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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Bestes Zeugnis für Lehrpraxen

Das Modell der Lehrpraxen hat sich bewährt. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes IFES im Auftrag der Österreichischen Ärztekammer, bei der je 100 Lehrpraktikanten und Praxisleiter telefonisch kontaktiert wurden.

88 Prozent der Lehrpraktikanten meinen, die Lehrpraxis hätte ihnen im Hinblick auf eine zukünftige allgemeinmedizinische Tätigkeit „sehr viel“ gebracht. „Das sind hohe Zufriedenheitswerte, die bei solchen Umfragen sehr selten erzielt werden“, betont Studienleiter Georg Michenthaler vom IFES-Institut. Besonders positive Noten gab es für die „Möglichkeiten für eigenständiges Arbeiten“ (1,5 auf der fünfteiligen Notenskala). 94 Prozent der Praktikanten sagten, sie dürften unter Aufsicht selbständig Patienten betreuen, 88 Prozent nehmen regelmäßig an Hausbesuchen teil. Aber nicht nur die jungen Ärzte, sondern auch die „alten Hasen“ gewinnen durch dieses Ausbildungssetting. „Ein auffälliges Ergebnis bei dieser Umfrage ist, dass auch die Lehrpraktikumsleiter von den Lehrpraktikanten lernen“, sagt Michenthaler. Mehr als die Hälfte gab an, überdurchschnittlich vom Spitalswissen ihrer jungen Kollegen zu profitieren. „Das war für uns eine positive Überraschung, die auch zeigt, dass die Hierarchie in der Ausbildungspraxis viel flacher ist als im Spital. Das gibt es sonst in diesem Ausmaß in akademischen Berufen üblicherweise nicht.“

„Wir benötigen als Sofortmaßnahme elf Millionen Euro jährlich von der Republik Österreich“, sagte ÖÄK-Präsident Dr. Reiner Brettenthaler Anfang Juli vor Journalisten. Dieses Geld werde gebraucht, um den derzeit rund 750 Interessenten einen Lehrpraxisplatz zur Verfügung stellen zu können. Derzeit reichen die Bundesmittel in der Höhe von 900.000 Euro pro Jahr gerade einmal für 110 Plätze aus. Diese Summe ist seit 1988 eingefroren.„Damit sind wir in keinster Weise zufrieden“, sagt Brettenthaler. Nach Ansicht der Ärztekammer könnten zusätzliche Mittel aus den Reformpools der Landesgesundheitsfonds stammen, die im Vorjahr zwischen Bund und Ländern in der Artikel-15a-Vereinbarung ausgehandelt wurden. Diese neuen Finanztöpfe seien explizit für die Verlagerungen von Leistungen aus dem Spital in den niedergelassenen Bereich vorgesehen. „Die Ausweitung der Lehrpraxen wäre ein ideales Beispiel, bei dem durch die Überbrückung von Schnittstellen sowohl der intramurale als auch der extramurale Bereich profitieren könnten“, meint Dr. Peter Niedermoser, Vorsitzender der Ausbildungskommission der ÖÄK. Langfristig werde sich die Investition auf beiden Seiten bezahlt machen. Er zeigte sich optimistisch, dass die Ärztekammer ihre Forderungen durchbringen werde: „Es gibt keinen Plan B, wir sind überzeugt, dass Plan A funktioniert.“ In der ÖÄK arbeitet man derzeit an einem neuen Konzept für die Lehr- und Ausbildungspraxen, das im Herbst im Rahmen eines Symposiums vorgestellt werden soll. „Darin werden auch internationale Erfahrungen einfließen“, betont Niedermoser. Künftig soll es auch mehr Unterstützung für Lehrpraxisleiter durch die Landesärztekammern geben.

Facharzt für Allgemeinmedizin spießt sich

Sollte der Facharzt für Allgemeinmedizin in Österreich eingeführt werden, würde der Förderbedarf weit über die geforderten 11 Millionen Euro hinausgehen: Dann würde die Lehrpraxis 18 satt bisher sechs Monate dauern, und man bräuchte rund 33 Millionen Euro an Fördergeldern. An dieser Finanzierungsfrage scheint sich unter anderem auch die anstehende Änderung der Ausbildungsordnung zu spießen. Noch hat das Gesundheitsministerium den Plänen der Ärztekammer nur sehr prinzipiell zugestimmt.„In Österreich will man die Notwendigkeit der Arztausbildung in den Praxen nicht wirklich sehen“, kritisiert Brettenthaler. Ein Argument des Gesundheitsministeriums: Andere Berufsgruppen, z.B. Rechtsanwälte, würden die Ausbildung ihres beruflichen Nachwuchses auch selbst finanzieren. Ein Vergleich, den Brettenthaler nicht gelten lässt: „Seit 1989 ist die Verpflichtung des Staates für die Ausbildung der Ärzte gesetzlich festgeschrieben. Dieser Aufgabe wurde bisher sehr lax nachgekommen.“ Der Verweis auf andere Berufsgruppen ignoriere den „Kern der sozialen Verpflichtung bei der medizinischen Versorgung“. Auch volkswirtschaftlich sei das bedeutsam, denn, so Brettenthaler: „Die teuerste Medizin ist die, die von nicht gut ausgebildeten Ärzten erbracht wird.“

Lehrpraxen äußerst beliebt

Ihre Argumentation untermauert die Ärztekammer mit den Ergebnissen einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungs­institutes IFES. Neben den hohen Zufriedenheitswerten im Hinblick auf die zukünftige allgemeinmedizinische Tätigkeit (siehe Seite 1) stufen die Jungmediziner auch den bürokratischen Aufwand in der Lehrpraxis als wesentlich niedriger als beim Turnus im Spital ein, den Lehrkontakt zwischen Praxisleiter und Praktikanten als viel intensiver: Ein Viertel der Jungärzte berichtet, dass mehr als fünf Stunden wöchentlich für medizinischen Erfahrungsaustausch zur Verfügung stehen, bei 16 Prozent waren es bis zu fünf und bei 35 Prozent bis zu drei Stunden. Nur zwei Prozent gaben an, dass dafür in ihrer Ausbildung keine Zeit sei. Besonders gute Noten gab es bei den so genannten „soft skills“, also der menschlichen und sozialen Kompetenz: 87 Prozent der Lehrpraktikanten gaben an, dass sie in „hohem Ausmaß“ vom Umgang und der Kommunikation mit den Patienten profitierten. 72 Prozent meinen, besonders in der Teamarbeit gestärkt zu werden. Fachlich stehen in ihrer Wahrnehmung die medizinische Betreuung chronisch kranker Patienten, die Erstellung von Diagnosen, die Gesundheitsförderung sowie der richtige Einsatz von Therapeutika im Vordergrund der Ausbildung.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 27/2005

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