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Gesundheitspolitik 1. März 2016

Steuermann sucht Katamaran

Der neue Rektor der MedUni Graz, Prof. Dr. Hellmut Samonigg, will die Zusammenarbeit mit der KAGes verbessern.

Samonigg will dafür sorgen, dass die Forschung an der Uni-Klinik trotz Sparmaßnahmen nicht auf der Strecke bleibt. Dafür soll der umstrittene Kooperationsvertrag, den noch sein Vorgänger mit dem Spitalserhalter abgeschlossen hat, überarbeitet werden, erzählt Samonigg im Interview mit der „Ärzte Woche“.

Was wird sich an der MedUni Graz ändern?

Samonigg: Ich habe nicht die Absicht, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Das bisherige Rektorat hat in vielen Bereichen hervorragende Arbeit geleistet, auch wenn manches davon wegen der Turbulenzen rund um den neuen Kooperationsvertrag mit der KAGES zuletzt leider verdeckt wurde. Insgesamt finden wir eine gute Ausgangsposition vor. Aber natürlich werden wir als Team da und dort neue Akzente setzen. Die von unseren Vorgängern bis 2018 ausgehandelte Leistungsvereinbarung mit dem Bund lässt uns dafür einen gewissen Spielraum. In jedem Fall wollen wir in unsere Kernbereiche Forschung und Lehre noch mehr Dynamik bringen.

Wie kann eine solche Dynamik in der Forschung entstehen?

Samonigg: Forschung benötigt neben den entsprechenden Ressourcen ausreichende Information und offene Kommunikation. All dies wird mit der Eröffnung des neuen MED CAMPUS Graz im nächsten Jahr ganz wesentlich verbessert. Die damit verbundene enge Interaktion mit den klinischen Bereichen wird unsere Forschungsarbeit sehr befruchten. Wir erwarten uns davon viel zusätzliche Dynamik. Es ist ein weit verbreiteter Trugschluss, dass Kommunikation in der modernen Forschung nur auf der virtuellen Ebene funktioniert. Die erfolgreichsten Forschungsinstitute haben oft auch die besten Cafeterien, wo man sich trifft und wo ganz spontan Ideen geboren werden. 2017 erfolgt aber leider nur eine erste Teileröffnung des MED CAMPUS. Die Realisierung des zweiten Moduls steht daher ganz weit oben auf unserer Prioritätenliste. Wir konnten dazu auch bereits einen Konsens mit allen anderen Universitäten des südösterreichischen Raums erzielen, dieses Bauvorhaben an die erste Stelle zukünftiger Investitionsprojekte zu reihen.

Die Rahmenbedingungen für die angesprochene klinische Forschung haben sich durch die neue Arbeitszeitregelung allerdings verschlechtert. Wie steuern Sie dagegen?

Samonigg: Die Reduktion auf 48 Wochenstunden musste sich zwangsläufig negativ auf die klinische Forschung auswirken. Wir konnten in der Patientenversorgung zwar große Krisen vermeiden, darunter hat die Forschungsarbeit kurzfristig aber ganz sicher gelitten. Selbstverständlich hat in einer Notsituation die Patientenversorgung Priorität, aber das Ausschlagen in eine Richtung des Pendels kann an einer Universitätsklinik keine Dauerlösung sein. Wir diskutieren daher jetzt mit der KAGes neue Dienstmodelle, um die Situation nachhaltig zu verbessern und der Forschung und Lehre einen gebührenden Stellenwert zu sichern. Ein entsprechender Schulterschluss stellt zweifelsohne eine große Herausforderung dar, der wir uns zu stellen haben. Lassen Sie mich dazu ein Bild malen: Im Moment haben wir immer noch zwei Schiffe, das KAGes- und das MUG-Schiff, die sich zwar meist parallel zueinander, aber zeitweise mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen. Manchmal driften die beiden Kurse allerdings so weit auseinander, dass ein Konfrontationskurs droht. Das ist für mich inakzeptabel. Meine Vision ist vielmehr, einen Katamaran zu konstruieren und auf Kurs zu bringen, mit einem Steuerrad und zwei Bootskörpern für Entscheidungen auf „Augenhöhe“, um die anstehenden Aufgaben in Versorgung, Forschung und Lehre gemeinsam bestmöglich zu erfüllen.

Muss der Kooperationsvertrag mit der KAGes nachgebessert werden?

Samonigg: Es ist noch zu früh, darüber etwas zu sagen. Aber ich vernehme zumindest klare Signale, dass Änderungen möglich sind. Es gibt den Konsens, dass bessere Ideen schlechtere schlagen. Wir werden bessere Ideen einbringen, haben das zum Teil schon getan. Es hat in der Vergangenheit von beiden Seiten immer wieder Querschüsse gegeben, das sollte zukünftig vermieden werden. Nur so können wir die Qualität in allen Bereichen letztendlich voranbringen. Ich denke, das wollen alle Beteiligten.

Sie sehen im neuen Ausbildungs-Curriculum eine deutliche Verbesserung, orten aber dennoch Handlungsbedarf – inwiefern?

