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Prim. Dr. Klaus Vavrik Präsident der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit

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Dr. Pamela Rendi-Wagner Bundesministerium für Gesundheit, Leiterin Sektion III

 
Gesundheitspolitik 15. März 2016

Von Übergewicht und Unterversorgung

Das Bundesministerium für Gesundheit hat ihren Kinder- und Jugendgesundheitsbericht vorgelegt. Für die Pädiater ist er ein weiterer Beleg für die „langsame Umsetzungsgeschwindigkeit“ der Politik.

Der Österreichische Kinder- und Jugendgesundheitsbericht (ist auf der Website des BMG als Download: www.bmg.gv.at/home/KindJugBericht ) fasst den gesundheitlichen Ist-Zustand sowie die Versorgungssituation der rund 1,7 Millionen Kinder und Jugendlichen in Österreich, das sind knapp 20 Prozent der heimischen Gesamtbevölkerung, zusammen – zumindest dort, wo das auf Basis eines einigermaßen validen epidemiologischen Datenmaterials überhaupt möglich ist.

Das darin gezeichnete Bild gibt einigen Anlass zur Sorge: 22 Prozent der 11- bis 15-Jährigen haben schon geraucht (zehn Prozent der 15-Jährigen tun dies täglich). Sieben Prozent konsumieren regelmäßig Alkohol (mindestens einmal wöchentlich oder öfter). Übergewicht und mangelnde körperliche Betätigung sowie eine ungesunde Ernährung sind Ursachen für immer mehr chronische Erkrankungen bereits im Kindesalter. Erkrankten etwa 1999 noch zwölf von Hunderttausend Kindern (bis 14 Jahre) an Typ-2-Diabetes, so waren es 2007 bereits 18,4. Aktuellere Zahlen gibt es nicht.

In manchen Bereichen ist das Datenmaterial allerdings so dünn, dass Entwicklungen, Trends, vor allem aber der Versorgungsbedarf nur geschätzt werden können. Das trifft in besonderem Maße auf den Bereich der psychischen Erkrankungen bzw. der Auffälligkeit von Kindern und Jugendlichen zu. Regionale Erhebungen aus Kindergärten und Volksschulen geben zumindest Hinweise darauf, dass bei rund zehn Prozent der Vier- bis Siebenjährigen Verhaltens- und emotionale Auffälligkeiten vorliegen könnten.

Eindeutig feststellbar sind hingegen aktuell bestehende Löcher im Versorgungsnetz. Besonders davon betroffen sind sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche. Denn die Kindermedizin im niedergelassenen Bereich tendiert immer stärker in Richtung Wahl-Kinderärzte und damit in Richtung privater Zuzahlungen. Während die Zahl der Vertragsärzte seit 2001 weitgehend konstant geblieben ist, stieg jene der Wahlärzte im selben Zeitraum um 80 Prozent. Schon seit Jahren beklagt werden die besonders eklatanten Defizite im Kassenbereich der Kinderpsychiatrie und -psychotherapie. Aber auch in der stationären Versorgung ortet der Bericht Nachholbedarf. So würden vier von neun Bundesländern nicht einmal die Minimalvorgaben an Betten für Kinder erfüllen.

Dünne Datenlage und wenig Fortschritt

„Es drängt sich die Frage auf: Wohin steuert die Kindergesund heitspolitik in Österreich?“

Es ist sehr zu begrüßen und es war hoch an der Zeit, dass nun erstmals von offizieller Stelle ein österreichweiter Kinder- und Jugendgesundheitsbericht vorgelegt wurde. Für eine sinnvolle gesundheitspolitische Planung braucht es aussagekräftige Daten und eine regelmäßige Bilanz. Schon seit 2010 machte die Liga für Kinder- und Jugendgesundheit wiederholt auf diese Defizite aufmerksam.

