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© Ich finde, sein konstruktivistischer Ansatz ist auch philosophisch interessant, ebenso seine Überlegungen zur Kommunikation. Faszinierend habe ich immer seine therapeutische Methode der „paradoxen Intervention“ gefunden, da steckt schon viel Menschenkenntnis und Weisheit dahinter.Stefan Seelig
 
Gesundheitspolitik 5. April 2016

„Es gibt die Zweiklassenmedizin“

Philosoph Liessmann über Kommunikationskompetenz, den Hippokratischen Eid und zahlungskräftige Patienten.

Konrad Paul Liessmann erhält im Mai den Paul-Watzlawick-Ehrenring der Ärztekammer für Wien. Im Ärzte Woche Exklusivinterview spricht der Philosoph über Weisheit, Dr. Google, Scharlatane und die Gefahren von Marktmechanismen im Gesundheitswesen.

Sie erhalten im Mai den Paul-Watzlawick-Ehrenring 2016 der Wiener Ärztekammer. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Liessmann: Über diese hohe Auszeichnung bin ich sehr glücklich. Die Idee dieses Ringes und die bisher damit Ausgezeichneten zeigen, dass damit Wissenschaftler und Autoren geehrt werden, die quer über die einzelnen Disziplinen hinweg gesellschaftlich relevante Beiträge liefern. Diesem Anspruch fühle auch ich mich verpflichtet.

Was verbindet Sie mit Paul Watzlawick?

Liessmann: Ich finde, sein konstruktivistischer Ansatz ist auch philosophisch interessant, ebenso seine Überlegungen zur Kommunikation. Faszinierend habe ich immer seine therapeutische Methode der „paradoxen Intervention“ gefunden, da steckt schon viel Menschenkenntnis und Weisheit dahinter.

Sie sprechen von der „Unbedingtheit der Kommunikation als Merkmal des Menschlichen“. Hat die Kommunikation in der modernen Medizin den Stellenwert, der ihr zukommen sollte?

Liessmann: Das kann ich als Außenstehender schwer beurteilen. Die Zeiten, in denen Ärzte als „Götter in Weiß“ agierten, den Patienten auf das kranke Organ reduzierten und darüber kaum mit ihm kommunizierten, sind, denke ich, vorbei. Allerdings führt – wie ich höre – die Ökonomisierung des Gesundheitswesens und die damit verbundene Bürokratisierung wohl dazu, dass die Zeit, die ein Arzt einem Patienten widmen kann, knapper wird. Und darunter leidet auch die Kommunikation.

Voraussetzung für Kommunikation ist Kompetenz. Wo stehen wir auf dem Weg zum kritischen, kompetenten Patienten?

Liessmann: Die klassischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts träumten noch von einem mündigen Menschen, der auch in Fragen der Gesundheit Bescheid weiß und selbstverantwortlich handelt, sich selbst diagnostiziert und therapiert. Das kann nicht gut gehen. Die Fortschritte in der Medizin machen es notwendig, sich Spezialisten anzuvertrauen. Natürlich ist es erfreulich, dass sich Menschen heute über das Internet – Stichwort: Dr. Google – rasch informieren können, aber eine kurze Recherche im Netz ersetzt nicht die Kompetenz eines Arztes, sein Wissen, seine Erfahrung, sein Können. Und gerade in Fragen der Gesundheitskompetenz gibt es jede Menge Scharlatane, unwissenschaftliche Heilslehren, Ernährungsideologien, Moden und Trends – der mündige Mensch müsste auch hier kritisch agieren.

Mit zunehmender Gesundheitskompetenz geht ein Wandel des Arzt-Bildes einher, vom „Gott in Weiß“ zum Gesundheitsdienstleister und Diskussionspartner auf Augenhöhe. Was bedeutet diese Entwicklung für die zukünftige Arbeit der Ärzte?

Liessmann:Ich halte nichts davon, verantwortliche Tätigkeiten wie die eines Arztes – oder auch eines Pädagogen oder Wissenschaftlers – nur mehr als Dienstleistung zu sehen. Gerade die Idee der Kommunikation verlangt nach Akteuren, die sich nicht nur in der Rolle des Konsumenten bzw. des Anbieters sehen. Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient hat für mich auch mit menschlichen Qualitäten wie Vertrauen, Verlässlichkeit, Glaubwürdigkeit zu tun, nicht nur mit der effizienten und kostengünstigen Bereitstellung einer Dienstleistung. Und schließlich: Aufgrund seiner Kompetenz und seiner Expertise übernimmt der Arzt eine große Verantwortung, die nicht nur nach den Gesichtspunkten einer Produkthaftung gesehen werden kann, sondern wie jede Form der Verantwortung als eine soziale Interaktion. Diese Verantwortung sollte auch Gegenstand der Gespräche zwischen Arzt und Patient sein, genauso wie die Verantwortung, die ein Patient selbst für sich übernehmen muss.

Sie setzen sich auch intensiv mit dem wachsenden Einfluss sozialer Medien auseinander. Auch in der Medizin wächst deren Bedeutung. Bewertungs-Foren und Patienten-Postings werden zum Auswahl- und Qualitätskriterium für die Wahl des Arztes oder der Versorgungseinrichtung.

