zur Navigation zum Inhalt
© (4) Helmut Fohringer / picture alliance
© (4) Helmut Fohringer / picture alliance © (4) Helmut Fohringer / picture alliance © (4) Helmut Fohringer / picture alliance
 
Gesundheitspolitik 23. März 2016

Achtung Baustelle

Eineinhalb umgesetzte PHC-Zentren machen noch keine versorgungsrelevante Primärversorgung.

Von einer solchen Bedeutung in der Öffentlichkeit hätten die Allgemeinmediziner vor wenigen Jahren noch kaum zu träumen gewagt: Derzeit kommt keine medizinische Veranstaltung ohne das Thema Primärversorgung aus. Ein Zeichen dafür, dass die Situation ernst ist.

Als Zuhörer diverser Podiums- und Expertendiskussionen zum Thema PHC (Primary Health Care) wird man den Eindruck nicht los, dass sämtliche Verhandlungspartner in weiten Bereichen der Diagnose ohnehin d’accord sind und auch die Therapieansätze gar nicht so unterschiedlich, wie sich vermuten ließe. Diese Beobachtung hat offenbar auch Patientenanwalt Dr. Gerald Bachinger, selbst gerne gebuchter Diskutant auf diversen Foren, gemacht. Sonst würde er kaum einen „erfreulichen Konsens aller Player auf der Metaebene“ orten. Dieser endet aber „spätestens dort, wo man auf die Ebene der konkreten Umsetzung kommt“. Hier türmen sich auf einmal „die Eigeninteressen der Beteiligten“ als scheinbar unüberwindliche Hürden auf. „Da denkt dann jeder an seinen eigenen Schrebergarten, damit der die schönsten Blumen hat.“

Was Bachinger der Gesundheitsreform insgesamt attestiert, lässt sich vortrefflich auf deren zentralen Teilbereich – PHC – herunterbrechen. Ob der aktuelle Anlauf in Wien, die Dynamik zu durchbrechen, gelingen kann (siehe auch die Standpunkte auf S. 2), wird sich spätestens bei den Verhandlungen um die Finanzierung des Wiener PHC-Konzepts zeigen.

„Ganz viel Konsens“Ansätze

Auch Dr. Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe, ortet „ganz viel Konsens im Bewusstsein dessen, was wir zukünftig in der Primärversorgung brauchen: Kurze Wege, einfache Kommunikation und insgesamt attraktivere Angebote für Patienten und all jene, die im Gesundheitsbereich arbeiten“. Heinisch spricht sich für rasche, „pragmatische Lösungen“ aus, was bei gutem Willen „eigentlich gar nicht so schwer“ wäre.

Zumindest für sein Unternehmen scheint ein solch pragmatischer Ansatz bereits gefunden: Die Vinzenz Gruppe plant sogenannte Gesundheitsparks in unmittelbarer Nähe ihrer Kliniken. „Wir wollen hier Ärzten und nicht-ärztlichen Berufen attraktive Strukturen anbieten, etwa in Form günstiger Immobilien, und sie einladen, mit uns gemeinsam zu arbeiten“, erläutert Heinisch. Man wolle Interessenten Ballast abnehmen, der beim Gründen und Einrichten einer Praxis sonst zwangsweise auf sie zukommt. Die Ärzte würden aber „selbstverständlich frei bleiben. Wir wollen die Ärzte in diesen Gesundheitsparks nicht führen, sie sollen gerne kommen und sie sollen gerne bleiben.“

Wer dann letztendlich der „Boss“ sei, spielt für Heinisch eine untergeordneter Rolle. Das könnten Ärzte sein oder Pflegefachkräfte, Unternehmen oder Kommunen. Funktionieren könne ein solches System ohnehin nur, wenn die Mitarbeiter als eingeschworenes, gleichberechtigtes Expertenteam funktionieren, ist Heinisch überzeugt: „Anzuordnen funktioniert nicht. Daher ist es für mich sekundär, wer in unseren Gesundheitsparks der Oberaufseher ist.“

In die gleiche Richtung geht ein Vorschlag von Mag. Karl Lehner, MBA, Vorstand der OÖ Gesundheits- und Spitals AG (GESPAG). In bewusster Abgrenzung zum akkordierten PHC-Papier der Ärztekammer, das unter dem Titel „Das Team rund um den Hausarzt“ bekannt wurde, sollen in der Nähe der GESPAG-Spitäler „Gesundheitszentren rund um den Patienten“ entstehen. Lehner ist sich allerdings selbst nicht so sicher, ob ein solcher Vorschlag umsetzbar ist. Das Beharren der Kammer auf der Führungsposition der Ärzte und dem Gesamtvertrag sei jedenfalls „kein integrativer Ansatz, weil dadurch große Systempartner aus dem Prozess ausgeschlossen werden“.

