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© ÄK Salzburg

Dr. Karl Forstner Leiter des Referats Schulärzte in der Ärztekammer, Präsident der Ärztekammer für Salzburg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Erich Lemberger Arzt für Allgemeinmedizin, Vizepräsident der Gesellschaft der Schulärztinnen und Schulärzte Österreichs (GSÖ)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© NEOS

Mag. Gerald Loacker Gesundheitssprecher und stellvertretender Klubobmann der NEOS im Nationalrat

 
Gesundheitspolitik 24. Mai 2016

Datenfriedhof „Schulmedizin“

Schulärzte sammeln Jahr für Jahr wertvolle Daten zum Gesundheitszustand der Kinder und Jugendlichen. Leider liegen diese Informationen, die sinnvoll genutzt werden könnten, brach.

1,2 Millionen Schüler werden jährlich zumindest einmal von ihren Schulärzten untersucht, vermessen, geimpft und auf einem Gesundheitsblatt manuell dokumentiert. Im Laufe der Zeit ist so ein beachtlicher Pool an validen Gesundheitsdaten entstanden, aus dem sich bei entsprechendem politischem Willen relativ einfach und kostengünstig präventivmedizinische Maßnahmen herausarbeiten ließen. „In vielen Ländern werden Schulgesundheitsdaten ausgewertet und entsprechend rechtzeitig in einem passenden Ausmaß gegengesteuert, etwa mit Gesundheitsprojekten. Das scheint in Österreich nicht erwünscht zu sein bzw. entsteht sogar der Eindruck, dass eine Auswertung blockiert wird“, sagte die Präsidentin der Gesellschaft der Schulärztinnen und Schulärzte Österreichs, Dr. Judith Glazer, am zweiten Kongress für Schulmedizin in Wien (siehe dazu auch Artikel auf Seite 29).

Auch die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) fordert seit Jahren eine statistische Auswertung des brachliegenden Datenmaterials. Zuletzt schien das Pendel allerdings eher in die andere Richtung umzuschwenken: Der in Begutachtung geschickte Entwurf zum Schulrechtspaket sieht gar ein Ende der Dokumentationspflicht vor. Ärztekammer und Schulärzte verurteilten die ministeriellen Pläne daraufhin scharf: Mit der geplanten Abschaffung der Dokumentation schulärztlicher Tätigkeiten werde die „die jahrelange Untätigkeit der zuständigen Ministerien“ nicht nur „gekrönt, man verspiele damit auch die Chance auf eine gezielte Präventionsplanung und konterkariere das Prinzip „Health in all Policies“, schrieb ÖÄK-Vizepräsident Dr. Karl Forstner in seiner Funktion als Leiter des Schulärzte-Referats in einer Stellungnahme.

Die Kritik scheint angekommen zu sein. Das vom Gesundheitsministerium für zuständig erklärte Bildungsministerium ließ auf Anfrage der Ärzte Woche über eine Sprecherin mitteilen, dass „das BMBF die Gesundheitsblätter belassen und den Entwurf aufgrund der bereits eingegangenen Stellungnahmen entsprechend überarbeiten“ werde. Schlechter als es ist, sollte es also zumindest nicht werden. Ob es vielleicht irgendwann sogar besser wird?

Österreichweit einheitliche Datenbank

„Gesundheits- und Bildungs- ministerium können sich nicht über die Finanzierung einigen.“

Mit dem aktuellen „Schulrechtspaket“ wäre die Abschaffung der sogenannten „Gesundheitsblätter“ vorgesehen, also der Dokumentation schulärztlicher Tätigkeiten. Nach öffentlicher Kritik der Österreichischen Ärztekammer gibt es nun Anzeichen dafür, dass die politisch Verantwortlichen doch einlenken könnten.

Das wäre dringend geboten, denn wenn wir auf diese Daten verzichten, verspielen wir die Chance auf gezielte Präventionsplanung. Ganz abgesehen davon, dass eine solche Radikallösung dem gesundheitspolitischen Prinzip „Health in all Policies“ der Regierung widersprechen würde, das ja auch im Sinne des Bildungsministeriums sein müsste.

Aber auch falls die Dokumentation der schulärztlichen Daten nun doch beibehalten werden sollte, bleibt die Frage der Auswertung offen: Seit 20 Jahren drängt die Ärztekammer vergeblich darauf, die Daten aus Schuluntersuchungen in eine österreichweit einheitliche Datenbank einzuspeisen und auszuwerten. Bis dato scheitert das, wie so vieles, am Geld: Gesundheits- und Bildungsministerium können sich seit Jahren nicht über die Finanzierung einigen.

Dabei wäre es unverantwortlich, auf die Daten der Schuluntersuchungen zu verzichten, denn bis dato fußen die österreichischen Gesundheitsberichte vorwiegend auf Befragungen. Die Österreichische Ärztekammer bleibt daher bei ihren Forderungen – erstens: Fortführung der „Gesundheitsblätter“ und Umstellung auf elektronische Erfassung. Dafür sind auch all jenen Schulärzten Computer zur Verfügung zu stellen, die immer noch auf Papier und Bleistift angewiesen sind. Zweitens: epidemiologische Auswertung der anonymisierten Daten als Grundlage für den Aufbau einer tragfähigen integrierten Gesundheitsförderung für Kinder und Jugendliche.

