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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Sachwalterschaft: Was Ärzte tun können

Die Zahl der Sachwalterbestellungs-verfahren steigt seit Beginn der 90er Jahre rasant an. Ärzte können und wollen zu einer differenzierten Anwendung dieser Maßnahme beitragen.

Derzeit haben rund 35.000 Menschen einen Sachwalter, nur ca. 6.000 davon werden von Vereinssachwaltern unterstützt. Ein Forschungsprojekt des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie zeigt, dass fast alle Anregungen in einer Sachwalterschaft enden. Die meisten Betroffenen sind über 70 Jahre alt. „Sachwalterschaft ist für psychisch kranke und geistig behinderte Menschen gedacht, aber Alter und Altersfolgen werden in über 50 Prozent der Fälle als Grund für die Anregung genannt“, informiert Dr. Peter Schlaffer, Geschäftsführer des Vereins für Sachwalterschaft und Patientenanwaltschaft. Die Anreger der Verfahren stammen zu zwei Drittel aus Institutionen wie Alters- und Pflegeheimen. Die Studie zeigt zudem, dass ein Großteil der Sachwalterschaften für alle Bereiche, darunter die Regelung der Finanzen, ausgesprochen werden und oft erst mit dem Tod des Betroffenen enden. Eine große Gruppe der Betroffenen sind Menschen mit Demenz. „Nach dem Gesetz sind zwar die Voraussetzungen in medizinischer Hinsicht gegeben. Oft gibt es aber keine wirklich schwerwiegenden Angelegenheiten, die zu regeln wären, und es wird zu wenig überprüft, ob nicht Angehörige oder andere nahestehende Personen Betroffene unterstützen können“, sagt Dr. Werner Brosch, Leiter der gerontopsychiatrischen Abteilung am Donauklinikum Gugging sowie Psychiater und Psychotherapeut in freier Praxis.

Überzogener Schutzgedanke

Vorgeschoben würde öfters der Schutzgedanke. „Auch dann ist es oft nicht sinnvoll, einen Sachwalter für alle Bereiche und unbefristet zu bestellen“, so Brosch, der auch als Sachverständiger bei den Verfahren tätig ist. Oft gehe es etwa nur um den Abschluss eines Heimvertrags, „eine Angelegenheit, die inhaltlich und zeitlich genau abgrenzbar wäre“.

Die Rolle der Hausärzte

„Ich wünsche mir, bei mehr Sachwalterschaftsverfahren als Experte gehört zu werden“, betont der oberösterreichische Allgemeinmediziner Dr. Werner Ziegler. Hausärzte wüssten oft genau über die Situation der Betroffenen und deren Angehörigen Bescheid bzw. welche Unterstützung sinnvoll sei. „Eine solche differenzierte Stellungnahme könnte dazu beitragen, dass diese letztlich entmündigende Maßnahme auch differenziert eingesetzt wird“, ergänzt Brosch. Als Grund dafür, warum dies nicht geschieht, sieht Brosch auch die steigende Zahl der Verfahren, die zudem hohe Kosten verursachen.
„Demenz und die sich damit einstellende Abhängigkeit sind leider ein großes Tabuthema“, ergänzt Brosch. Gerade der Hausarzt könnte beitragen, dass es zu frühzeitigen Diagnosen kommt und mit dem Betroffenen und dessen Angehörigen besprochen werden kann, wie eine spätere Versorgung aussehen soll. Im Gesetz sei vorgesehen, dass der mutmaßliche Wille des Betroffenen zu achten sei, oft lägen aber viel zu wenig Informationen vor. „Auch hier könnte der Hausarzt unterstützen“, meint Brosch, „indem gemeinsam an einer schriftlichen Verfügung gearbeitet wird, solange der Betroffene noch dazu fähig ist.“
Als problematisch sieht Brosch den teils fehlenden direkten Kontakt zwischen Sachwalter und Klienten: „Manche Rechtsanwaltskanzleien haben bis zu 400 Fälle. Bei der Sachwalterschaft wäre aber eine persönliche Betreuung nötig, weil es von der Idee her um eine individuelle Unterstützung geht.“ Wo möglich sollten Angehörige und sonstige Nahestehende differenzierte und zeitlich abgegrenzte Aufgaben übernehmen und dabei auch beraten und unterstützt werden. Ebenso könnten Sozialarbeiter in Heimen und Spitälern viele Verfahren verhindern. „Nur weil eine Person nicht mehr geschäftsfähig ist, bedeutet das nicht automatisch, dass eine Sachwalterschaft die richtige Lösung ist, um diesen ‚Makel’ auszugleichen“, unterstreicht Brosch.

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