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Dr. Johannes Steinhart Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der ÄK Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mag. Ingrid Reischl Obfrau der Wiener Gebietskrankenkasse

 
Gesundheitspolitik 23. März 2016

Wien darf jetzt Mariahilf werden

In Wien besteht wieder Hoffnung, dass sich die Hauptverantwortlichen doch auf ein gemeinsames Primärversorgungskonzept einigen könnten.

Bis zum Sommer soll es also tatsächlich am Tisch liegen, das gemeinsame Gesamtkonzept von Ärztekammer, Sozialversicherung und Stadtregierung zur zukünftigen Ausgestaltung der Primärversorgung in der Bundeshauptstadt. Es soll sowohl die allgemeinmedizinischen als auch die fachärztlichen Angebote im niedergelassenen Bereich neu planen und regeln, unter entsprechender Berücksichtigung von Bevölkerungsentwicklungen und Patientenbedarf, so der definierte Anspruch.

Das wurde jedenfalls beim vorwöchigen Gesundheitsgipfel beschlossen und auch gleich ein gemeinsamer Fahrplan festgelegt. Die medizinische Versorgung im niedergelassenen Bereich soll demnach durch flexible Angebote leistungsfähiger und attraktiver werden, und zwar vor allem durch neue Primärversorgungsmodelle nach Vorbild des bisher ersten PHC Medizin Mariahilf sowie durch neue Formen von Ordinationsnetzwerken. Wie viel das zusätzlich kosten wird und wer dafür aufkommt, ist eine der derzeit noch unbeantwortbaren Fragen im Fahrplan.

Nach monatelangen verbalen Schuldzuweisungen, Negativkampagnen und Emotionalisierungsversuchen hüben wie drüben also endlich eine gute Nachricht. Die Ärztekammer ist überzeugt, mit ihrer konsequenten Haltung diesen vermeintlichen Kompromiss erst möglich gemacht zu haben. Laut Kurienobmann Dr. Johannes Steinhart kann eine Reform nämlich nur gelingen, wenn sie „neben den Bedürfnissen der Patienten auch jene von Ärztinnen und Ärzten berücksichtigt“.

Die Ärzte Woche fragte bei den beiden Hauptverhandlern nach, mit welchen „Must haves“ und „No gos“ sie in die bevorstehenden Gespräche gehen werden.

Hausärzte schon jetzt der „Best Point of Service“

„Professionelle Gesundheitsplanung kann auf Kompetenz der Ärzteschaft nicht verzichten.“

Die Wiener Ärztekammer hat gemeinsam mit der Wiener Stadtregierung und der Wiener Gebietskrankenkasse einen neuen Weg zur Primärversorgung geebnet. Ziel ist es, bis Sommer ein Gesamtkonzept zu erarbeiten, um die Neuorganisation im niedergelassenen Bereich bestmöglich umzusetzen. Wir begrüßen den gemeinsamen Fahrplan und werden das Projekt erfolgreich zu Ende bringen. Damit beweist Wien, was für ganz Österreich gilt: Primärversorgung ist nur gemeinsam mit uns Ärzten planbar.

Wir brauchen endlich flexiblere Angebote im niedergelassenen Bereich, die Patienten und Ärzten helfen. Im Zentrum steht für uns ganz klar der Hausarzt, für den die Primärversorgung nichts Neues ist. Eine dezentrale und wohnortnahe erste Versorgung von Patienten erbringen Österreichs niedergelassene Ärzte jeden Tag, mit einer Patientenzufriedenheit von 96 Prozent. Außerdem steht PHC für Primary Health Care, also Primärversorgung. PHC ist also definitiv kein Kürzel für „Primärversorgungszentrum“. Es muss daher auch die bestehende Struktur der Hausärzte gestärkt und attraktiver gestaltet werden. Der Leistungskatalog muss endlich angepasst und faire Tarife müssen bezahlt werden, denn unsere Haus- und Vertrauensärzte sind heute schon der „Best Point of Service“. Um das auch in Zukunft sein zu können, braucht es attraktive Arbeitsbedingungen, die eine entsprechende Work-Life-Balance ermöglichen, auch für den dringend benötigten Nachwuchs im Bereich der Kassenärzte.

