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Prof. Dr. Gerhard Luef
Hochschulreferent der Ärztekammer für Tirol

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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DI Dr. Bernhard Tilg
Gesundheitslandesrat für Tirol

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Thomas Schütz

Luca Gallastroni 1. stellvertretender Vorsitzender der Hochschülerschaft an der Medizinischen Universität Innsbruck

 
Gesundheitspolitik 22. Februar 2016

Tirol will mehr Ärzte und weniger Forschung

Die schwarz-grüne Tiroler Landesregierung will bis 2018 zusätzlich zur MedUni Innsbruck eine „Medical School“ etablieren. Studenten- und Ärztevertretung halten allerdings wenig von dieser Idee.

Gleich bei ihrer ersten Regierungsklausur 2016 machte die Tiroler Landesregierung die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung, vor allem im ländlichen Raum, zu ihrem zentralen politischen Thema. Um dem Ärztemangel entgegenzuwirken, soll eine zusätzliche Ärzteausbildungsstätte geschaffen werden. Zur bestehenden Medizinischen Universität Innsbruck mit nahezu 2.000 Beschäftigten und mehr als 1.000 Wissenschaftlern – davon sind mehr als 578 Ärzte –, soll ab dem Studienjahr 2018/19 ein weiteres Uni-Studium für Humanmedizin angeboten werden. Es soll in Kooperation mit der UMIT in Hall in Tirol, der größten heimischen Privatuniversität, sowie der Meduni Innsbruck entwickelt werden. 120 neue Studienplätze sollen nach dem Motto „Ausbilden statt forschen“ entstehen.

Die Idee einer Tiroler „Medical School“ ist nicht neu. Bereits vor Jahren war ein ähnliches Projekt, damals als länderübergreifende Kooperation mit Südtirol und dem Trentino geplant. Es scheiterte letztendlich am Veto aus Rom. Nun also ein neuer Anlauf: Aber auch dieses Mal gibt es Widerstand. Die Ausbildung von weiteren hundert Medizinern würde die fortwährende Abwanderung der Absolventen aus Tirol auch nicht stoppen, kritisiert die Hochschülerschaft der Meduni, solange Arbeitsbedingungen und Gehälter der Ärzteschaft nicht angepasst werden. Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre etwa eine Aufwandsentschädigung für das Klinisch-Praktische Jahr, wie es sie inzwischen fast überall hierzulande – ausgenommen eben in Tirol – geben würde, fordert die Studentenvertretung.

An den realen Problemen vorbei

„Forschungsleistungen privater und staatlicher Universitäten in Tirol sind nicht vergleichbar.“

Die Absicht der Landesregierung, die Ärzteversorgung mit einer privaten medizinischen Hochschule zu verbessern, geht völlig an den realen Problemen vorbei. Es fehlt nicht an der Zahl der Absolventen, sondern an der Attraktivität der Arbeitsplätze. An der Medizinischen Universität Innsbruck schließen jährlich 275 Studierende das Studium für Humanmedizin ab. Im gleichen Zeitraum werden 60 bis 70 Ärzte pensioniert. Es kommt darauf an, die Absolventen zu motivieren, in Tirol zu bleiben, damit sie nicht in andere Bundesländer und ins Ausland abwandern. Die politischen Vertreter wären gut beraten, sich zu überlegen, wie die Arbeitsbedingungen verbessert werden können und sich die Probleme der jungen Ärzte anzuhören.

Im dritten Studienabschnitt des Diplomstudiums Humanmedizin folgen die klinischen Semester und das Klinisch-Praktische Jahr. Die Studierenden tätigen viele Arbeiten bereits an den Patienten und helfen beim Stationsablauf mit. Überall wird dafür eine Aufwandsentschädigung bezahlt, in den Tirol Kliniken aber verweigert. Wer auswärts einmal bessere Bezahlung und eine mitarbeiterfreundlichere Einstellung miterleben durfte, wird auch ein Angebot, dort anschließend die Facharztausbildung zu machen, gerne annehmen.

Das Studium an der MUI vermittelt die theoretische und praktische Vorbildung für den ärztlichen Beruf. Absolventen werden zu handlungskompetenten Ärzten ausgebildet. Eine Medizinische Universität muss immer aus Lehre und Forschung bestehen, eine „Schule“ ohne Forschung genügt nicht, ohne engagierte und erfahrene Lehrer ebenso wenig. Es ist daher eine Illusion zu glauben, dass irgendeine europäische oder österreichische Behörde ein kurzfristig geplantes „Medizinstudium light“ akkreditieren wird, das nicht aus forschungsgeleiteter Lehre besteht. Die Forschungsleistungen privater und staatlicher Universitäten in Tirol sind einfach nicht vergleichbar. Mit den offenbar vorhandenen Mitteln des Landes sollte sorgfältig umgegangen und in bereits bestehende Strukturen der MUI investiert werden.

