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Mag. Dr. Christian Stöckl Landeshauptmann-Stellvertreter, Salzburger Gesundheits- und Spitalsreferent, ÖVP
© Gernot Gleiss

Dr. Beate Prettner Landeshauptmann-Stellvertreterin und Gesundheitsreferentin in Kärnten.

© Stephan Jansen/dpa
 
Gesundheitspolitik 17. Mai 2016

Letzte Ausfahrt Provinz

Ärztemangel am Land: Zu wenige entscheiden sich für eine Allgemeinmediziner-Ausbildung.

Die Gesundheitsreferenten der Länder ersuchen Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (SPÖ), sie möge die Allgemeinmedizin und ihrer Ausbildung attraktivieren. Geförderte Lehrpraxen-Modelle am Land gäbe es, allein der Zustrom ist überschaubar, beklagt Salzburgs Landesvize Christian Stöckl (ÖVP).

Die Gesundheitsreferenten der Länder haben bei ihrer zweitägigen Konferenz in Salzburg Strategien gegen den Ärztemangel beraten sowie die Novelle des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes (GuKG) erörtert. Der von ihnen ausgelöste Konsultationsmechanismus, der die Umsetzung der Novelle blockiert, wird bis auf Weiteres aufrechterhalten.

Gemeinsam mit Vertretern des Gesundheitsministeriums wurde nach Möglichkeiten gesucht, die Allgemeinmedizin für Jungärzte wieder attraktiver zu machen. „Die geplante Ausrichtung der Zielsteuerung Gesundheit 2017 bis 2020 mit der Vorgabe, den akutstationären Bereich abzubauen und gleichzeitig die ambulante Versorgung unter Sicherstellung der hohen Qualität auszubauen, bedarf einer ausreichenden Anzahl von Ärzten für die Allgemeinmedizin“, erläutert der Vorsitzende der Konferenz, Salzburgs Landeshauptmann-Stellvertreter, Gesundheits- und Spitalsreferent Dr. Christian Stöckl (ÖVP) auf Nachfrage der Ärzte Woche. Dabei sei der Bedarf – vor allem in manchen ländlichen Regionen – schon jetzt kaum noch zu decken. Die Situation werde sich „mit Sicherheit zuspitzen“.

„Ärztemangel liegt immer auch im Auge des Betrachters“, relativiert Stöckls Kärntner Amtskollegin Dr. Beate Prettner (SPÖ). Aus ihrer Sicht gäbe es derzeit jedenfalls in Kärnten keinerlei „Engpass, die Bewerbungslisten für Praxen sind gut bestückt“. Trotzdem ortet auch die Kärntner Landeshauptmann-Stellvertreterin und Gesundheitsreferentin Handlungsbedarf, um die zukünftige niedergelassene Versorgung sicherzustellen. Ein Problem sei dabei die neue Ärzteausbildungsordnung, die seit Sommer letzten Jahres in Kraft ist. Demnach müssen sich Studenten bereits nach den ersten Monaten entscheiden, ob sie Richtung Facharzt- oder Allgemeinmedizinausbildung gehen. Letztere Alternative wählen derzeit viel zu wenige, sagen Prettner und Stöckl. In Kärnten haben das bislang lediglich zwei Studierende der neuen Ausbildungsordnung gemacht, obwohl zwanzig benötigt würden, um den prognostizierten Bedarf zu decken.

Die Gesundheitsreferenten wollen daher von der Ministerin ein Konzept erarbeiten lassen, das die „Allgemeinmedizin zu einem Kernelement der universitären Ausbildung macht“, wie es Stöckl formuliert. Dazu müssten spezielle Seminare und Übungen ebenso beitragen wie möglichst frühzeitige Praktika bei niedergelassenen Ärzten. Aber auch für die Turnusausbildung in den Krankenhäusern sollten klare Ausbildungsrichtlinien sowie einheitliche Lehrpläne erarbeitet werden. Derzeit würden nämlich viele Spitäler, die selbst ärztliches Nachfolgepersonal lukrieren müssen, die Allgemeinausbildung zugunsten einer Facharztausbildung konkurrieren, sagt Stöckl.

Spätestens bis 2018 muss schließlich auch eine bundesweit einheitliche Finanzierung der Lehrpraxen endgültig stehen, verlangt Stöckl. Laut Prettner ist ein entsprechender Finanzierungsschlüssel ohnehin längst ausgearbeitet: je ein Viertel durch Bund, Länder, Sozialversicherung und die Ärzte selbst.

Als eine Art Übergangslösung bis 2018 hat Salzburg das Projekt „Salzburger Initiative Allgemeinmedizin“ ins Leben gerufen, eine Art Mentoring-System, das Studenten der Paracelsus Privat Uni Salzburg sowie Turnusärzten Lehrpraxen bei niedergelassenen Allgemeinmedizinern anbietet. Das Projekt wird zu zwei Drittel vom Land und einem Drittel von der Salzburger Gebietskrankenkasse finanziert. Zehn bis zwölf Jungärzte beginnen pro Jahr ihre Ausbildung. „Aber eigentlich bräuchten wir doppelt so viele“, sagt Stöckl.

