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© Jens Kalaene / picture alliance
 
Gesundheitspolitik 25. Jänner 2016

„Wir verlieren in jedem Fall“

Spitalsärzte befinden sich durch die geplante elektronische Kontrolle in einer Lose-Lose-Situation.

Die Selbstüberwachung im Nachtdienst hätte Mitte Jänner starten sollen, doch die „smartphone-ähnlichen Geräte“ liegen noch nicht auf den betroffenen Abteilungen im KH Hietzing und im Wilhelminenspital. Die nächsten Gesprächsrunden zwischen KAV und Personalvertretung sind für Februar anberaumt. „Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, dass wir einem elektronischen System zustimmen werden“, sagt Dr. Wolfgang Weismüller von der Wahlgemeinschaft-Spitalsärzte.

„Da machen wir sicher nicht mit.“ „Das Kastl lassen wir einfach im Sekretariat liegen.“ Die Stimmung der unter den Wiener Ärzten ist nicht die beste. Seit die geplante elektronische Kontrolle der ärztlichen Nachtdienste ruchbar wurde, herrscht Aufregung: Mediziner der chirurgischen, kardiologischen und gynäkologischen Abteilungen im Krankenhaus Hietzing und im Wilhelminenspital sollen laut dem Plan ihre Arbeit im Nachtdienst alle 30 Minuten mit einem Smartphone-ähnlichen Gerät dokumentieren.

Die Personalvertretung legte sich allerdings quer, woraufhin Krankenanstaltenverbund (KAV)-Generaldirektor Udo Janßen den Start der Aktion auf Mitte Jänner verschob. Die „smartphone-ähnlichen Geräte“ sind bis heute nicht auf den genannten Stationen aufgetaucht und werden das auch so schnell nicht, wenn es nach Personalvertreter Dr. Wolfgang Weismüller von der Wahlgemeinschaft-Spitalsärzte geht. „Die nächste Gesprächsrunde mit der Generaldirektion wurde auf Februar verschoben. Die Geräte werden erst dann zum Einsatz kommen, wenn es eine Zustimmung der Personalvertretung gibt und ob es die geben wird ist unklar, weil wir das Gerät noch gar nicht kennen und nicht wissen, was es noch alles kann. Wir sind sehr skeptisch.“

Die Ärztekammer positioniert sich ebenfalls gegen die Einführung, Begründung: Der Ärzteschaft werde „unterschwellig vermittelt“, dass man an ihrem Engagement zweifle, sagte Kammer-Vizepräsident Dr. Harald Mayer.

Auch der KAV reagierte erwartungsgemäß: Die Kammer verbreite Falschinformationen. „Es geht darum, wissenschaftliche Daten zur Arbeitsbelastung von Ärzten im Nachtdienst zu erhalten“, sagte KAV-Sprecherin Nani Kauer noch vor Weihnachten dem Kurier.

Auf den Fluren der Spitalsambulanzen sorgen solche Stellungnahmen wiederum für zynische Kommentare: „Die sorgen sich ja so um unsere Gesundheit“, meint ein Mediziner.

Dokumentiert werde jetzt schon vieles: „Seit ca. einem halben Jahr tragen in einen Kalender ein, dass wir unsere Ruhezeiten im Rahmen des 25-Stunden-Dienstes eingehalten haben. Wenn wir durchgearbeitet haben, schreiben wir, dass wir 5 Stunden gehabt haben, oder 4,5 Stunden. Und wenn es ein bisschen ruhiger war, dann schreiben wir auf, dass wir 5,5 Stunden hatten. Sehen wollte diese Doku bis jetzt aber keiner.“

Was der administrative Aufwand bringen soll, ist vielen Ärzten schleierhaft: „Wir zeichnen ja eh alles auf, es ist klar, welche Patienten in der Ambulanz aufgenommen werden, es ist klar, wer operiert wird, Op-Ein- und Ausschleuszeiten, alles vorhanden. Dass wir dazwischen, wenn wir noch 100 Patienten auf der Abteilung haben, wenn wir aus dem Op kommen, dass wir uns da nicht aufs Ohr legen, das müsste selbst ein Schreibtischtäter auf die Reihe kriegen.“

Sorge um Posten und Dienste

In Stimmung für einen Arbeitskampf sind die Ärzte aber auch nicht so richtig: Einer, der anonym bleiben will, resignierend: „Wir haben das Gefühl, wir können nur verlieren. Wenn wir zu wenig dokumentieren, heißt es, wir brauchen nicht so viel Personal. Wenn wir zu viel dokumentieren, dann nehmen sie uns den 25-Stunden-Dienst weg.“

Weismüller: Die Sorge ist berechtigt, wir wissen davon und wir werden das bei unserer Entscheidung berücksichtigen. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, dass wir einem elektronischen System zustimmen werden.“

In den kommenden Jahre soll die medizinische Landschaft in der Bundeshauptstadt signifikant umgestaltet werden. Das Krankenhaus Hietzing und das Wilhelminenspital gehören zur Region West im Spitalskonzept des KAV.

Martin Burger, Ärzte Woche 4/2016

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