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© Bernhard Noll

Prof. Dr. Udo Janßen Generaldirektor des Wiener KAV

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Alfons Kowatsch

Dr. Stefan Gara NEOS Gesundheitssprecher, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Wildbild

Prof. Dr. Wolfgang Sperl Präs. Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde

 
Gesundheitspolitik 15. Februar 2016

Bitte einen Moment Platz nehmen!

Stundenlange Wartezeiten und verärgerte Eltern in den Wiener Kinderambulanzen ließen wieder einmal die Diskussionen über die Versorgungsqualität in der Kinder- und Jugendmedizin aufflammen. Neu sind sie nicht, Lösungen sind dennoch keine in Sicht.

Laut mehreren Medienberichten kam es am ersten Wochenende der Semesterfe-rien in der Wiener Kinderambulanz im Donauspital zu „Tumulten“ zwischen wartenden Eltern und dem Personal, weil aufgrund der beginnenden Grippewelle völlig unzureichende Kapazitäten zu Wartezeiten bis zu acht Stunden geführt hatten.

Die Auseinandersetzungen seien so heftig gewesen, dass sogar die Polizei habe eingreifen müssen. Um die Situation zu entspannen, rief die Wiener Ärztekammer die Aktion „Helfen steckt in unserer DNA“ aus. Sieben niedergelassene Kinderärzte folgten dem Aufruf und hielten am darauffolgenden Wochenende ihre Ordinationen offen. Zudem wurde auch beim Ärztefunkdienst die Zahl der behandelnden Kinderärzte verdoppelt. Kurzfristig war die Aktion ein Erfolg, an den strukturellen Problemen, die es in Wien in der Kinder- und Jugendgesundheit seit Jahren gibt, hat sich nichts geändert: fehlendes Personal im ambulanten, fehlendes Angebot im niedergelassenen Bereich, unzureichende Öffnungszeiten oder fehlende Lenkungsmaßnahmen bzw. Zugangsregelungen zu den Ambulanzen. In Niederösterreich werden erfolglos Nachfolger für in Pension gehende Fachärzte gesucht. Die Forderung nach längeren Öffnungszeiten sei derzeit völlig realitätsfern, so die Ärztekammer.

Brauchen flexibleres und breiteres Angebot

„Personal leistet in Zeiten großen Andrangs engagierte Arbeit.“

In den Ambulanzen des Wiener Krankenanstaltenverbundes werden jährlich 3,5 Millionen Ambulanzbesuche gezählt, im Durchschnitt werden pro Tag zwischen 50 und 60 Patienten in den Ambulanzen behandelt. In den Wiener Gemeindespitälern ist man auf Grippewellen prinzipiell vorbereitet, insbesondere an den Abenden und Wochenenden, wenn der niedergelassene Bereich nicht oder nicht ausreichend zur Verfügung steht. An Wochenenden sind rund 350 Ärzte im Dienst. Planbare Untersuchungen werden bei Grippewellen so eingeteilt, dass sie nicht in Phasen fallen, in denen mit erhöhtem Patientenaufkommen zu rechnen ist. Es gibt dann außerdem keine Stations- oder Rettungssperren und es stehen in außergewöhnlichen Fällen auch Ärzte zur Verfügung, die ursprünglich nicht zum Dienst eingeteilt waren.

Der Andrang auf den Kinderambulanzen der Wiener Gemeindespitäler war an den vergangenen Wochenenden bedingt durch die Grippewelle hoch, am ersten Wochenende der Semesterferien selbst für Grippezeiten außergewöhnlich. Was in den Medien behauptet wurde, entspricht allerdings nicht den Tatsachen: Niemand musste 16 Stunden warten, es gab keine „Randale“ unter den Wartenden und der Einsatz der Polizei lief darauf hinaus, einen Vater zu beruhigen, der sich über lange Wartezeiten aufgeregt hatte. Das Personal in allen Ambulanzen leistet gerade in Zeiten großen Andrangs außerordentlich engagierte Arbeit. Das Donauspital hat – zusätzlich zu Maßnahmen, die in Grippezeiten vorsorglich getroffen werden – sämtliche verfügbaren Ärzte eingesetzt. Sie alle lassen selbstverständlich auch bei großem Andrang hohe Sorgfalt in der Betreuung ihrer Patienten walten, denn die Eltern erwarten sich zu Recht, dass sich Ärzte ausreichend Zeit für ihre Kinder nehmen.

Der KAV alleine kann keine Maßnahmen setzen, um die Situation zu ändern. Viele Patienten müssen an Abenden und Wochenenden die Ambulanzen aufsuchen, weil es im niedergelassenen Bereich kein oder ein nur unzureichendes Angebot gibt. Hier braucht es vor allem am Wochenende ein flexibleres und breiteres Angebot sowie angepasste Öffnungszeiten unter der Woche, vor allem in den späteren Nachmittagsstunden und an Abenden.