Die medizinische Versorgung im niedergelassenen Bereich kann leistungsfähiger werden, ohne bewährte Strukturen zerstören zu müssen. Für uns ist das Stichwort hierfür: Vernetzung – von Gruppenpraxen oder PHCs und klassischen Arztpraxen, um diese gleichermaßen zu stärken. Primärversorgungsmodelle nach Vorbild des bisher ersten PHC Medizin Mariahilf sowie ein neues Pilotprojekt zu Einzelordinationsnetzwerken werden erste Projekte sein, mit der Ärzteschaft als gleichberechtigtem Partner. Dafür braucht es, wie man nun in der Bundeshauptstadt eindeutig erkennen kann, auch kein eigenes PHC-Gesetz; hier gilt weiter der Gesamtvertrag.

In Wien bauen die geplanten Projekte also auf Bestehendem auf. Um eine praxistaugliche Primärversorgung zu verwirklichen, müssen lediglich punktuelle Änderungen im Ärztegesetz sowie im ASVG vorgenommen werden. Deshalb werden wir uns auch weiterhin gegen die vom Gesundheitsministerium geplante Aushebelung des Gesamtvertrags einsetzen und beim PHC-Gesetz auf Bundesebene sicher nicht einlenken. Denn der Wiener Fahrplan zeigt, dass es nur mit uns als Beifahrer vorangeht und auf die Kompetenz der Ärzteschaft im Rahmen einer professionellen Gesundheitsplanung nicht verzichtet werden kann.

Primärversorgungszentren zügig ausbauen

„Wir werden ein gemeinsames zukunftsfähiges Finanzierungs konzept auf die Beine stellen.“

Bei der Neugestaltung der ärztlichen Versorgung im niedergelassenen Bereich haben wir einmal mehr bewiesen, dass eine Zusammenarbeit zwischen Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK), Stadt Wien und der Wiener Ärztekammer möglich ist – auch wenn die Ausgangspositionen unterschiedlicher nicht sein hätten können. Die Ärztekammer pochte im Vorfeld vor allem darauf, das vorhandene System einfach mit Hunderten neuen Kassenstellen auszubauen, ohne dabei die Strukturen effizienter zu machen. Der Ansatz der WGKK war und ist ein anderer: Wir setzen auf eine Verbesserung des Angebots, das sich primär an den Bedürfnissen der Patienten auszurichten hat. Das bedeutet: längere Öffnungszeiten, Ärzte, die in Teams und mit anderen Gesundheitsberufen eng zusammenarbeiten – und all das möglichst auf Basis des bestehenden Stellenplans.

Der Schlüssel zu einer solchen Reform ist die Stärkung der sogenannten Primärversorgung. Sie soll in Wohnortnähe angeboten werden. Bei der Planung werden daher Aspekte wie Bevölkerungswachstum, Versorgungsbedarf sowie die Lebenserwartung berücksichtigt. Die Erstversorgung der Menschen soll dementsprechend in Primärversorgungszentren erfolgen. Schon der erste Pilotversuch einer solchen Einrichtung im sechsten Wiener Bezirk gibt dem Modell Recht. Es ist eine Win-win-Situation für alle Beteiligten: Eine Mindestöffnungszeit von 50 Stunden pro Woche garantiert zum einen den Patienten umfangreiche Betreuung an Tagesrandzeiten genauso wie zur Urlaubszeit. Zum anderen verbessert sich das Arbeitsumfeld der Ärzte. Sie können die Fälle gemeinsam besprechen und die Arbeitszeiten nach ihren Bedürfnissen gestalten. Daher wollen wir dieses Modell nach dem gemeinsamen Beschluss mit Stadt Wien und Wiener Ärztekammer nun zügig ausbauen.

Im Herbst dieses Jahres wird es daher ein weiteres Zentrum nahe dem Donauspital im 22. Bezirk geben. Damit aber nicht genug: Parallel dazu werden wir bestehenden Vertragsgruppenpraxen für Allgemeinmedizin, die aus zwei Gesellschaftern bestehen, anbieten, ihre Praxis um zumindest einen Arzt zu erweitern, um in der Folge ein Primärversorgungszentrum zu entwickeln. Sollte eine bestehende Dreier-Gruppenpraxis umsteigen wollen, wird das mit Zustimmung der Ärztekammer durch einen Einzelvertrag mit entsprechend erweitertem Inhalt ebenfalls möglich sein.

Ein Knackpunkt, um die geschilderte Neugestaltung des niedergelassenen Bereiches umzusetzen, ist freilich die – nachhaltige – Finanzierung. Hier stehen wir noch vor einer großen Herausforderung. Ich sehe mich aber in gutem Einvernehmen mit der Stadt Wien und gehe davon aus, dass wir bald ein gemeinsames Finanzierungskonzept auf die Beine stellen werden.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 12/2016

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