die andere Seite der Medaille: Das Milliardengeschäft mit der Not boomt. Die Profiteure der Flüchtlingskrise kommen auf einen geschätzten Umsatz von drei bis sechs Milliarden Euro im Jahr 2015.

Laug AGES gibt es in Bezug auf Infektionskrankheiten derzeit kein relevantes Risiko durch Flüchtlinge, weshalb man sich auf eine Syndrom- basierte Surveillance beschränkt. Nur die DEGIT (Österreichische Gesellschaft für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin) fördert die Schulung des medizinischen Personals für in Österreich ungewöhnliche Infektionskrankheiten.

Die medizinische Grundversorgung und Impfstatus der Flüchtlinge sei überraschend gut, wie am niederösterreichischen Impftag unter dem Titel „Asylsuchende, Flüchtlinge und Migranten“ festgestellt wurde. Flüchtlinge sind auch nicht oder kaum kränker als die übrige Bevölkerung.

Sie leiden aber naturgemäß vermehrt unter Erkältungs- und Durchfallerkrankungen, aber auch unter Beschwerden des Bewegungsapparates.

Flucht traumatisiert

„Unser wirkliches Problem wird werden, dass viele Menschen, die jetzt zu uns kommen, psychologische, psychiatrische und traumatische Störungen aufweisen“, sagte Kunze. Erwachsene, aber auch viele Kinder sind durch Kriegserlebnisse traumatisiert. So flossen in die sicherheitspolitische Jahresvorschau der Direktion für Sicherheitspolitik mit dem Titel „Sicher. Und Morgen?“ medizinische Aspekte mit ein. Auch die „Angry Young Men“, ein Terminus aus der Soziologie beschreibt die Tatsache, dass junge Flüchtlinge aus nordafrikanischen Ländern und dem Nahen Osten, die nicht wissen, was sie tun sollen, die keine Familie gründen können, die hilflos sind, ein hohes Aggressionspotenzial mitbringen und oft politisch und religiös fanatisiert werden. Der Public Health Sektor hat die Aufgabe, beim derzeitigen Anstieg der Bevölkerung mitzuhelfen. Denn eines ist sicher: der „Exodus aus Nahost“ (Nahostexpertin Karin Kneissl) geht weiter.

Reinhard Hofer, Ärzte Woche 21/2016

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