Zurückhaltend kommentiert Prof. Dr. Manfred Maier die Pläne der Spitalsbetreiber. Ein „dem Krankenhaus vorgelagertes, reines Triagezentrum ist noch kein PHC-Konzept“, findet der Abteilungsvorstand für Allgemein- und Familienmedizin am Zentrum für Public Health der MedUni Wien. Ziel müsse vielmehr ein zeitgemäßes, wohnortnahes und extramurales Netzwerk für die Bevölkerung zur Erhaltung der Gesundheit und optimalen Versorgung bei Krankheit sein. Ein solches System muss laut Maier alle wesentlichen Leistungserbringer – von der Hebamme bis zum Psychotherapeuten, vom Kinderfacharzt bis zum Physiotherapeuten, vom Diätologen bis zum Sozialarbeiter… – vernetzen, eine Orientierungshilfe und Lotsenfunktion anbieten, unnötige Patientenwege und Untersuchungen reduzieren sowie die räumliche und zeitliche Zugänglichkeit verbessern. Und es muss folgende Kernaufgaben erfüllen:

• Mobile, wohnortnahe Gesundheitsförderung und Prävention;

• Rasche und umfassende Behandlung und Betreuung bei akuten Erkrankungen;

• Optimales Krankenhausmanagement bei chronischen Erkrankungen und Multimorbidität

• Wohnortnahe und ambulante Rehabilitationsmaßnahmen.

Zustimmung erhält Maier von der Wiener Pflege- und Patientenanwältin Dr. Sigrid Pilz, vor allem was die Orientierungshilfe betrifft. In dem Zusammenhang verstehe sie unter PHC „weit mehr als eine erweiterte Gruppenpraxis: eine Einrichtung, wo verschiedene Gesundheitsberufe auf Augenhöhe arbeiten“. Zu ihr kämen täglich „so viele Patienten, die an so vielen Adressen waren, wo sie unzureichend behandelt wurden. Wir haben ein echtes Versorgungsproblem, wenn wir nicht endlich besser zusammenarbeiten.“ Das wäre vor allem hinsichtlich der zunehmenden Betreuung chronischer Erkrankungen wichtig. Dazu brauche es aber auch klare Vorgaben, welche Leistungen dort zu erbringen sind. Als Beispiel nennt Pilz das Disease Management Programm „Therapie aktiv“, das trotz nachweisbarer Erfolge derzeit nur auf freiwilliger Basis und in viel zu geringer Zahl angeboten wird.

Das von der Gesundheitspolitik ausgegebene Ziel der Versorgung von einem Prozent der Bevölkerung in PHC-Zentren bis Ende des Jahres hält Pilz für „ein bisschen unambitioniert. Eine Schwalbe macht schließlich noch keinen Sommer.“ Verbindliche Vorgaben für einen Leistungskatalog kann sich auch Dr. Christoph Reisner, MSc, Präsident der Ärztekammer Niederösterreich, gut vorstellen, ebenso flexiblere und unkompliziertere Kooperationsformen.

Dazu sei kein eigenes PHC-Gesetz erforderlich, aber „eine Stärkung des Hausarztes. Das steht seit 20 Jahren auf dem Papier, ist bis heute nicht umgesetzt.“ Sollte man im Rahmen der PHC-Reform die Bedingungen für die Hausärzte jetzt sogar noch verschärfen und zudem Kassenverträge außerhalb des Gesamtvertrages ausverhandeln, dann würden zukünftig „immer weniger Kollegen bereit sein, im Rahmen eines Kassenvertrages zu arbeiten“, prophezeit Reisner.

Umfassender Lösungsansatz

Prof. Maier warnt ausdrücklich davor, die Primärversorgungs-Diskussion auf die Frage der PHC-Zentren zu reduzieren. Es gäbe derzeit so viele Baustellen auf diesem Feld, dass es dafür eines umfassenderen Lösungsansatzes bedarf. Dieser muss laut Maier folgende Aspekte einschließen:

• Eine starke Position der Primärversorgung innerhalb des Gesundheitssystems durch eine bessere Koordination des Zugangs zu den verschiedenen Versorgungsebenen.

• Eine zeitgemäße, praxisorientierte, universitäre Ausbildung. Diese erfordere auch entsprechende personelle und finanzielle Ressourcen für eigene Lehrstühle für Allgemeinmedizin sowie einschlägige Forschungsmittel.

• Arbeitsbedingungen und Praxisstrukturen, die den Anforderungen einer starken Primärversorgung entsprechen.

• Anerkennung und kollegialer Respekt gegenüber den Allgemeinmedizinern.

• Und nicht zuletzt eine Honorierung der Allgemeinmediziner, die der essenziellen Rolle ihrer Tätigkeit im Gesundheitssystem entspricht. Als Beispiel verweist Maier auf Großbritannien, wo der Allgemeinmediziner nicht zufällig der bestbezahlte ärztliche Beruf sei.

Mag. Ingrid Reischl, Obfrau der Wiener Gebietskrankenkasse, zeigt sich bezüglich des letzten Punktes durchaus gesprächsbereit: „Ich kann mir vorstellen, mehr zu zahlen, aber nur dort, wo die Ärzte auch versorgungswirksam sind.“

Derzeit gäbe es nämlich in Wien eine nicht unerhebliche Anzahl an Allgemeinmedizinern, die das eben nicht sind, manche hätten etwa 2014 gerade einmal 250 Patientenkontakte abgerechnet. „Die sitzen anderen Ärzten die Plätze weg.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 12/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben