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Kandidatin Griss, 69
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Kandidat Khol, 74

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Kandidat Van der Bellen, 72

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Kandidat Hundstorfer, 64

 
Gesundheitspolitik 25. Jänner 2016

Vor dem Urnen-Gang

Die fitten Alten: Das Geburtsdatum sagt über die Eignung zum Bundespräsidenten wenig aus.

Andreas Khol, Alexander Van der Bellen, Rudolf Hundstorfer und Irmgard Griss streben nach einer weiteren Aufwertung ihrer Vita. Sie entsprechen damit der Erwartungshaltung der Leistungsgesellschaft.

Der Begriff Urnengang bekomme bei dieser Bundespräsidentenwahl im April 2016 einen ganz seltsamen Beigeschmack, witzelte Kabarettist Christoph Grissemann in der satirischen TV-Sendung Willkommen Österreich. Er werde mit seiner Wahlentscheidung warten, welcher der Kandidaten am Wahltag noch am Leben sei. Böse, böse. Aber ein Faktum ist nicht von der Hand zu weisen. Die Kandidaten sind alt. Als Van der Bellen und Khol geboren wurden, war der Zweite Weltkrieg in vollem Gange. Doch diese Großelterngeneration strotzt vor Tatendrang. Weder die Herren noch die bislang einzige Dame, die sich um das hohe Amt bewerben, würden im Restaurant einen „Seniorenteller“ bestellen. Die Journalisten-Frage, ob sie sich fit fühlen, beantworten sie mit „Ja“. Und womit? Mit Recht.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist dem Thema „Alter und Leistungsfähigkeit“ zunehmend mehr Bedeutung zugeschrieben worden. „Eine breitenwirksame und von der Öffentlichkeit wahrgenommene Forschung fand aber kaum statt, weil der ältere Arbeitnehmer bis dato aus dem Arbeitsleben zügig ausgegliedert wurde und eine Nachfrage nach arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Wirtschaft nicht vorlag.“ Das schreibt Dr. Thomas Langhoff in seinem 2009 erschienen Buch „Den demografischen Wandel im Unternehmen erfolgreich gestalten. Eine Zwischenbilanz aus arbeitswissenschaftlicher Sicht“ (Springer Verlag).

Für die Wirtschaft spielt neben den alternden Erwerbstätigen auch die alternde Bevölkerung als Kunde, Käufer und Dienstleistungsempfänger zunehmend eine große Rolle: Seniorengerechtigkeit in Produktgestaltung im Konsumgüterbereich, bei der Gestaltung von Dienstleistungen, bei der Architektur der Daseinsvorsorge, im Verkehr usw.

Bis in die 1990er Jahre sei sowohl wissenschaftlich wie auch gesellschaftlich das Defizitmodell vom Alter proklamiert worden. In fast jedem arbeitsmedizinischen Lehrbuch wurden defizitäre Entwicklungen physiologischer Parameter dargestellt. Neben der Abnahme der Muskelkraft konstatiert Langhoff:

• eine Abnahme der Erregbarkeit, Kontraktibilität, Kontraktionsgeschwindigkeit und Elastizität der Muskeln mit zunehmendem Alter;

• Abnutzung von Knorpeln und Gelenken ab dem 40. Lebensjahr, verstärkt durch Arbeiten in Zwangshaltungen, Stehberufen und schweres Heben und Tragen, Verminderung der Druck- und Biegebeanspruchung von Knochen ab dem 40. Lebensjahr, Zunahme von Körperfett, Abnahme von Plasmavolumen, Gesamtkörperwasser und Extrazellulärflüssigkeit mit dem Alter;

• Abnahme der Sehschärfe, der Akkommodationsfähigkeit sowie der Dunkeladaptation der Augen ab dem 45. Lebensjahr; Ältere brauchen ein höheres Beleuchtungsniveau, sind aber auch blendempfindlicher;

• Abnahme der Fähigkeit, hochfrequente Töne zu hören (Altersschwerhörigkeit); oftmals kontrastiert durch Lärmschwerhörigkeit;

• Verringerung der Sauerstoffaufnahme und des Sauerstofftransports im Blut mit zunehmendem Alter, damit verbunden Abnahme der Herzfrequenz, des Herzzeitvolumens und der Pulsfrequenz.

Die defizitäre Entwicklung der physiologischen Parameter mit dem Alter liest sich wie ein Katalog des Schreckens. Jedoch: Berufliche Leistungen orientieren sich nicht an der Maximalleistung („testing the limits“), wie sie in psychometrischen Untersuchungen erbracht werden. Sie orientieren sich an Dauerleistungen, die jahrzehntelang stabil erbracht werden und innerhalb der Maximalleistung von Personen liegen. Daher seien Untersuchungsergebnisse wie zuvor beschrieben kritisch in ihrer Übertragbarkeit auf den Zusammenhang zwischen Alter und beruflicher Leistungsfähigkeit zu sehen.

Je älter, desto individueller

Bestimmte Einflussfaktoren wirken auf die Entwicklung der Leistungsfähigkeit mit zunehmendem Alter ein: private Lebensführung, Sozialisation und Ausbildung, Belastungen und Training durch die bisherigen Tätigkeiten. Diese Einflussfaktoren bewirken, dass mit zunehmendem Alter die ermittelten Leistungsfähigkeiten stark variieren. Individuelles Altern ist also geprägt von der Lebens- und Arbeitsbiografie der Individuen. Der Einfluss von Gesundheit, Leistung und Lernen ist bei Jüngeren in der Phase von Schule und Ausbildung noch relativ standardisiert zu betrachten, während mit zunehmendem Alter der Umfang möglicher Einflüsse ständig zunimmt und zu einer Streuung der individuellen Leistungsfähigkeiten führt. Auch wenn die Augenscheinkorrelation mit zunehmendem Alter zu der Leistungsvariabilität führt, so sei nicht das kalendarische Alter ursächlich verantwortlich, sondern die zahlreichen Einflussfaktoren, die hier multikausal wirken. Die Variabilität der Leistung im Alter sei größer, als zwischen allen Altersgruppen.

Für Kabarettisten wie Stermann & Grissemann brechen jedenfalls goldene Zeiten an. Die Alten geben einfach was her. Vor allem der Älteste aus der Riege. Andreas Khol würde angeblich auf eine einsame Insel folgendes mitnehmen: „Altes Testament, Neues Testament, Defibrillator.“ Und dietagespresse.com schlägt vor, die Gebeine von Bruno Kreisky antreten zu lassen: Manche Kritiker bemängeln, dass Bruno Kreisky bereits tot sei.

Martin Burger, Ärzte Woche 4/2016

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