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Gesundheitspolitik 5. April 2016

Neue Kultur der Zusammenarbeit

Die Pharmaindustrie setzt zur Korruptionsprävention auf Transparenz, braucht dafür aber die Compliance der Ärzte. Diese folgen bislang nur zögerlich.

„Der 30. Juni 2016 markiert für uns einen Meilenstein“, sagt Pharmig-Präsident Prof. Dr. Robin Rumler. Per „Live-Schaltung“ geht dann die neu eingerichteten Website „Transparenz schafft Vertrauen“ (www.transparenz-schafft-vertrauen.at) online. Zweck der Homepage: Dokumentation und Offenlegung geldwerter Leistungen durch pharmazeutische Unternehmen an Ärzte.

Bis zu diesem 30. Juni 2016 muss jedes Mitgliedsunternehmen der Pharmig sämtliche geldwerte Leistungen inklusive Spenden und Förderungen an Angehörige der Fachkreise, etwa Ärzte, Apotheker oder Pflegepersonal, oder Institutionen für das gesamte Jahr 2015 auf einer öffentlich zugänglichen Website dokumentieren. Damit setzen auch die heimischen Pharmaunternehmen einen Beschluss des europäischen Branchenverbandes der forschenden Arzneimittelhersteller EFPIA (European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations) aus dem Jahr 2013 um.

Eine qualitativ hochstehende und effiziente Patientenversorgung braucht eine intensive Zusammenarbeit zwischen Pharmaindustrie und Ärzten, begründet Dr. Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig, die Initiative. Transparenz komme dabei „ein hohes Maß an Wichtigkeit“ zu. Entsprechend klar müsse das Thema auch geregelt werden. „Indem wir unsere Beziehungen jetzt vollständig transparent machen, wollen wir sie zusätzlich stärken“, meint Huber. Als Industrie sei man es nämlich längst leid, „ständig erklären zu müssen, dass wir nichts Unrechtes tun“.

Ziel der Offenlegung ist es also, das „Vertrauen der Öffentlichkeit in das Gesundheitswesen zu stärken sowie das Verständnis für die gemeinsame Zusammenarbeit zu fördern“, wie es in den neuen Bestimmungen des Pharmig-Verhaltenskodex heißt. „Der Öffentlichkeit und den Patienten soll dadurch vermittelt werden, aus welchem Grund eine Zusammenarbeit zwischen der pharmazeutischen Industrie und den Angehörigen der Fachkreise und den Institutionen notwendig ist.“

Präsident Rumler versteht die Initiative aber auch als einen Akt der „Vergangenheitsbewältigung“. Über viele Jahrzehnte sei zwar viel kooperiert worden zwischen Industrie und Ärzten, aber wenig darüber gesprochen. Erst in den letzten 20 Jahren sei es hier zu einer spürbaren „Versachlichung der Beziehungen gekommen. Heute stehen wir aber total transparent und blank da“, so Rumler. „Ich sehe momentan keinen Punkt, wo wir noch transparenter werden könnten.“

Es sei legitim, dass Leistungen von Ärztinnen und Ärzten in Forschung und Entwicklung oder als Vortragende bei Kongressen und Fortbildungsveranstaltungen adäquat abgegolten werden, bekennt sich auch der Präsident der Österreichischen Ärztekammer Dr. Artur Wechselberger zur Offenlegungsinitiative: „Die nun für die Pharmaindustrie geltende Verpflichtung zur Offenlegung der Honorare sollte jedenfalls diversen Spekulationen und Verdächtigungen den Nährboden entziehen, der durch die Intransparenz entstanden ist.“

Individuelle Offenlegung

Bereits kurz nach dem Beschluss zur Offenlegung im Jahr 2014 hatten Rumler und Wechselberger ihre jeweiligen Verhaltenskodices entsprechend abgeändert und die Neuerungen in der gemeinsamen Broschüre „Die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und pharmazeutischer Industrie“ veröffentlicht. Die Offenlegung, wird darin erklärt, beziehe sich auf die „Erfassung aller geldwerter Leistungen in Zusammenhang mit Forschung und Entwicklung, Spenden und Förderungen, Veranstaltungen sowie Dienst- und Beratungsleistungen samt Auslagen“.

Unterschieden wird dabei zwischen einer individuellen Offenlegung und einer Veröffentlichung in aggregierter Form. Erstere enthält individuelle Angaben zum Empfänger der Leistungen und den Details der Zusammenarbeit (u. a. Name, Tätigkeit, Höhe der Geldleistung). Erfolgt die Offenlegung in aggregierter Form, so sind nur die Gesamtzahl der Empfänger, der Beiträge und das Verhältnis des Empfängers zu sämtlichen Empfängern von Leistungen derselben Art offenzulegen.