Eingeengter Blick

„Die Zahl der österreichischen Absolventen hat sich innerhalb weniger Jahre halbiert.“

Das österreichische Gesundheitswesen steht vor Herausforderungen. Die Gesundheitsreform versucht, den Spitalssektor zu entlasten und Reformen umzusetzen. Im Ausbildungssektor ist die in Bearbeitung befindliche GuKG-Novelle eine zentrale Reform. Herausforderungen im ärztlichen Bereich betreffen die Sicherung der ländlichen Versorgung, die Stärkung der Primärversorgung, Gehaltsanpassungen, die Umsetzung des Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetzes sowie der Ausbildung und die Pensionierungswelle.

Laut Bundesrechnungshof ist die Anzahl der österreichischen Absolventen mit Sekundarabschluss an den Medizinuniversitäten in Innsbruck, Graz und Wien von 1.566 im Jahr 2007/08 auf 824 im Jahr 2012/13 gesunken. Das ist eine Halbierung der österreichischen Absolventen der Humanmedizin innerhalb weniger Jahre! Aufgrund dieses bedenklichen Umstandes braucht es zusätzliche Maßnahmen. Eine dieser Maßnahmen ist die Implementierung zusätzlicher Studienplätze nach dem Universitäts-Akkreditierungsgesetz (UnivAkkG), um für die Versorgungslandschaft, gut integriert in die stationären und extramuralen Strukturen, wissenschaftsbasiert auszubilden. Die staatlichen Universitäten haben sich die letzten Jahre am internationalen Mainstream in Forschung und Lehre orientiert. Molekulare Disziplinen, Systembiologie und andere – für die Forschung unabdingbar – haben den Blick auf Themen der Gesundheitsversorgung wie Allgemeinmedizin, öffentlicher Gesundheitsdienst und viele mehr eingeengt.

Keine Frage, Impact Faktoren und Forschungsdrittmittel sind in diesen Themen schwieriger zu lukrieren. Studien für Molekulare Medizin sind aus dem Boden gesprossen. Die Pflege hat seit Jahrzehnten eine gute träger- und versorgungsnahe Ausbildung und kann auf Entwicklungen sehr gut eingehen. Wieso sollte das im Bereich der Medizin nicht möglich sein? Die Tiroler Landesregierung hat deshalb im Jänner 2016 in einem Grundsatzbeschluss die rechtliche Prüfung und die Konzepterstellung für ein zusätzliches träger- und versorgungsnahes universitäres Studium für Humanmedizin beschlossen.

Quantitäts- statt Qualitätsdenken

„Medizinstudium darf auf keinen Fall zur Schmalspur-Ausbildung verkommen.“

Die Verlautbarung der Landesregierung, eine neue „Medical School“ in Tirol schaffen zu wollen, hat uns als angehende Ärzte überrascht und ist uns unverständlich. Das Ziel muss es sein, die vielen teuer ausgebildeten Ärzte in Österreich zu halten, anstatt die Zahl der Ausbildungsplätze weiter zu erhöhen. Geld in mehr Studienplätze zu stecken, zeugt von Quantitäts- statt Qualitätsdenken und wird die bestehenden Probleme nicht lösen.

Es ist eine Tatsache, dass unsere Universität eigentlich ausreichend Mediziner für die Region ausbildet, aber die Bindung dieser an Österreich ein Problem darstellt. Laut einer von uns durchgeführten Umfrage unter den Studenten sehen bereits mehr als die Hälfte von ihnen ihre Zukunft aufgrund der besseren Rahmenbedingungen im Ausland. Liegt es demnach nicht näher, das regionale Gesundheitswesen attraktiver zu gestalten, um die Jungärzte im Land zu halten und damit auch in Zukunft Spitzenmedizin bei uns zu ermöglichen?

Auch eine Erhöhung der Ausbildungsplätze an der Medizinischen Universität Innsbruck wäre nur zulasten der Lehrqualität möglich. Aufgrund mangelnder Forschungsschwerpunkte an einer „Medical School“ könnte die Schaffung einer solchen sogar zu einer Zwei-Klassen-Ausbildung führen, da die Forschung eine wichtige Grundlage der Lehre darstellt. Es ist essenziell, dass Ärzte genug Zeit haben, sich neben der Patientenversorgung auch der Lehre und Forschung widmen zu können und dass dies entsprechend honoriert wird. Das Medizinstudium darf auf keinen Fall zu einer Schmalspur-Ausbildung verkommen.

Unserer Meinung nach ist eine weitere Ausbildungseinrichtung in Anbetracht der bestehenden Strukturen definitiv nicht zielführend und würde außerdem einen verantwortungslosen Umgang mit Steuergeldern darstellen. Dieses Geld sollte man lieber in faire Arbeits- und Gehaltsbedingungen investieren, um die bestehenden Strukturen zu verstärken. Würde man sich endlich um Lösungen bemühen, so wäre eine „Medical School“ in Tirol aus unserer Sicht schon lange obsolet.

Volkmar Weilguni , Ärzte Woche 8/2016

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