Am Inhalt gemessen wurde der Bericht jedoch zu einem ernüchternden Dokument dafür, wie dünn und unsystematisch die Datenlage und wie gering der Fortschritt bei der Umsetzung von Maßnahmen tatsächlich sind. Die Zahlen stammen überwiegend aus „betagten“ Quellen (Gewalt, Diabetes 2007, Allergien 2008, HBSC 2010) sowie aus isolierten Einzelstudien ohne Einbettung in ein größeres Konzept. Sie rekurrieren vielfach auf Mortalitäts- und Hospitalisierungsstatistiken, welche nur wenig geeignet sind, die aktuellen Kernthemen der „modernen Morbiditäten“ und die überwiegend extramural stattfindende Versorgung abzubilden. Das Fehlen von zentralen Daten etwa zur Prävalenz von chronischen und psychischen Erkrankungen hat zur Folge, dass der Bedarf an Versorgungsangeboten nur unzureichend eingeschätzt werden kann. Die systematischen Erhebungen zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS-Studie) könnten hier als Vorbild dienen.

Erfreulich ist das umfangreiche Kapitel zur gesundheitlichen Chancengerechtigkeit, weil es ein Thema von höchster Bedeutung aufzeigt. Bloß, was nützt den Betroffenen die hehre Theorie, wenn die Zahl der armutsbedrohten Kinder gleichzeitig Jahr für Jahr erheblich steigt (derzeit 408.000 laut Statistik Austria)!

Schade ist zudem, dass der Bericht nicht der Struktur der 2012 mit vielen Fachleuten erarbeiteten Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie folgt. Dies hätte die Chance eröffnet, eine politische Strategie mit Material zu unterfüttern und so deren Status und Entwicklung zu illustrieren. Die am Ende formulierten „zukünftigen Herausforderungen“ sind alle bereits 2010/‘11 von der Kinderliga und auch im Kindergesundheitsdialog als Forderungen erhoben worden. Es drängt sich daher die Frage auf: Was ist seither in der Umsetzung passiert und wohin steuert die Kindergesundheitspolitik in Österreich?

Erfolge unserer Präventionspolitik

„In Krankenversorgung und Reha zeichnen sich langsam positive Entwicklungen ab.“

In allen westlichen Industrieländern ist in den letzten Jahrzehnten ein Trend erkennbar, der einerseits von einem Rückgang der Kindersterblichkeit und übertragbarer Krankheiten, andererseits aber auch von der Zunahme chronischer Krankheiten geprägt ist. 16 Prozent der 11- bis 15-Jährigen leiden an zumindest einer – ärztlich diagnostizierten – chronischen Krankheit, wie etwa Neurodermitis, Heuschnupfen oder Asthma; 2010 waren es 14 Prozent. Zwar steigt die Inzidenz von Typ-1-Diabetes, doch insgesamt ist die Prävalenz niedrig. Sie lag 2007 bei etwa 0,1 Prozent der unter 15-Jährigen (das Diabetes-Register wird von der MedUni Wien nur in größeren zeitlichen Abständen publiziert). Die entscheidende Herausforderung für uns ist das Übergewicht. Während viele Kinder und Jugendliche sich weiterhin zu wenig bewegen, gibt es bei der Ernährung auch erste positive Entwicklungen.

Die Ursachen für diese epidemiologische Entwicklung sind vielfältig und gesamtgesellschaftlicher Natur. Deshalb bemühen wir uns seit vielen Jahren um eine politikfeldübergreifende Gesundheitspolitik, indem auch andere Ministerien in zentrale Strategien, etwa Rahmen-Gesundheitsziele, Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie oder Frühe Hilfen, einbezogen werden.

Positive Trends sind unter anderem die Rückgänge bei Geburten von Teenagern, der Frühgeburtenrate und bei Mehrlingsschwangerschaften nach In-vitro-Fertilisation. Weniger Verletzungen müssen stationär behandelt werden. Jugendliche rauchen weniger als 2010 und trinken weniger Alkohol. Das sind Erfolge unserer Präventionspolitik, die sich langfristig auch epidemiologisch niederschlagen wird. Die Datenlage zur psychischen Gesundheit verspricht, durch die MHAT-Studie zu psychischen Erkrankungen von Jugendlichen ( www.mhat.at ) sowie das Spezialmodul zur Kindergesundheit innerhalb der österreichischen Gesundheitsbefragung 2014 verbessert zu werden. In der Krankenversorgung von Kindern und Jugendlichen wurde in den letzten Jahren etwa das psychiatrische Angebot erweitert und auch in der Kinder-Reha zeichnen sich langsam positive Entwicklungen ab. Die Versorgung ist ein wesentlicher Bestandteil der Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 11/2016

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