Laut Broschüre ist grundsätzlich die individuelle Offenlegung von geldwerten Leistungen an die einzelnen Ärzte „anzustreben“. Das setzt allerdings das Einverständnis des betroffenen Arztes voraus, wofür es wiederum eine „neue Kultur der Zusammenarbeit“ brauche, wie es Huber ausdrückt. Weg von der Neidgesellschaft, hin zu einem Selbstverständnis, wo es für den Arzt etwas äußerst Positives ist, in einem wissenschaftlichen Beirat zu sitzen, Ausbildungen zu absolvieren oder auf internationalen Kongressen zu sprechen. „Wenn ich als Arzt eingeladen werde, dann habe ich offensichtlich auch etwas zu sagen. Das ist doch eine Auszeichnung für mich“, fasst Huber zusammen.

Wenig Zustimmung der Ärzte

Um den Termin 30.06. zu halten, arbeiten derzeit die einzelnen Pharmaunternehmen jedenfalls fieberhaft daran, Tausende von relevanten Ereignissen zu identifizieren, zu bewerten und in eine unternehmenseigene Datenbank einzuspielen. Und sie arbeiten eben auch daran, Zustimmungen von Ärzten für eine Offenlegung einzuholen – mit bislang überschaubarem Erfolg. Auch wenn zum aktuellen Zeitpunkt noch keine endgültigen Zahlen absehbar sind, gehen die Unternehmen derzeit von einer Zustimmungsrate der Ärzte zu einer individuellen Offenlegung von rund 50 Prozent aus. Diese Zahl bestätigt auch Mag. Claudia Handl, Corporate Affairs Director von Pfizer Corporation Austria.

Mit ihrem Team hat sie für das Jahr 2015 bisher schon 13.500 Transaktionen identifiziert, die „möglicherweise eine Offenlegung erfordern“. Die einzelnen Posten würden zurzeit manuell überprüft und nachgearbeitet. Eine 50 Prozent-Quote findet Handl übrigens „eine enorm gute Zahl für das erste Berichtsjahr“, aber auch einen klaren Hinweis dafür, dass wir noch viel daran arbeiten müssen, diese Quote zukünftig deutlich zu erhöhen.

Für ihren Chef Rumler bleibt ebenfalls „noch viel Überzeugungsarbeit bei den Ärzten zu leisten“. Dabei setzt man vor allem auf eine enge Kooperation mit der Ärztekammer. „Wir überlegen uns gemeinsam“, ergänzt sein Generalsekretär, „wie wir das Thema Transparenz und Offenlegung in den einzelnen Fortbildungen adäquat unterbringen können.“

Zumindest ein Unternehmen will nicht so lange warten. In seinen unternehmenseigenen Verhaltensregeln hat das Transparency International-Mitglied GlaxoSmithKline (GSK) schon im Vorjahr festgelegt, dass prinzipiell nur mehr mit jenen Ärzten Verträge abgeschlossen werden, die auch einer individuellen Offenlegung von Zahlungen zustimmen. Bereits jetzt bekommen Ärzte und Institutionen, die mit GSK in einem Leistungsverhältnis stehen, vierteljährlich eine genaue Aufstellung ihrer geldwerten Leistungen, um somit einen klaren Überblick über die tatsächliche Veröffentlichung ab 30. Juni 2016 zu bekommen.

Keine gemeinsame Datenbank

Ihre Offenlegungsinitiative hat der Pharmig aber auch Kritik eingebracht. Manche sprechen von „Scheintransparenz“, weil es zwar technisch möglich, aber offenbar nicht gewünscht ist, die Veröffentlichungen der einzelnen Unternehmen in einer gemeinsamen Datenbank zu sammeln und übersichtlich darzustellen, damit auf Knopfdruck ein Gesamtüberblick möglich wird. Stattdessen müssten Interessenten rund 125 Unternehmenswebsites nach entsprechendem Datenmaterial durchsuchen. Auch auf der neuen „Transparenz schafft Vertrauen“-Website wird es – zumindest vorerst – keine entsprechenden Links zu den einzelnen Unternehmensdarstellungen geben, bestätigt Huber, schließt aber nachträgliche Änderungen nicht aus: „Lassen Sie uns jetzt einmal den ersten großen Schritt machen. Das muss ja noch lange nicht das Ende des Weges sein.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 14/2016

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