Dazu hat sich die Regierung schließlich in den Gesundheitszielen verpflichtet – aus guten Gründen. Denn zweifellos werden die Weichen für viele Lebensstil-Erkrankungen wie etwa Adipositas schon im Schulalter gestellt. Aber nur anhand von validen Daten lässt sich evaluieren, ob die vielen ambitionierten Einzelprojekte tatsächlich greifen.

Pisa-Test für die Schulgesundheit

„Wir wissen nichts Genaues, es gibt weder eine Klassifizierung noch Statistiken.“

Alle Schüler zwischen sechs und 15 Jahren, die eine österreichische Schule besuchen, werden einmal jährlich von Schulärzten gesehen und der Gesundheitszustand wird durch eine vollständige und altersgemäße physikalische Untersuchung erfasst und dokumentiert. Das ist, auch international gesehen, sehr gut so!

Laut einer HBSC-Studie aus 2010 wird bei ca. 17 Prozent aller Elf- bis Fünfzehnjährigen eine ärztliche Diagnose gestellt, wir wissen aber nichts Genaues darüber, es gibt weder Klassifizierung noch Statistiken dazu. Schade, denn wir haben ca. 190.000 chronisch kranke Kinder an Österreichs Schulen.

Der Status quo: Schulärzte erheben sehr genaue und valide Daten über den Gesundheitszustand unserer Schüler. Aber es fehlt die politisch notwendige Verantwortung, diese Daten wissenschaftlich aufzuarbeiten und einen Nutzen daraus zu ziehen. Die GSÖ fordert daher die Realisierung eines bundesweit einheitlichen schulärztlichen EDV-Systems für die laut Ärztegesetz verpflichtende schulärztliche Dokumentation. Diese Mindeststandard-Ausrüstung des Arbeitsplatzes eines Akademikers im Bundesdienst muss schleunigst nachgeholt werden.

Die Investition würde sich durchaus „rechnen“, wird auch der nächste Schritt danach gesetzt, nämlich die anonymisierten Gesundheitsdaten einer Institution für (Child-) Public Health zukommen zu lassen und auf die epidemiologischen Daten unserer Schüler zu schauen. Bei auffälligen Fehlentwicklungen (Zunahme von Adipositas, Diabetes, Fehlhaltungen, Fehlen von Koordination, Konzentrations- und Angststörungen etc.) könnte durch gesundheitspolitische Maßnahmen gezielt gegengesteuert werden, auch durch Anpassungen des Lehrplans. Ein bisschen PISA-Test über Schülergesundheit, auch im internationalen Vergleich, warum nicht? Die GSÖ fordert außerdem das Einführen des Unterrichtsprinzips Gesundheitsbildung in allen Schulstufen. So könnten Schüler selbst Wissen über Gesundheit und Krankheitsvermeidung erlangen, sie würden direkt in Maßnahmen der Primärprävention ausgebildet werden: Ein durchaus lohnendes gesellschaftspolitisches Ziel!

Kinder leiden unter Verknappungspolitik

„Erstklassiger Versorgung durch kompetente Mediziner steht letztklassige Organisation gegenüber.“

Die Gesundheitsdaten aus schulischen Untersuchungen könnten uns wichtige Informationen liefern, wo und in welcher Weise das Gesundheitssystem versagt. Denn Kinder und Jugendliche leiden in erster Linie unter der massiven Verknappungspolitik der Träger der Sozialversicherung.

Den nur 340 Ärzten mit Kassenvertrag für Kinder- und Jugendheilkunde stehen rund 280 Wahlärzte gegenüber. Lange Wartezeiten vor allem in Randzeiten erschweren den Arztbesuch, ein Ausweichen auf einen Wahlarzt ist für viele Eltern finanziell nicht leistbar. Die Strategie des Hauptverbands, möglichst viele Kosten in den privaten Bereich auszulagern, trifft Kinder aus einem sozial schwachen Umfeld besonders hart. Ein noch schlimmeres Bild zeigt sich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, mit 26 Kassenstellen für 2016 wird nur rund ein Viertel der benötigten Stellen erreicht.

Diese systemweite Verknappungspolitik hat eine Mehrklassenmedizin geschaffen, die dem Anspruch des österreichischen Gesundheitswesens nicht würdig ist. Es braucht endlich mehr Ehrlichkeit im Gesundheitssystem: Der erstklassigen Versorgung durch kompetente Mediziner steht eine letztklassige Organisation durch Politik und Träger der Sozialversicherung gegenüber. Anstatt ausreichend Kassenstellen zu vergeben, werden 19 aufgeblähte Krankenversicherungsträger als Verwaltungsapparate durchgefüttert. Daneben wird toleriert, dass sich einzelne privilegierte Gruppen aus dem solidarischen System der Sozialversicherung verabschieden und in Krankenfürsorgeanstalten eigene Versichertengruppen mit hohen Beiträgen und geringen Risiken gründen.

Die Kehrtwende des Unterrichtsministeriums, die Gesundheitsblätter doch nicht abzuschaffen, ist nicht genug. Es braucht eine moderne, bundesweit einheitliche Softwarelösung zur Erfassung der Daten aus schulischen Untersuchungen. Mit diesen Daten wären die Probleme in der Kinder- und Jugendgesundheit transparent erkennbar. Aber vielleicht wäre gerade diese Transparenz ein Problem für die Verknappungspolitik des Hauptverbands der Sozialversicherung.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 21/2016

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