Samonigg: Die Richtung des neuen Curriculum ist zweifellos eine gute. Die Studierenden begrüßen es zum Beispiel sehr, früher als bisher mit den Patienten arbeiten zu dürfen. Auch die starke Vernetzung und hohe Interdisziplinarität ist medizinisch sinnvoll. Wir müssen aber darauf achten, dass dabei einerseits fundamentales medizinisches Grundwissen, etwa Anatomie, Physiologie oder Pathologie, nicht auf der Strecke bleibt und sich andererseits die Komplexität, die eine Vernetzung mit sich bringt, organisatorisch auch praktikabel abbilden lässt. Wir stellen uns außerdem die Frage, ob die zum Teil sehr unterschiedlichen Curricula der einzelnen MedUnis eine gute Idee sind. Das erschwert zum Beispiel einen Wechsel während des Studiums massiv, beschränkt Mobilität. Wir haben daher eine Initiative gestartet, um auszuloten, ob eine Vereinheitlichung möglich und sinnvoll wäre. Bei den Aufnahmeverfahren ist das Realität.

Es gibt seitens der Politik vermehrt Überlegungen, eine „forschungsferne Ärzteausbildung“ neben den MedUnis zu etablieren, um zusätzlichen Nachwuchs zu rekrutieren. Ein bereits sehr konkretes Beispiel ist die geplante Medical School in Tirol, wo praxisorientierte Allgemeinmediziner für die ländliche Basisversorgung ausgebildet werden sollen. Was halten Sie davon?

Samonigg: Ich bin skeptisch. Der Arztberuf ist ja kein Mechanikerberuf. Es gehört mehr zu einer adäquaten Ausbildung als einfach Wissen zu generieren. Aus meiner Sicht muss die Medizinerausbildung universitär bleiben, wobei selbstverständlich Kooperationen etwa mit Fachhochschulen durchaus denkbar sind. Insgesamt bin ich der Meinung, dass wir an sich genug Ärzte hervorbringen. Eine Professionalisierung ist allerdings in der postuniversitären Ausbildung dringend gefragt. Da ist uns Deutschland weit voraus, natürlich auch, weil hier der Druck, die Attraktivität der Ausbildung für Absolventen zu erhöhen, viel früher als bei uns eingesetzt hat. Junge Leute gehen dort hin, wo die Ausbildung besser funktioniert. Hier muss man ansetzen. Letztendlich wird aber auch die beste Ausbildung, universitär wie postuniversitär, nichts nützen, solange sich die Arbeits- und Rahmenbedingungen für niedergelassene Ärzte nicht dramatisch verbessern. Solange können wir noch so viele Jungmediziner in das System hineinbringen, wir werden sie dort nicht halten können. Bayern hat uns vorgezeigt, wie es funktioniert, das Angebot gerade für Landärzte zu attraktivieren.

Mit den Möglichkeiten der modernen Medizin steigen auch deren Kosten. Viele Experten fordern eine Diskussion über Priorisierung und Verteilung medizinischer Leistungen und wer darüber entscheiden soll, weil das Prinzip „Alles für alle“ nicht mehr funktionieren wird. Wird in der Patientenversorgung die individuelle Kosten-Nutzen-Rechnung verstärkt zu stellen sein?

Samonigg:In Österreich, einem der reichsten Länder der Welt, sollte es auch zukünftig nicht notwendig sein, irgendjemandem eine dringend benötigte Therapie zu verwehren. Bevor das passiert, müssen wir alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen, um das System und seine Kosten zu optimieren – und davon gibt es noch genug. Ich halte etwa eine weitere Zentralisierung der Onkologie für alternativlos. Das in der modernen Onkologie benötigte Wissen ist inzwischen dermaßen komplex, dass kleinere, nicht spezialisierte Einheiten einfach nicht mehr Schritt halten können. Neben medizinischen Aspekten sprechen auch wirtschaftliche eindeutig dafür. Nachweisbar ist dort, wo das Wissen am höchsten ist, zum Beispiel der Verbrauch an Medikamenten geringer. Wir sind hier auf einem guten Weg, die Politik hat die Notwendigkeit begriffen, auch wenn es da und dort noch immer politische Partikularinteressen gibt, hier gegenzusteuern.

Das Gespräch führte Mag. Volkmar Weilguni.

Zur Person

Prof. Dr. Hellmut Samonigg,

Hellmut Samonigg ist 1951 in Spittal/Drau geboren. Er studierte an der Medizinischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz. An der MedUni Graz leitete er später die Klinische Abteilung für Onkologie und baute die erste universitäre palliativmedizinische Einrichtung auf. Von 2003 bis 2008 war Samonigg Vizerektor für Strategie und Innovation, stand parallel dazu einer Organisationseinheit zur Entwicklung des MED CAMPUS Graz vor. Ab 2015 fungierte er als Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin. Samonigg ist Vorstand des Comprehensive Cancer Center Graz und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie.

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