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© Paul Feuersänger

Dr. Christian Müller-Uri Präsident des Apothekerverbandes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Hauptverband der österr. SV-Träger

Mag. Ulrike Rabmer-Koller Vorsitzende des Verbandsvorstands des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Andrea Rührnschof

Mag. Max Wellan Präsident der Apothekerkammer

 
Gesundheitspolitik 29. März 2016

Spannende Zeiten

Die Wirtschaftslage der Apotheken ist angespannt, immer mehr Betriebe schlittern in die Verlustzone. Nun wird auch noch das lukrative OTC-Monopol angegriffen. Die Öffentlichkeit soll finanziell einspringen.

Es war einmal höchst begehrens- und beneidenswertwert, eine Apotheke zu besitzen: ein Ort größten Ansehens und Wissens, ein Hort der Ruhe, der wirtschaftlichen Prosperität und der Sicherheit. Konkurrenz und Wettbewerb gab es anderswo. Wer eine Apotheke besaß, der hatte auf Generationen ausgesorgt. Es war einmal und ist nicht mehr!

Wenn man die jüngsten Daten zum kaufmännischen Ist-Stand der heimischen Apotheken genauer analysiert, könnte einem durchaus die Frage in den Sinn kommen: Warum sollte man es sich heutzutage überhaupt noch antun, einen Apothekenbetrieb zu führen – altruistische Gründe einmal zur Seite gestellt.

31 Prozent aller Apotheken wiesen zuletzt einen Betriebsverlust aus. Mit einer Handelsspanne von 28,2 Prozent liegen die Apotheken inzwischen am untersten Ende der Branche. Hauptverantwortlich dafür sind laut Apothekerverband die seit Jahren sinkenden Spannen in der Kassenvergütung bei verschreibungspflichtigen Medikamenten. Daher wurde die mit Ende 2015 auslaufende Finanzierungsvereinbarung mit dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger nicht mehr verlängert. Jährliche Solidarbeiträge und Sondernachlässe für die Krankenkassen in Millionenhöhe seien den wirtschaftlich angeschlagenen Apotheken nicht länger „zumutbar“, heiß es. Der Hauptverband wiederum verweist auf den schärferen Wettbewerb. In den vergangenen sechs Jahren sei die Zahl der öffentlichen Apotheken um 95 gestiegen.

Die Drogeriemarktkette dm hat nun einen Individualantrag beim Verfassungsgerichtshof eingebracht, um rezeptfreie Medikamente verkaufen zu dürfen. Der OTC-Markt ist in Österreich 300 Millionen Euro schwer.dm will die Produkte laut eigenen Angaben um 20 Prozent unter dem aktuellen Apothekenpreis anbieten. Die Apotheker sprechen von „Wettbewerbsverzerrung“ und „Beratungsdiebstahl“. Sie befürchten einen Anstieg des Medikamentenverbrauchs infolge fehlender Beratung und „Multipack-Aktionen“.

15 Millionen Euro Zuschuss

„Nachtdienste sind teuer und wirtschaftlich unrentabel.“

Der Sparzwang im Gesundheitswesen hat seine Spuren bei den Apothekenbetrieben hinterlassen. Mittlerweile schreibt jede dritte Apotheke rote Zahlen, vor fünf Jahren war es noch jede vierte. Dieser problematische Trend setzt sind fort, eine Wende ist nicht in Sicht. Das Jahr 2016 startete im Jänner sogar mit einem Umsatzrückgang und lässt bereits jetzt ein mäßig erfreuliches Geschäftsjahr erahnen.

Viele Jahrzehnte galt die Apothekenbranche als stabiler Wirtschaftsfaktor, der durch Solidar- und Finanzierungsbeiträge in Höhe von insgesamt 146,7 Millionen Euro mithalf, die Krankenkassen zu entschulden. Diese zusätzlichen Beiträge sind den Apotheken nun nicht mehr zumutbar. Schließlich wurden sie vor allem durch die immer geringer werdende Kassenspanne und die geleisteten Solidarbeiträge in die wirtschaftlich schwierige Lage gebracht, in der sie sich nun befinden. Wir fordern daher eine Unterstützung der öffentlichen Hand für die Nachtdienste, die für die Bevölkerung ein sehr wichtiges Gesundheitsservice sind.

Nacht für Nacht haben 280 Apotheken Bereitschaftsdienst. Das ist eine Leistung, die der Allgemeinheit zu Gute kommt und intensiv genutzt wird. In den rund 100.000 Nachtdiensten pro Jahr werden 1,8 Millionen Patienten und Kunden von diensthabenden Apothekern versorgt. Doch diese Nachtdienste sind teuer und wirtschaftlich unrentabel. Sie kosten 33 Millionen Euro, die zu 93 Prozent, also fast zur Gänze, von den Apotheken selbst bezahlt werden. Damit sind die Apotheken eine große Ausnahme im Gesundheitssystem. Üblicherweise werden Notdienste wie etwa Nachtdienste in Spitälern von der öffentlichen Hand unterstützt.

Um unsere Apothekenbetriebe zu entlasten, fordern wir nun einen Nachtdienst-Zuschuss von 15 Millionen Euro. Das ist die Hälfte dessen, was uns die Nachtdienste kosten. Die Forderung wird in den nächsten Wochen und Monaten im Detail zu besprechen sein. Denn nur mit dieser finanziellen Unterstützung können wir die wertvollen Nachtdienste in vollem Umfang weiter anbieten.

