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Gesundheitspolitik 19. April 2016

Wo die wilden Kräuter wohnen

Illegaler Handel mit Medizinalpflanzen und –tieren wird auch in Europa betrieben. Die Nachfrage in Österreich nach ausgewählten Heilkräutern steigt.

Ein besorgniserregend großer Teil des weltweit gehandelten Pflanzenmaterials stammt aus Wildwuchs. In manchen Ländern werden bis zu 95 Prozent aus der Natur entnommen. Derzeit wird die Nachfrage durch die so genannten „neuen Medizinalpflanzen“ für die Arzneimittelherstellung angekurbelt.

Mit der Artenkenntnis der traditionellen Heiler und Kräuterfrauen ist es nicht so weit her, wie man meinen könnte. Viele Pflanzen und Tiere, in denen vermeintliche oder tatsächliche Heilkräfte schlummern, werden aufgrund von Ähnlichkeit gesammelt und gehandelt. Das ist das Problem. Taxonomisch gehören ähnliche Populationen nicht unbedingt zur selben Art, sie können aber zur selben Gattung zählen, sagt Prof. Dr. Michael Kiehn.

Der Biologe ist Direktor des Botanischen Gartens der Universität Wien und als Pflanzen-Experte für das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) auch für den illegalen Handel mit Medizinalpflanzen zuständig. Die taxonomisch geschulten Biologen reagieren auf das „schlampige“ Artverständnis, das gehandeltem Material oft zugrunde liegt. Unter anderem aus diesem Grund hat CITES das „lookalike“-Prinzip in seine Listungen einbezogen. Bedeutet: An sich nicht bedrohte Arten werden vorsichtshalber in den CITES-Listen erfasst, weil sie aufgrund ihrer äußerlichen Ähnlichkeit verwechselt werden und dadurch gefährdet sein könnten.

Das Baldrian-Gewächs Nardostachys ist ein Beispiel für diese Gruppe. Die „Indische Narde“ wurde schon in der Antike als Handelsgut erwähnt und war stark nachgefragt. Nardostachys wird insbesondere in hohen Lagen (3.000 bis 5.000 m) im nepalesischen Himalaya wild geerntet und gehört zum Kanon der ayurvedischen Medizin. Auf Antrag Indiens wurde die Narde in den Anhang II von CITES aufgenommen. Menschen wie Kiehn wollen den Handel mit Nardostachys aus dem Himalaya nicht verbieten – das Gewächs wird ähnlich wie Baldrian genutzt. Ein Problem dabei ist, dass die Narde derzeit nur „wild“ in den Handel kommt, eine nachhaltige Nutzung aber, wie in vielen Fällen, möglich sei.

Das zweite Problem ist der unklare taxonomische Status von Nardostachys. Die Abgrenzung der Arten innerhalb der Gattung ist nicht restlos geklärt, sodass Verwechslungen praktisch nicht zu vermeiden sind und andere Arten als die gesuchten verwendet werden.

Aus der österreichischen Flora werden hingegen kaum Arten wild entnommen und geraten demnach selten in den Handel. Das hat Gründe. Michael Kiehn: „Zum einen weil wir hierzulande relativ gut funktionierende Naturschutzregelungen haben. Taxa, die in Österreich selten sind, werden nicht in Österreich geerntet, sondern, wie zum Beispiel Adonis, am Balkan, wo es ein bisschen einfacher ist, an das Material ungestört heranzukommen.“

Wenn es um häufige Pflanzen geht, gibt es in Österreich keine Beschränkungen, diese zu besammeln. Bedeutet: Wenn Wald- und Wiesenpflanzen, die weder gefährdet noch selten sind, besammelt werden, ist das möglich. So ein Eingriff in die Biodiversität ist nicht verboten. De gewöhnliche Brennnessel für den Biogarten ist von CITES nicht betroffen. Die einzige Einschränkung, die auch harmlose Pflanzenliebhaber mit Botanisiertrommel und Geländepresse einschränkt, ist das Eigentumsrecht der Grundbesitzer.

Kiehn macht den Job als oberster CITES-Pflanzenschützer seit 20 Jahren, seinen Stellvertreter und möglichen Nachfolger schult er ein. Martin Rose hat Naturschutzmanagement studiert (s.S.5). Sein Forschungsschwerpunkt ist Adlerholz. Gemeint ist das Holz von 40 verschiedenen Baumarten, die in Südostasien vorkommen. Genutzt wird das harzdurchtränkte Holz als Räucherwerk, das Räuchern hat spirituelle Bedeutung, zur Geisteraustreibung.

Mit der Zuerkennung des Nobelpreises für die chinesische Forscherin Youyou Tu wurde in gewisser Weise auch die TCM geadelt. Aber wo steht die TEM heute? Rose: „Das große Problem ist, dass es relativ wenige klinische Studien gibt, weil es für die Leute, die es nutzen, irrelevant ist. Nach dem Motto: Warum muss ich etwas nachweisen, was seit Jahrhunderten funktioniert. Da fehlt mit Sicherheit Forschung. Es gibt einige Arten, die den Sprung zur pharmazeutischen Medizin schaffen. Bei den Pflanzen ist die Wirkung abgesicherter als bei den Tieren, bei den Tieren spielt die Symbolik eine große Rolle.“

CITES in der EU

CITES ist in der EU durch eine eigene Verordnung geregelt, die teilweise strengere Bestimmungen vorsieht. Dies gilt vor allem für heimische Arten.

Die EU hat einen Binnenmarkt für CITES definiert. Für Anhang II-Arten sind daher innerhalb der EU keine Genehmigungen notwendig. Die Schweiz ist zwar Teil des Schengen-Abkommens aber nicht der Zollunion, für die Schweiz sind die entsprechenden Genehmigungen notwendig.

Quelle: Austrian CITES Scientific Support Agency for Plants

Martin Burger, Ärzte Woche 16/2016

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