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Dr. Roland Fuschelberger FA Innere Medizin, Ärztlicher Leiter kiweno

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Petra Zieglmayer Vorsitz Standeskomitee für Klinische Allergologie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Prof. Dr. Walter Reinisch Universitätsklinik für Innere Medizin III, MUW

 
Gesundheitspolitik 3. Mai 2016

Schwer verdaulich

Nahrungsunverträglichkeiten-Selbsttests: Innovative Geschäftsidee, gewissenlose Geschäftemacherei oder medizinisch bewährter Beitrag zur Gesundheitsvorsorge?

In puncto Marketing macht dem Tiroler Jungunternehmen „kiweno“ keiner so schnell etwas vor. Das weiß der Fernsehkonsument spätestens seit dem Rekord-Investment von zwei Millionen Euro in der TV-Sendung „2 Minuten 2 Millionen“, als kiweno den Promi-Investoren mehr als alle anderen Start-ups zuvor herauskitzeln konnte. Die Geschäftsidee: ein Test auf Nahrungsunverträglichkeiten mittels bestimmter Antikörper – ein sogenannter „IgG-Test“, der insgesamt 70 verschiedene Lebensmittel untersuchen soll. Mit den lukrierten Millionen soll die Werbetrommel gerührt werden.

Der Test kann von den Patienten via Blut-Selbstabnahme zu Hause durchgeführt werden. Die Probe wird ins Labor geschickt, die medizinischen Ergebnisse anschließend „modern aufbereitet – eingebettet in eine mit regem Interesse genutzte Wissensplattform mit Ernährungsempfehlungen“. All das gibt es um knapp 100 Euro zu kaufen, bequem per Online-Bestellung.

Ob das Produkt medizinisch das hält, was es verspricht, wird hinterfragt. Erst kürzlich widmete das Nachrichtenmagazin „profil“ dem Thema eine große Story und ließ darin Allergologen zu Wort kommen, die von „fragwürdigen Diagnosen“ und „unseriösen Tests“ sprachen. „Experten weisen darauf hin, dass man anhand dieser Antikörper niemals Unverträglichkeiten feststellen kann“, heißt es in dem Artikel sinngemäß. Die vernichtende Kritik veranlasste andere Mediziner, von einem „Medien-Bashing“ zu sprechen, „welches nicht der Mediation dienlich sei, sondern zur Verunsicherung beitrage.

Klinisch relevanter Marker

„Wir tragen in hohem Maße zur Prävention von Erkrankungen bei.“

Die Diagnostik von Nahrungsmittelunverträglichkeiten ist multidisziplinär angesiedelt. kiweno sieht sich als Bindeglied und Ergänzung zur klassischen Medizin. Immer muss vor der Testung bei Beschwerden eine eingehende ärztliche Diagnostik erfolgt sein. Die Testung auf spezifische IgG4-Antikörper bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten stützt sich unter anderem auf aktuelle Studien, die eine klinische Relevanz anzeigen: Bernardi et al., Time to reconsider the clinical value of immunoglobulin G4 to foods.

Atkinson et. al. publizierten in der Fachzeitschrift Gut eine randomisierte Doppelblindstudie. Dabei zeigte die Gruppe mit Eliminationsdiät verglichen zur Kontrollgruppe eine signifikante Symptomreduktion.

Wird die Darmwand aus verschiedenen Gründen vermehrt durchlässig für größere Eiweißmoleküle, legt das den Grundstein für die Entstehung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Es kommt zu einer Immunreaktion mit Immunkomplexbildung. Große Immunkomplexe aktivieren das Komplementsystem und initiieren eine inflammatorische Antwort im Körper. IgG/IgG4-Antikörper scheinen insofern ein klinisch relevanter Marker für chronische Nahrungsmittel-Immunreaktionen zu sein (Prof. PhD RS Lord, JA Bralley, Laboratory evaluations for integrative and functional medicine).

Uns ist bewusst, dass der IgG4 Nahrungsmittelunverträglichkeitstest in Diskussion steht. Wir sind jedoch – basierend auf langjähriger medizinischer Praxis und Hunderter positiver Rück- und Erfolgsmeldungen – überzeugt, dass die Berücksichtigung unserer Testergebnisse einen positiven Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden hat. Eine Gesundheitsgefährdung liegt auf keinen Fall vor.

Wir motivieren Menschen, sich mit gesunder Ernährung und gesundem Lebensstil auseinanderzusetzen und tragen so in hohem Maße zur Prävention von Erkrankungen bei.

Die Kritik, eine kurzzeitige Eliminationsdiät führe zu Mangelernährung, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Unsere Kunden erhalten fundierte Alternativen, die als balancierte Nährstoffquellen dienen.

