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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Wahlärzte auf der Überholspur

Das Meinungsforschungsinstitut OGM hat im Auftrag der Ärztekammer für Niederösterreich die Bevölkerung befragt, was sie mit dem Begriff „Wahlarzt“ verbindet. Die Vorteile der Ärzte ohne Kassenvertrag kamen dabei ebenso aufs Tapet wie die Frage der Kosten. Das wachsende Gesundheitsbewusstsein in einzelnen Bevölkerungsgruppen macht das Zusatzangebot interessant.

Die Versorgungsstrukturen im österreichischen Gesundheitswesen haben sich in den letzten Jahrzehnten drastisch geändert. Dies hängt nicht nur mit der rasanten Entwicklung der medizinischen Möglichkeiten in den letzten Jahrzehnten zusammen, sondern hat vor allem gesellschafts- und sozialpolitische Hintergründe. Die Medizin kann mehr, die Menschen fordern mehr und die Politik verspricht mehr.

Alle sprechen vom Sparen

In Zusammenhang mit unserem Gesundheitssystem wird heute vorwiegend vom Sparen, von Selbstbehalten, von Ärzten als Kostenverursacher, von Reduktion, von Wirtschaftlichkeit und Ökonomie gesprochen. „Keiner der Verantwortlichen spricht aber von Menschen, von moralischer und materieller Verantwortung der Gesellschaft für Alte und Kranke“, bedauerte Dr. Lothar Fiedler, Präsident der Ärztekammer für Niederösterreich, bei einer Pressekonferenz in Wien. Unsere Gesellschaft habe sich in eine Situation manövriert, in der nur Schöne, Wohlhabende, Erfolgreiche und Gesunde erwünscht sind. Kranke, Alte, Behinderte würden in Wahrheit an den Rand geschoben und zu lästigen Kostenverursachern abgestempelt. „Dies ist nicht der Weg, den wir Ärzte begrüßen“, so Fiedler.

Gesundheit wird am Markt „nachgefragt“

Der Kammerpräsident sieht vor allem dort Gefahren, wo Strategen beginnen, aus ökonomischen Gesichtspunkten die Gesundheitsversorgung von den Menschen weg zu führen, anstatt sie näher zu ihnen hin zu bringen. „Was von der Politik nun vorgegeben wird, hat sich in der Praxis schon längst vollzogen“, so Fiedler. Wenngleich hier weder Gesetzgeber noch strategische Ökonomen am Werk waren, sondern der „Markt“, der eine Vielzahl von Leistungen, die in unserem sozialen Krankenversicherungssystem nicht angeboten werden, deutlich nachfragt. In den letzten acht Jahren haben sich allein in Niederösterreich über 1.000 neue Wahlarztpraxen etabliert (siehe Grafik). „Dieses Angebot nutzen Patienten, die offensichtlich das soziale Krankenversicherungssystem als nicht adäquat oder ausreichend ansehen beziehungsweise das Leistungsspektrum nicht ihren speziellen Bedürfnissen entspricht“, erläuterte Fiedler. „Wenn diese Entwicklung so weitergeht, werden im Jahr 2005 in Niederösterreich mehr niedergelassene Wahlärzte als Kassenärzte vorhanden sein.“

Der Entwicklung auf den Grund gehen

Um der Entwicklung auf den Grund zu gehen, hat sich die Ärztekammer im Winter entschlossen, ein unabhängiges Marktforschungsinstitut mit der Durchführung einer großen Umfrage zu beauftragen. Es sollte die Meinung der niederösterreichischen Bevölkerung über die Bekanntheit des Begriffes Wahlarzt, über die Anforderungen an diese Medizinergruppe sowie deren Bedeutung und Stellenwert für die Bevölkerung objektiv erhoben werden.
Offensichtlich wird der Begriff „Wahlarzt“ oft missverstanden und falsch zugeordnet. „Er ist in der Bevölkerung wenig bekannt, deshalb besteht ein deutlicher Informationsbedarf“, präsentierte Dr. Christoph Reisner, Orthopäde aus Wiener Neustadt, selbst Wahlarzt, Vizepräsident der NÖ Ärztekammer und Leiter des Referats für Wahlärzte, die Ergebnisse. „Nur 27 Prozent aller Befragten wussten diesen Begriff bei offener Fragestellung sofort klar zuzuordnen.“
Dass die Rückerstattung oder Höhe des Honorars kein Kriterium für den Besuch eines Wahlarztes ist, hat die Umfrage ebenso ergeben. Obwohl 80 Prozent der Wahlarztbesucher über eine Rückvergütungsmöglichkeit Bescheid wissen, reichen nur 62 Prozent der Befragten ihre Honorarnote bei der Krankenkasse ein. Die übrigen meinen, dass es sich nicht lohne oder der Aufwand der Rückerstattung für sie zu hoch sei. Für diese Tatsache gibt Reisner teilweise den Wahlärzten die Schuld. Diese könnten besser aufklären und sogar Hilfestellung bei der Rückerstattung bieten.

Der Faktor Zeit zählt

Die Gründe, weshalb Patienten einen Wahlarzt aufsuchen, sind unterschiedlich. Entscheidende Kriterien sind „Qualität der Betreuung“ und „Zeit“. Der Faktor Zeit bezieht sich sowohl auf den Arzt-Patienten-Kontakt wie auch die Wartezeit in der Ordination oder auf einen Termin. Dies sind jedenfalls maßgebliche Beweggründe, für eine medizinische Leistung finanziell zunächst einmal selbst aufzukommen. Interessant ist auch das Ranking der Fachrichtungen, die von der Bevölkerung im wahlärztlichen Bereich bevorzugt werden. Während Chirurgen, Gynäkologen und Internisten „klassische Wahlarztfächer“ sind, weisen Kinder-, Augen- und HNO-Ärzte sowie Allgemeinmediziner ohne Kassenvertrag eine eher geringe Nachfrage auf. Im Zuge der Umfrage wurde auch erhoben, welche Ordinationszeiten sich die niederösterreichische Bevölkerung von ihren Ärzten - sowohl Wahl- als auch Kassenärzte - wünschen. Dabei hat sich gezeigt, dass die derzeit bestehenden Ordinationsöffnungszeiten seitens der Ärzteschaft durchaus richtig gewählt sind.

Beurteilung der Öffnungszeiten

Am wichtigsten ist den Patienten die Erreichbarkeit eines Arztes am Vormittag, gefolgt von einer „Abend-Ordination“, und erst dann Öffnungszeiten am Nachmittag. Samstag-Ordinationen liegen weit abgeschlagen und werden lediglich von vier Prozent der Befragten als wichtig angesehen. Laut Wolfgang Bachmayer von OGM ist die unter 400 repräsentativen Patienten in Niederösterreich durchgeführte Umfrage grundsätzlich auf Österreich umlegbar, mit Ausnahme extrem städtischer und extrem ländlicher Bereiche. Stark sichtbar ist nach seiner Ansicht das bestehende Informationsmanko. „Die Bekanntheit der Begriffe ‚Wahlarzt’ und ‚Rückerstattung’ ist im Vergleich zu 1999 zwar gestiegen, aber immer noch erstaunlich gering“, so Reisner.„Ein Drittel der Patienten, auch der Nicht-Wahlarztbesucher, glauben, dass Wahlärzte bessere Qualität bieten“, resümierte Bachmayer. „Das wachsende Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung ist jedenfalls verantwortlich für die starke Zunahme dieser Ärztegruppe, da es von den Kassenärzten nicht ausreichend befriedigt werden kann.“

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