Apotheken sind wichtige Partner im Gesundheitswesen

„Solidarvereinbarung ist ein wichtiger Schritt zur Absicherung der Arzneimittelversorgung.“

Die öffentlichen Apotheken leisten einen wichtigen Beitrag in der medizinischen Versorgung der Menschen. Sie sind wohnortnahe Versorgungs- und Beratungseinheiten. Während die Zahl der Hausapotheken in den vergangenen sechs Jahren kontinuierlich abgenommen hat, ist im selben Ausmaß die Zahl der öffentlichen Apotheken um 95 gestiegen. Mehr Apotheken erzeugen logischerweise mehr Wettbewerb und die Herausforderung ist es, sich mit einem Angebotsspektrum und vor allem größtmöglicher Beratungs- und Betreuungsqualität hervorzuheben. 2014 betrug die Apothekenspanne rund 460 Millionen Euro allein aus Arzneimittelspezialitäten, die auf Rechnung der sozialen Krankenversicherung in den öffentlichen Apotheken an die Patienten abgegeben werden. Dazu kommen noch steigende Umsätze mit sogenannten OTC-Produkten, Nahrungsergänzungsmitteln und kosmetischen Produkten.

Die öffentlichen Apotheken stehen vor Umwälzungen, aber ich sehe in vielen Betrieben einerseits einen positiven Generationenwechsel und andererseits interessante Spezialisierungen, wie eigene Produktlinien oder auch neue Vertriebswege, unter anderem einen Online-Versand. Was die Diskussion um die angedrohte Verfassungsklage einer bekannten Drogeriekette betrifft möchte ich klarstellen: Arzneimittel gehören in die Hände von Pharmazeuten, die die Patientensicherheit und Compliance entscheidend beeinflussen. Wir brauchen verlässliche Partner bei der Umsetzung unseres Projekts eMedikation (Start Ende Mai dieses Jahres), mit der wir den behandelnden Ärzten und Apothekern über das E-Card-System wichtige Informationen zur gesamtheitlichen Behandlung und Betreuung von Patienten anbieten können. Die Verlängerung der bisherigen Solidarvereinbarung mit den Apotheken ist aus meiner Sicht ein wichtiger Schritt zur Absicherung der bestmöglichen Arzneimittelversorgung für die Patienten. Als Hauptverband der Sozialversicherungsträger setzen wir auf konstruktive Verhandlungen, um hier am Ende einen für beide Seiten fairen Kompromiss zu finden.

Keine Ausfransung der Vertriebswege

„Ziel ist eine Optimierung der Arzneimitteleinnahme, keine Maximierung.“

Immer wieder suchen Glücksritter das schnelle Geld mit Arzneimitteln – und scheitern über kurz oder lang an den komplexen Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen im Arzneimittelsektor. Ich erinnere mich noch gut an dayli, vormals Schlecker, der in seinen letzten Atemzügen den heilenden Finanzsegen über Medikamentenverkauf finden wollte. Der Wunsch der Supermarktketten, Medikamente in ihren Filialen anzubieten, dient dem Ziel, den Umsatz anzukurbeln, der offenbar mit herkömmlichen Gebrauchsartikeln ins Stocken geraten ist. Je mehr Medikamente die Österreicher schlucken, desto lieber wäre es den Supermarktketten.

Das Ziel der Arzneimittelversorgung ist jedoch eine Optimierung in der Arzneimitteleinnahme, keine Maximierung. Kranke Menschen sollen so viele Arzneimittel wie notwendig, aber so wenig wie möglich einnehmen. Dies gelingt den Apotheken vorbildhaft, denn die Österreicher liegen unter dem europäischen Schnitt im Arzneimittelkonsum. Der vernünftige Umgang mit Arzneimitteln erklärt sich auch daraus, dass Medikamente nicht im Supermarkt einfach aus dem Regal genommen, sondern in Apotheken mit Beratung abgegeben werden.

Versuchsballons in Ländern, wo Medikamente über Supermärkte angeboten werden, zeigen ein verheerendes gesundheitliches Bild: In den USA beispielsweise sterben jährlich 28.000 Menschen an den Folgen unkontrollierter Medikamenteneinnahme.

Die Leistungen der Apotheken sind als Gesamtauftrag zu sehen. Vieles davon können wir nicht gewinnbringend anbieten, tun es als Gesundheitsberuf aber dennoch, um die Bevölkerung bestmöglich zu versorgen. Dazu zählen etwa das Substitutionsprogramm, die magistrale Herstellung, das breite Warenlager oder die Nachtdienste. Die jüngsten Aussagen von Supermärkten, einige der umsatzstärksten Arzneimittel verkaufen zu wollen, halte ich für billige Rosinenpickerei. Die Beschwerde beim Verfassungsgerichtshof sehen wir sehr gelassen, wenn Gesundheitsaspekte entsprechend gewürdigt werden. Denn das österreichische Arzneimittelversorgungssystem ist hervorragend und sicher. Über Wirkung und mögliche unerwünschte Wirkungen informieren Gebrauchsinformation, Arzt oder Apotheker.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 13/2016

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