Geschäftemacherei auf Kosten der Patienten

„Angebot zeugt von krassem Unverständnis der krankheits- auslösenden Mechanismen.“

Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind weit verbreitet, verursachen teilweise erheblichen Leidensdruck bei den Betroffenen und können aufgrund ihrer Vielgestaltigkeit auch hinsichtlich ihrer Ursachen eine diagnostische Herausforderung für den Arzt darstellen. Hier gilt es, einerseits den oder die Auslöser zu identifizieren und andererseits herauszufinden, welcher Pathomechanismus dem Geschehen zugrunde liegt, um dem Patienten adäquate Hilfestellung anbieten zu können. Selbst die Empfehlung zur Nahrungsmittelkarenz soll zielgerichtet sein und die Lebensführung des Leidenden so wenig wie irgend möglich limitieren.

Voraussetzung hierfür ist allerdings eine zuverlässige Diagnostik: Wir haben nicht nur für immunologisch vermittelte Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Zöliakie oder Allergien, sondern auch für nicht immunologisch vermittelte sogenannte Nahrungsmittelintoleranzen wie diverse Zuckerunverträglichkeiten etablierte Testverfahren, die routinemäßig in unseren medizinischen Einrichtungen angewendet werden. Wir kennen die Pathomechanismen der immunmediierten Krankheitsbilder ganz genau: Nahrungsmittelallergien werden beispielsweise durch spezifische gegen das unverträgliche Nahrungsmittel gerichtete Antikörper vom IgE-Typ verursacht, die wir im Serum des Patienten messen können. Oft entwickelt das Immunsystem durch seine enorme Plastizität aber auch Schutzmechanismen, indem es im Sinne einer Toleranzentwicklung andere Antikörper vom IgG- Typ bildet, die der allergischen Reaktion gegensteuern und Ausdruck der erfolgreichen Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Fremdmaterial „Nahrung“ sind. IgG-Antikörper heranziehen zu wollen für den Beweis einer Unverträglichkeit, wie es seit vielen Jahren von etlichen Unternehmen angeboten wird, zeugt also von einem krassen Unverständnis der krankheitsauslösenden Mechanismen und ist als Geschäftemacherei auf Kosten der Patienten strengstens zu verurteilen! Auf die immunologischen Zusammenhänge wird auch in den Empfehlungen nationaler und internationaler Leitlinien unmissverständlich hingewiesen – jede andere Handhabung ist unethisch.

Komplexes Bild

„Ob die erhöhten IgG4 bei Reizdarm pathogenetisch bedeutsam sind, ist unklar.“

Bei einer großen Anzahl von Patienten, die Nahrungsmittelunverträglichkeiten schildern und bei denen potenzielle Ursachen wie Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorbtion oder Zöliakie ausgeschlossen sind und organische Ursachen mittels Endoskopie und radiologischer Verfahren nicht nachgewiesen werden, wird zumeist die Diagnose eines Reizdarmes gestellt. Allerdings beginnen sich erst in jüngster Zeit die kausalen Ursachen der heterogenen Diagnose des Reizdarmes zu diversifizieren und Zusammenhänge mit dietätischen Komponenten zu zeigen. In diesem Kontext sei auch eine wichtige prospektive randomisierte zwölfwöchige Studie an 150 Patienten mit Reizdarm zu erwähnen (Atkinson et al., 2004), welche den Benefit einer Ausschlussdiät, orientiert nach Vorhandensein von Serum IgG4-Antikörpern gegen Nahrungsmittelbestandteile, gegenüber einer Kontrolldiät gezeigt hat. In der Behandlungsgruppe konnte eine um 10 Prozent größere Reduktion an Symptomen erzielt werden. Unter jenen Patienten, welche die Diät laut Protokoll absolviert haben, betrug der Unterschied 26 Prozent. Ein Viertel der Patienten zeigte nach Beendigung der spezifischen Diät eine neuerliche Verschlechterung der Symptome. Ob die erhöhten IgG4 bei Reizdarm pathogenetisch bedeutsam sind oder lediglich Ausdruck einer Exposition zu Nahrungsmitteln darstellen und damit zur Orientierung dienen könnten, gegenüber welchen Nahrungsmittelbestandteilen aufgrund einer zuvor gesteigerten Exposition ein Auslassversuch sinnvoll erscheint, ist unklar.

IgG4-Antikörper scheinen im Zusammenhang einer tatsächlichen Nahrungsmittelallergie eher schützende Funktion zu haben, wie auch zuletzt im New England Journal of Medicine in einer Studie mit Kindern zu Erdnussallergie beschrieben. Doch welche Funktionen kommen IgG4-Antikörpern im Rahmen nicht allergisch vermittelter immunologischer Prozesse zu? IgG4-assoziierte Erkrankungen stellen eine zunehmend bedeutsame Gruppe an immunologisch vermittelten Zustandsbildern dar, die durch erhöhte Serumkonzentrationen von IgG4 gekennzeichnet sind und vielgestaltige Entzündungen unterschiedlicher Organe, wie Bauchspeicheldrüse, Niere oder Speicheldrüsen umfassen. Daraus ließe sich ableiten, dass das Bild über die mögliche Bedeutung von IgG4 bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten ein komplexes ist.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 18/2016

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