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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Eine Patientin als Sündenbock

In der Patientencharta wird ausdrücklich und unmissverständlich geregelt, dass die Würde und Integrität derPatienten zu wahren und zu achten sind. Wie diese Rechte missachtet werden, erzählt eine junge Frau in einem Brief an die niederösterreichische Patientenanwaltschaft, der hier auszugsweise zitiert wird.

FALLBERICHT:
„Im September erfuhr ich, dass ich schwanger bin, laut meinem Frauenarzt war es eine normale Schwangerschaft, und es
bestand keine Gefahr für mein Baby… Ich kam mit Wehen ins Krankenhaus… Die Herztöne waren, wie die Hebamme sagte, die ganze Zeit in Ordnung. Nach einiger Zeit merkte ich, es ist soweit, und rief nach der Hebamme. Ich sollte mich auf ein Bett legen, bekam eine Sauerstoffmaske und eine Spritze für meine Schmerzen. Die Hebamme ging wieder. Einige Zeit später spürte ich, dass die Wehen anders wurden und rief deshalb erneut nach der Hebamme. Ich sagte ihr: ‚Ich glaube, dass das Baby raus will.’ Sie meinte, ich solle nicht pressen, weil kein Arzt da sei, weil gerade eine andere Geburt im Gange sei. Ich versuchte, so gut wie möglich die Wehen zurückzuhalten, doch das ging nicht. Plötzlich fielen die Herztöne ab. Da kam auch schon der Arzt und sagte: ‚Schnell Not-OP-Kaiserschnitt, jetzt muss alles schnell gehen, wie konnte das passieren?’ Da weinte die Hebamme und sagte: ‚Ich dachte, das sind die Herztöne der Mutter!’ Der Arzt meinte: ‚Schnell, schnell, jetzt zählt jede Sekunde. Holt den Kinderarzt.’ Im Lift sagte der Arzt: ‚Wir müssen die Mutter retten, das wird ernst. Das Baby wird es nicht schaffen, es dürfen nicht beide sterben!’
Im OP rissen sie mir das Nachthemd herunter und redeten weiter: ‚Schnell, schnell, wo bleibt der Kinderarzt, wenn man ihn braucht, ist er nie da.’ Alle redeten durcheinander, wie, warum, weshalb …? Eine Schwester gab mir eine Narkose und ich war froh, denn es war für mich die Hölle. Als ich im Krankenzimmer aufwachte, hörte ich Mütter mit ihren Babys reden, sie waren so glücklich. Da kam eine Kinderärztin herein, und ich wusste - ich hatte ja noch die Gespräche vor der Narkose im Ohr –, dass etwas nicht in Ordnung ist. Am nächsten Tag sagte mir der Leiter der Geburtenabteilung, dass es ihm Leid tue, aber so etwas könne bei 10.000 Geburten einmal passieren. Mich habe es eben getroffen und ich hätte Glück, dass ich lebe und noch Kinder bekommen könne. Einen Tag später erklärte mir ein Arzt, dass die Plazenta untersucht worden sei und er herausgefunden habe, dass meine Tochter von der Plazenta nicht richtig ernährt worden war. Das sei vererbbar. Doch keiner in meiner Familie hatte je so etwas. Und dann meinte er noch, mein Körper hätte das Kind nicht gewollt und deshalb die Plazenta abgestoßen. Die restlichen Spitalsaufenthaltstage sah ich nichts mehr von diesem Arzt … Ich habe die letzten Jahre sehr gelitten und war auch in psychotherapeutischer Behandlung, weil ich mir große Vorwürfe machte …“

KOMMENTAR:
Dieser authentische Erfahrungsbericht einer jungen Frau macht betroffen und wirft viele Fragen auf. Eine davon konnte jedenfalls aus medizinisch-rechtlicher Sicht sehr rasch beantwortet werden: Die Mutter trägt keinerlei Schuld an dem tragischen Ausgang der Geburt, sondern es liegt im Gegenteil ein klarer und eindeutiger Behandlungsfehler vor. Der Tod des Babys hätte vermieden werden können, wenn die Betreuung/Behandlung nach den Regeln der medizinischen Wissenschaft erfolgt wäre. Ein fachärztliches Gutachten hat ergeben, dass die Notwendigkeit zur Durchführung eines Kaiserschnittes jedenfalls um mindestens 30 Minuten zu spät erkannt worden war. Einige weitere Fragen bleiben aber noch offen, unter anderem:ó Wieso war es nicht möglich, auf die Patientin in emotionaler Hinsicht Rücksicht zu nehmen - mehr noch, sie in dieser belastenden Situation ganz besonders zu unterstützen? War es zuviel verlangt, dass sich in dieser schwierigen Situation jemand mit Worten und persönlicher Zuwendung um die Patientin kümmert? Wie leicht wäre es gewesen, ihr die Hand zu drücken und ihr zu erklären, dass jetzt alles Notwendige für sie getan wird.ó Wieso war es nicht möglich, die Patientin als Mensch mit Gefühlen und Ängsten wahrzunehmen? War es genug, sie als Objekt der Behandlung zu sehen und über sie zu sprechen, als wäre sie gar nicht vorhanden?

  • Ist nicht auch im emotional-kommunikativen Bereich eine fachliche Professionalität unverzichtbar?
  • Wäre es nicht möglich gewesen, die Patientin nicht in ein Zimmer mit Müttern mit gesunden Babys zu legen?

Es ist klar, dass Notsituationen rasches und professionelles medizinisches Handeln erfordern. Organisatorische Professionalität und medizinische Qualität, wie der rasche und richtige Transport oder das rasche und richtige medizinische Handling (Narkose, Operation) haben Priorität. Sie sind unverzichtbar für eine bestmögliche Behandlung der Patienten. Wenn das Wort „Patientenorientierung“ etwas gelten soll, dann muss jedenfalls auch Platz dafür sein, gerade in solchen Notfallsituationen Patienten in ihrer Angst und Hilflosigkeit wahrzunehmen und nicht allein zu lassen. Unverzeihlich ist es, um einen medizinischen Behandlungsfehler zu vertuschen, die Schuld auf eine Patientin abzuwälzen und in Kauf zu nehmen, dass sie an ihrer vermeintlichen Schuld fast zerbricht.

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