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Medizinische Utensilien zur Blutabnahme u. a. liegen bereit, sie kommen an Wochenenden nur in wenigen Ordinationen zum Einsatz. (4)
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Medizinische Utensilien zur Blutabnahme u. a. liegen bereit, sie kommen an Wochenenden nur in wenigen Ordinationen zum Einsatz. (4)

© Volkmar Weilguni

Dr. Weiser macht zweimal im Monat Wochenend-Dienst (mit Patientenanwalt Bachinger)

 
Gesundheitspolitik 22. Februar 2016

Schläfrige Gesundheitsreform

Es geht dem Patientenawalt auch um die Frage, welcher Prinz das Dornröschen wachküsst.

Dr. Gerald Bachinger präsentierte mit dem Medico Chirurgicum ein „Musterbeispiel für Primärversorgung am Wochenende“. Idealismus alleine könne die ins Stocken geratene Gesundheitsreform allerdings nicht retten, befürchtet der Patientenanwalt.

Für den regelmäßigen Beobachter des heimischen Gesundheitssystems offenbart sich im Ärztezentrum Ost des Wohnparks Alt-Erlaa in Wien ein ungewohntes Bild: Vertreter der Ärzteschaft und der Patientenanwalt sitzen nicht nur harmonisch an einem Tisch, sie sind auch voll des Lobes für die funktionierende Primärversorgungseinrichtung, das „Medico Chirurgicum“. Begründung: Die Praxis in Wien 23 ist die erste und bis heute einzige kassenärztliche chirurgische Gruppenpraxis Wiens, in der die Ärzte – namentlich Dr. Friedrich A. Weiser und Dr. Halkawt Al Mufti – den Patienten mit Magen- oder Darmkrämpfen, schweren Durchfällen, Darmblutungen oder Koliken neben den üblichen Öffnungszeiten auch jedes Wochenende zur Verfügung stehen, und das seit nunmehr neun Jahren .

Jeder der beiden Partner absolviert zwei Wochenenddienste pro Monat, das sei schon machbar, erzählt Weiser, außerdem sei man das als ehemaliger Spitalsarzt durchaus gewohnt. Er persönlich mache diese Dienste sogar besonders gerne, weil man einerseits mehr Ruhe zum Arbeiten und gegebenenfalls auch einmal mehr Zeit für ein gutes Gespräch mit den Patienten habe und diese andererseits das Angebot besonders schätzen würden.

Schwieriger zu bewerkstelligen sei die Organisation der Mitarbeiter, die sich aber „letztendlich von unserer Begeisterung anstecken ließen“. Zudem gibt es zusätzliche freie Tage und entsprechende Überstundenvergütungen, 50 Prozent am Samstag, 100 Prozent am Sonntag. Finanzieren lässt sich das Ganze laut Weiser aber nur, weil „wir voll ausgelastet sind“.

Man arbeite hier jedenfalls Wochenende für Wochenende „mit viel Idealismus trotz wenig attraktiver Konditionen“, versichert Weiser. Dabei ginge es ihm primär aber gar nicht einmal so sehr um das Geld. Wichtiger wäre ihm „eine entsprechende Wertschätzung unseres Idealismus durch unsere Vertragspartner“. Wäre eine solche gegeben, würden die Honorare ganz automatisch fairer.

Die Agonie schlägt durch

Initiativen wie diese seien zwar bewundernswert, weil sie „mit mehr Liebe zum Beruf als zum Geld“ verbunden wären, ergänzt der Sprecher der Patientenanwälte Dr. Gerald Bachinger, könnten aber Systemfehler nicht wettmachen. Vor drei Jahren sei man mit der Gesundheitsreform gemeinsam angetreten, um diese Defizite anzugehen. Es herrschte „eine riesige Aufbruchsstimmung. Ich hatte das Gefühl, dass es jetzt wirklich soweit ist, dass jetzt endlich was weitergeht.“

Das sei lange her, die Aufbruchsstimmung längst einer „Hilflosigkeit und Perspektivenlosigkeit“ gewichen, die Bachingers „Frustrationstoleranz“ immer geringer werden lasse: „Alles, was bisher erarbeitet wurde, versinkt in vollkommener Agonie, in einer Art Dornröschenschlaf. Wir müssen die Verantwortlichen dringend aufwecken.“

Die Verantwortlichen sind für Bachinger nicht die Ärzte, sondern Sozialversicherungen und Ärztekammer, die beiden Vertragspartner im niedergelassenen Bereich. Deren Partnerschaft werde zusehends zu einer Vertragsfeindschaft, wo sich die Parteien gegenseitig argwöhnisch belauern.