Neben einer Verbesserung der Ausbildungsbedingungen gehe es daher vor allem um eine Attraktivierung des Berufsbildes Allgemeinmediziner insgesamt: „Es muss klar sein, dass der praktische Arzt eine entscheidende Rolle in der medizinischen Versorgung spielt.“ Die Attraktivität einer niedergelassenen Kassenpraxis stehe und falle letztendlich damit, ergänzt Prettner, ob Jungärzte eine „realistische Perspektive haben, innerhalb weniger Jahre eine solche Praxis auch zu bekommen. „Derzeit konterkariert sich das System ja selbst, weil Bewerbungen bis zu 20 Jahre im Voraus erfolgen müssen. Während dieser langen Periode verlaufen medizinische Karrieren aber oft in ganz andere Richtungen. Eine ungeheure Verschwendung von Ressourcen“, wie Prettner meint. Sie sei diesbezüglich schon lange im Gespräche mit der Landesärztekammer, die zeige sich bisher aber „relativ unflexibel“.

Die Notärzteversorgung

Ein zweiter Bereich, dem die Landesgesundheitsreferenten zukünftiges Mangelpotenzial konstatieren, ist die notärztliche Versorgung. „Fakt ist, dass einer immer häufigeren Inanspruchnahme von notärztlichen Aktivitäten immer weniger Notärzte gegenüberstehen“, beschreibt Stöckl den Status quo. Das habe vor allem mit der Neuordnung der ärztlichen Ausbildung zu tun, die für eine notärztliche Tätigkeit die Berechtigung zur selbstständigen Berufsausübung voraussetzt. Demnach können Fachärzte das Notarztzertifikat erst nach Absolvierung ihrer in der Regel sechsjährigen Ausbildung erwerben.

„Dadurch entsteht beim notärztlichen Nachwuchs eine massive Lücke, die die flächendeckende Notarztversorgung insgesamt gefährdet“, meint Stöckl.

In Salzburg wurde den Landesgesundheitsreferenten vom BMG ein neues modulartiges Ausbildungskonzept vorgestellt, das es zukünftigen Notärzten ermöglicht, schon während der Ausbildung stufenweise – je nach absolvierten Modulen mit zunehmenden Kompetenzen – in das System einzusteigen. Die Referenten haben den Vorschlag begrüßt und das Ministerium ersucht, „das Konzept möglichst rasch zu realisieren“.

GuKG-Novelle: Bitte warten!

Die Konferenz hat sich noch einem weiteren Dauerthema gewidmet, der „Novelle des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes (GuKG)“. Der von den Ländern Salzburg und Steiermark sowie dem Gemeindebund im Vorjahr ausgelöste Konsultationsmechanismus bleibt trotz Vorlage eines modifizierten Entwurfs der Novelle weiterhin aufrecht. Gestritten wird weniger darüber – „Es gibt ja einen einstimmigen Beschluss, dass es zur Novellierung kommt und das dreistufige Modell eingeführt wird; von dieser Grundintention gibt es kein Abrücken“ (Zitat Prettner) –, sondern wie so oft um das liebe Geld. „Wir haben den Mechanismus ausgelöst, weil das Gesetz eine eindeutige finanzielle Belastung der Länder und Gemeinden darstellt“, begründet Stöckl, das konnte inzwischen eindeutig nachgewiesen werden. „Wir stehen zwar dahinter, dass die Pflege akademisiert wird, aber wenn schon akademisiert, dann muss sie auch mehr Aufgaben im Spital eigenverantwortlich übernehmen, das ist im aktuellen Vorschlag noch nicht gegeben. Den Mehrkosten im Pflegebereich steht keine entsprechende Entlastung im ärztlichen Bereich gegenüber“, kritisiert der Salzburger Gesundheitsreferent.

Trotzdem sei man einer gemeinsamen Lösung des Problems wieder einen wichtigen Schritt näher gekommen, ist Stöckl überzeugt. Am Tisch liegen Schätzungen, wonach die Novelle dann für die Länder kostenneutral sei, wenn es in den Spitälern zu einem Aufgabenverteilungsschlüssel von 45 Prozent akademischem Pflegepersonal, 45 Prozent Fachassistenz und 10 Prozent Pflegeassistenz kommt. Diese Schätzungen sollen in den nächsten Monaten durch eine Arbeitsgruppe in klinischen Modellen auf ihre Machbarkeit und Kostenrelevanz durchgerechnet werden. Sollte in dieser Arbeitsgruppe „der Nachweis gelingen, dass die Fachassistenz an Einfluss gewinnt, dann ist ein wichtiger Teil des Konsultationsmechanismus erledigt“, stellt Stöckl in Aussicht. Trotzdem wären auch in diesem Fall weitere Nachverhandlungen erforderlich, weil der Entwurf derzeit „noch einige Fallen beinhaltet“, vor allem bei der mobilen und der Langzeitpflege. Die Zustimmungsverweigerung der Länder habe jedenfalls nichts mit Blockadepolitik zu tun, weist Stöckl diesbezügliche Kritik zurück, sondern diene dem Ziel, am Ende eine ordentliche, ausgegorene Gesetzesnovelle zustande zu bringen, „keine Harakiri-Aktion, die dann in ein paar Monaten einer neuerlichen Novelle bedarf“.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 20/2016

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