In der Ambulanz der Realitätsverweigerung

„Die logische Konsequenz eines strukturellen Problems.“

Unsere Gesundheitsversorgung ist exzellent. Sie wird getragen von Menschen, die sich rund um die Uhr um die Patienten bemühen. Aber dieses System steht auch massiv unter Druck. In Krisenzeiten wie etwa bei Grippewellen verschärft sich der Druck bis zum Zusammenbruch. Bemerkt werden zumeist leider nur die Symptome: lange Wartezeiten. Dann ist der Aufschrei groß: „Skandal!“

Der breiten Öffentlichkeit blieb unbemerkt, dass einiges in diesem System schon lange nicht mehr funktioniert – etwa, dass die Verdichtung der Arbeitszeit und die Belastung bei Ärzten der Kinder- und Jugendheilkunde massiv zugenommen haben. Das ist die Folge einer Gesundheitspolitik, in der Strukturreformen und Konzepte nicht zu Ende gedacht, in der warnende Stimmen einfach ausgeblendet wurden. Die politisch Verantwortlichen reagieren mit Ankündigungen und Schuldzuweisungen, die Gewerkschaft schweigt überhaupt.

Die Forderung nach mehr Kassenärzten, die Ambulanzen entlasten sollten, greift ins Leere, denn schon heute können nicht alle Kassenverträge nachbesetzt werden. Außerdem fehlt der ärztliche Nachwuchs. Der Engpass in der Kinderambulanz im Donauspital ist also kein bedauernswerter Einzelfall, sondern die logische Konsequenz eines strukturellen Problems.

Das Ärztearbeitszeitgesetz hat die Situation weiter verschärft. Da die Arbeitsstunden im alten System nicht genau erfasst wurden, rechnen Konzepte mit Phantomzahlen. Ein ehemals 60-Stunden-Woche wurde am Papier zum Vollzeitäquivalent mit 40 Stunden. Ein „Rechenfehler“ wird zum Ärztemangel: Plötzlich fehlen rund 30 Prozent Ärztearbeitszeit, zusätzlich wurden Nachtdienste auf kürzere Schichtdienste umgestellt, weiteres Personal gekürzt. In einem Intensivfach wie der Kindermedizin führte dies unweigerlich zum Kollaps.

Es braucht nun die Zusammenarbeit aller Interessensvertreter, ein zu Ende gedachtes Konzept und eine gemeinsame Finanzierung der Spitäler und des niedergelassenen Bereiches. Und man muss viel mehr auf Menschen hören, die an der Front stehen und wissen, was zu tun ist. Alles andere führt ins Chaos – wie man sieht.

Lassen uns nicht auseinanderdividieren

„Attraktive Modelle für Kinder- und Jugendfachärzte schaffen.“

Überfüllte Ambulanzen an kinder- und jugendmedizinischen Abteilungen sind zu Spitzenzeiten mit einer reduzierten pädiatrischen Versorgung im niedergelassen Bereich an Wochenenden und Feiertagen leider keine Seltenheit. Dass dafür ein flexibler Personaleinsatz im Spitalsbereich gefordert wird oder sogar eine zwangsweise Öffnung von Kinderordinationen, kann nicht die adäquate Lösung sein!

Es ist tatsächlich ein strukturelles Problem, dass eine Abstimmung von Öffnungszeiten und Leistungsangebot zwischen dem intra- und extramuralen Bereich fehlt, nicht nur in Wien, sondern bundesweit. Zugangsregelungen sind keine Lösungen. Es gibt mehrere Ansätze der Zusammenarbeit zwischen den niedergelassenen Kinderfachärzten und Spitalsambulanzen: Von den Krankenkassen müssen finanzielle Anreize geschaffen werden, an Tagesrandzeiten und am Wochenende die Praxen zu öffnen. Es müsste aber auch breiter möglich sein, dass niedergelassene Kollegen in Spitalsambulanzen mitarbeiten. Ziel muss es sein, grundsätzlich attraktive Zukunftsmodelle für Kinder- und Jugendfachärzte für Gruppenpraxen und Primärversorgungszentren zu schaffen. Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde und auch die politische Kindermedizin fordert vehement, dass in den zukünftigen Primary Health Care Zentren die Kinder- und Jugendfachärzte auch als Hausärzte gelten und auch als Primärversorger im Gesetz ausgewiesen werden. Die derzeitigen Engpässe zeigen deutlich auf, dass es zu einer Regelung kommen muss!

Aussagen des Hauptverbandes, wonach das System sehr gut sei und auch Allgemeinmediziner für die Versorgung der Kinder in diesen Spitzenzeiten zuständig seien, sind wenig konstruktiv, weil leider immer mehr die Ausbildungsqualität auseinanderklafft, derzeit mit drei Monaten Ausbildung in Pädiatrie für die Allgemeinmediziner gegenüber 63 Monaten für Kinder- und Jugendfachärzte. Es braucht mehr Geld für eine abgestimmte Versorgungsregelung. Niedergelassene Kinderfachärzte und Spitalsärzte lassen sich nicht auseinanderdividieren.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 7/2016

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