Die Bereitschaft vieler Ärzte wäre durchaus gegeben, auch am Wochenende Dienste anzubieten, vermutet Bachinger, allerdings hätten die meisten „das Vertrauen in die Lösungskompetenz dieser beiden Institutionen mittlerweile zu Recht verloren“. Diese wären jedenfalls gut beraten, umzukehren, rät Bachinger, sonst werde das Angebot zukünftig jemand anderer machen. Als Beispiel nennt der Patientenanwalt die von der Vinzenz Gruppe konzipierten Gesundheitsparks oder auch regionale Versorgungsangebote in Form von interdisziplinären Aufnahmestationen in öffentlichen Krankenanstalten.

Das Aufgabenprofil

Umkehren bedeutet für Bachinger ein Zurück zu dem einvernehmlich vereinbarten Aufbau von Primärversorgungszentren. Weniger wichtig sei dabei die Organisationsform an sich (ob Einzel-, Gruppenpraxis oder PHC), als vielmehr die Definition eines verbindlichen Aufgabenprofils für die Primärversorgungsanbieter.

Dazu zählen unter anderem auch Öffnungszeiten, multiprofessionelle Versorgungsketten, Angebote wie Disease Management Programme und Ähnliches. Voraussetzung dafür wären leistungsorientierte Honorierungsmodelle und zusätzliche Investitionsunterstützungen. Das PHC-Konzept könne solange „nicht ins Fliegen kommen, solange es keine entsprechenden Vergütungsmodelle gibt“, ist sich Bachinger sicher.

Ungeachtet dessen werde das Hausarztmodell zwar auch weiterhin zumindest als Parallelstruktur bestehen bleiben, das skizzierte Aufgabenprofil in der Primärversorgung könne damit alleine allerdings keinesfalls abgedeckt werden. Daher greift die Forderung der Ärztekammer nach zusätzlichen Kassenplanstellen – aktuell fordert die Wiener Ärztekammer 300 zusätzliche Allgemeinmedizinerstellen von der Wiener Gebietskrankenkasse – für Bachinger auch zu kurz.

More of the same

Das könne zwar eine kurzfristige Symptomlinderung bringen, „More of the same wird das strukturelle Problem aber nicht lösen. Dann haben eben nicht nur 86 Kassenfachärzte am Wochenende geschlossen, sondern 136.“ Das grundsätzliche Problem wäre damit nur aufgeschoben, keinesfalls aufgehoben. Gleiches gelte im Übrigen auch für die oft ins Treffen geführten freiwilligen, unverbindlichen Arztnetzwerke als Alternative zu den PHC-Zentren.

„Solche Initiativen sind toll und begrüßenswert“, meint Bachinger. „Sie sind aber bestimmt keine tragfähige Basis, um ein flächendeckendes Primärversorgungssystem darauf aufzubauen.

Ganz klar spricht sich der Patientenanwalt gegen jede Initiative in Richtung Wiedereinführung von Ambulanzgebühren aus. Damit könne man gar nichts in die richtige Richtung steuern: „Im Gegenteil, das würde eher den negativen, ja absurden Steuerungseffekt haben, dass diejenigen, die das Versorgungssystem am dringendsten brauchen, abgehalten werden, in das System zu kommen.“ An dieser Stelle kommt dann doch noch so etwas wie Kontroverse in das bislang harmonische Bild der Veranstaltung. „Für mich bleibt die Einzelordination auch weiterhin eine wichtige Basis der Primärversorgung“, widerspricht Weiser, „kein Auslaufmodell.“

Es dürfe auch zukünftig niemand gezwungen werden, in ein PHC-Zentrum zu wechseln. Auch verpflichtende Öffnungszeiten, etwa an Wochenenden, lehnt Weiser prinzipiell ab: „Das geht nicht. Für unsere Gruppenpraxis möchte ich die Wochenenddienste nicht mehr missen. Zwingen würde ich mich dazu aber trotzdem nicht lassen.

Der Übergang und der Schalter

Natürlich könne man die Einzelordinationen nicht wegzaubern, das sei im durchaus bewusst, repliziert Bachinger. Daher müsse auch allen Entscheidungsträgern und Finanziers klar sein, dass der Aufbau eines bedarfsgerechten, modernen Primärversorgungssystems „kein Nullsummenspiel“ werden kann. Dafür brauche es lange Übergangsprozesse, die zwingend zu Parallel- und nicht zuletzt Doppelstrukturen führen müssen.

„Einfach einen Schalter umlegen, so wird es nicht funktionieren“, sagt Bachinger abschließend. „Man wird dafür viel Geld zusätzlich in die Hand nehmen müssen, statt den bestehenden Strukturen etwas wegzunehmen, um damit Neues zu finanzieren – Investitionen, die sich langfristig aber rechnen werden. Ich frage mich nur: Wer wird der Prinz sein, der das Dornröschen wachküsst?“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 8/2016

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