Liessmann:Natürlich bringen die zahlreichen Informationsmöglichkeiten Unsicherheit mit sich und das Bedürfnis nach Orientierung. Allzu viel halte ich etwa von den Ärzterankings bestimmter Zeitungen und Magazine aber nicht, dazu ist die empirische Basis zu dünn. Aber die Wahl eines Arztes oder Krankenhauses wird von vielen Faktoren beeinflusst, von persönlichen Erfahrungen und Berichten bis zu medialen Debatten. Dass es Wettbewerb und Transparenz gibt, dass Patienten ihre Erfahrungen sofort ins Netz stellen, hat sicher Vorteile, aber man sollte vorsichtig sein: Da oft nur die Unzufriedenen ihre Meinung kundtun, die Zufriedenen aber zurückhaltend sind, kann sehr schnell ein verzerrtes Bild entstehen. Auch hier tut Aufklärung not.

Am jüngsten Gesundheitswirtschaftskongress prognostizierten viele Experten eine Zunahme von marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten auch in der Medizin. Welche Folgen hätte das für unsere viel zitierte solidarische Gesundheitsversorgung?

Liessmann:Ich glaube, Gesundheit bzw. das Recht auf bestmögliche Behandlung ist etwas, das man nicht ausschließlich dem Markt überlassen kann. Für verschiedene Moden und Trends der Ernährungs- und Wellnessindustrie mag das zutreffen und auch unproblematisch sein. Würde man aber die medizinische Hilfe bei Unfällen und ernsten Erkrankungen dem Markt überlassen, hieße das, dass diese Unterstützung nur der in Anspruch nehmen kann, der auch zahlen kann. Die Idee der Versicherung und der zugrunde liegenden Solidargemeinschaft ist ja dezidiert gegen die einseitige Marktorientierung des Gesundheitswesens entwickelt worden.

Dies zu verkennen, bedeutet einfach einen Rückschritt!

Der Preis der Wiener Ärztekammer steht für den „Dialog zwischen Medizin und Ethik und eine Humanisierung der Medizin“. Inwieweit muss die moderne Medizin „humanisiert“ werden?

Liessmann:Humanisierung der Medizin bedeutet für mich, diese als Beziehung zwischen Menschen zu definieren, die bestimmten Ansprüchen der Menschlichkeit genügen sollten. Der Hippokratische Eid war ja Ausdruck solch eines Verständnisses. Allerdings müssen wir zugestehen, dass die medizintechnischen Fortschritte die Frage nach dem Ethos des Arztes immer wieder neu stellen – bei der Reproduktionsmedizin, bei der Transplantationsmedizin, bei der Gentechnik, bei der Sterbehilfe. Ich halte keine dieser schwierigen Fragen für geklärt, hier bedarf es nicht nur der medizinisch-technischen Expertise, sondern auch des breiten öffentlichen Diskurses.

Die Medizin bietet immer mehr Möglichkeiten, wird aber gleichzeitig kostenintensiver. Immer häufiger wird daher über die Notwendigkeit einer „Priorisierung“ diskutiert. Aber nach welchen Kriterien kann überhaupt priorisiert werden? Droht in der Medizin die Zweiklassengesellschaft – oder ist sie ohnehin längst Realität?

Liessmann:Wenn wir ehrlich sind: Es gibt die Zweiklassenmedizin, wenngleich diese in Österreich – noch – nicht die drastischen Ausmaße wie in anderen Ländern angenommen hat. Wer in der Frage, welche Therapie für wen noch leistbar ist, beginnt, utilitaristisch zu argumentieren, kommt in des Teufels Küche – vor allem dann, wenn für zahlungskräftige Patienten immer Ausnahmen gemacht werden. Andererseits muss man auch zugestehen, dass „Priorisierungen“ auf vielen Ebenen notwendig sind und auch täglich praktiziert werden. Man sollte dies aber eher als – mitunter auch tragische – Beschränktheit menschlicher Handlungsmöglichkeiten interpretieren und nicht zu einem Prinzip erheben, das manche privilegiert und andere ausschließt. Vom Gedanken, dass jedem Kranken prinzipiell die bestmögliche Therapie und Betreuung zustehen sollte, unabhängig von seinem Alter oder sozialen Status, möchte ich nicht abrücken. Aber vielleicht gehört es auch zur Idee des mündigen Patienten und seiner Kommunikation mit dem Arzt, dass man offen darüber sprechen kann, ob unter bestimmten Bedingungen manche Maßnahmen und Therapien überhaupt sinnvoll erscheinen.

Das Gespräch führte Volkmar Weilguni.

Ringträger

Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann

Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann ist nach Peter L. Berger, Aleida Assmann, Rüdiger Safranski, Friedrich Achleitner, Walter Thirring und Ruth Klüger der nunmehr siebente Träger des Paul-Watzlawick-Ehrenrings. Der 1953 in Villach geborene Liessmann ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik am Institut für Philosophie der Universität Wien und beschäftigt sich in seinen Forschungsarbeiten intensiv mit dem Thema „Philosophie und Öffentlichkeit“. Österreichs Wissenschaftler des Jahres 2006 hat zahlreiche Bücher – u. a. „Theorie der Unbildung“, „Das Universum der Dinge“, „Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung“ und „Lob der Grenze“ – publiziert, von denen es viele auch auf die Bestsellerlisten schafften.

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