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© ÄK Wien/Stefan Seelig

Prof. Dr. Thomas Szekeres Präsident der Ärztekammer für Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Weinwurm

Mag. Evelyn Kölldorfer-Leitgeb KAV-Direktorin für Organisationsentwicklung

 

 
Gesundheitspolitik 25. Jänner 2016

Ärzteschaft wehrt sich gegen Kontrollsysteme in der Nacht

Die Ärztekammer wirft dem Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) vor, seit Monaten die Leistungen zurückzufahren. Pläne des KAV-Managements, die Arbeitsbelastung der Klinikärzte mithilfe elektronischer Kontrollsysteme zu prüfen - oder die Ärzte damit zu überwachen, wie die Kammer meint -, wurden nach einer Ärzteresolution vorerst auf Eis gelegt.

Bespitzelung à la George Orwell

„Schon derzeit arbeiten Wiens Spitalsärzte am Limit.“

Seit Längerem werden die Kapazitäten in den Häusern des Wiener Krankenanstaltenverbundes heruntergefahren, und das ohne jegliche alternative Behandlungsoptionen. Drohende Nachteile für die Patienten? Für die Stadt Wien stellt das kein Problem dar.

Sie wollen konkrete Beispiele? Sehr gerne: Im Bereich der Pflegewohnhäuser beispielsweise wurde bereits eine Reihe von ärztlichen Nachtdiensten ersatzlos gestrichen. Die dort betreuten Patienten sind vielfach dement und schwer krank, teilweise im Wachkoma. Überall sonst versucht man, diese Menschen unmittelbar in der Einrichtung medizinisch zu versorgen, nur die Stadt Wien fährt konsequent den medizinischen Dienst zurück.

Ein anderes Beispiel: Die Zahl der Operationen auf den Orthopädien in Wien ist erst kürzlich massiv reduziert worden. Das wiederum hat direkte negative Auswirkungen auf die Wartezeiten für Operationen. Zurück bleiben Patienten, die nun statt Wochen teilweise mehrere Monate auf ihre Operationen warten müssen.

Und worum kümmern sich die Verantwortlichen im Wiener Krankenanstaltenverbund? Die beschäftigen sich lieber mit elektronischen Arbeitsaufzeichnungsgeräten, um die Tätigkeit der Spitalsärzte besser kontrollieren zu können, und das unter dem absurden Vorwand, mit den Ergebnissen der Nachtdienst-Dokumentationen eine bessere Personalplanung zu ermöglichen. Nicht zufällig haben daher Ärztekammer und der Personalgruppenausschuss Ärztinnen und Ärzte im Rahmen einer außerordentlichen Sitzung einstimmig eine Resolution verabschiedet, in der auf das Heftigste gegen elektronische Kontrolle- und Überwachungssysteme der Patientenbetreuung von Ärzten protestiert wurde.

Es verwundert nicht, dass die vom Krankenanstaltenverbund geplanten smartphone-ähnlichen Geräte, mit denen Ärzte in ihrem Nachtdienst im Halbstundentakt ihre Tätigkeiten dokumentieren sollen, die mediale Berichterstattung in den letzten Wochen maßgeblich dominiert haben.

Für mich ist es eine nicht zu tolerierende Unternehmenskultur, wenn solche Geräte ohne Rücksprache mit den betroffenen Ärzten eingeführt werden sollen.

Schon derzeit arbeiten Wiens Spitalsärzte am Limit. Eine weitere Erschwerung der Patientenbetreuung durch patientenferne Administration ist inakzeptabel.

Dank unserer massiven Proteste ist es gelungen, den für Anfang Jänner 2016 geplanten Start einer Bespitzelung à la George Orwell in den Häusern des Wiener Krankenanstaltenverbundes (vorerst) auszusetzen. Wir befürchten aber, dass die Ärzteschaft des Krankenanstaltenverbundes auch zukünftig nicht in die Planungen und Projekte im notwendigen Ausmaß mit eingebunden wird und daher nicht ausreichend durchdachte Projekte seitens der Generaldirektion unbeirrt umgesetzt werden. Sollte sich dies bewahrheiten, scheinen weitere Protestmaßnahmen der Ärzteschaft vorgegeben zu sein.

Wunsch der Ärzte aufgegriffen

„Juristen bestätigen, dass die Analyse keine Kontrollmaßnahme darstellt.“

Im Zuge der Einführung der neuen Ärztedienstzeiten im Sommer 2015 und der dadurch veränderten Dienstplanung wurde auch das Thema Leistungs- und Belastungsanfall während der Nachtdienste unter den Ärzten des KAV diskutiert. Es gibt derzeit keine wissenschaftlich basierten Daten zum Thema tatsächlicher Arbeitsanfall, Arbeitsintensität und Arbeitsbelastungen im Nachtdienst. Ärzte selbst äußerten daher den Wunsch, dass der konkrete Leistungsanfall während der Nachtdienste wissenschaftlich erhoben werden müsse. Daraus sollen valide empirische Daten gewonnen werden, die in das breit angelegte Projekt Personalbedarfsplanung einfließen. Der KAV ist dem Wunsch nachgekommen und hat, unter Einbindung der Hauptgruppe II der Gewerkschaft, mehrere Möglichkeiten geprüft.

Neben Selbstaufzeichnungen durch die Ärzte und Beobachtung durch dritte Personen gibt es auf dem Markt für derartige Erhebungen auch die Möglichkeit, Smartphones einzusetzen – die sogenannte „smarte Tätigkeits- und Belastungsanalyse“. Der KAV ist dieser Möglichkeit näher getreten, weil das die Abläufe im Nachtdienst am wenigsten beeinträchtigt und auch kaum zusätzlichen administrativen Aufwand brächte.

Die technische Anwendung ist einfach: Über ein Smartphone geben die Ärzte in gewissen zeitlichen Abständen (durchschnittlich 30 Minuten) ihre Tätigkeiten ein. Selbstverständlich muss kein Arzt eine Tätigkeit mit den Patienten – etwa eine OP, eine Untersuchung, ein Gespräch – unterbrechen, sondern kann die Eingabe im Nachhinein vornehmen. Die Geräte wären nicht konkreten Personen zugeordnet, sondern dem jeweils diensthabenden Arzt.

Der aktuelle Stand des Projektes entspricht nicht den Behauptungen der Ärztekammer, die Kritik kann der KAV daher nicht nachvollziehen: Das Projekt mit den Smartphones wurde nicht gestartet, es finden dazu noch Gespräche der KAV-Führung mit der Gewerkschaft und den Personalvertretungen in den Spitälern statt. Es wurde folglich noch kein Einziges dieser Geräte ausgegeben.

Selbst wenn man sich auf diese Methode einigt, kann von Überwachung keine Rede sein, die Aufzeichnungen werden nicht Personen zugeordnet. Der KAV hat diesbezüglich Juristen befasst, auch sie bestätigen, dass die Analyse keine Kontrollmaßnahme darstellt. Unterbrechungen von Tätigkeiten mit Patienten sind ausgeschlossen, denn es könnte alles auch im Nachhinein eingegeben werden. Auch fehlende Einbindung von Ärzten sieht der KAV nicht, denn das Thema, den Arbeitsanfall zu erheben, ging von ihnen selbst aus, der KAV hat diesen Wunsch gerne aufgegriffen.

Derzeit finden wie erwähnt Gespräche über die weitere Vorgangsweise und über die Methode der Erhebung statt. Dabei sind alle maßgeblichen Gruppen, darunter Ärztevertreter, Gewerkschaft und Personalvertretungen, eingebunden.

Den in Aussendungen und Interviews geäußerten Vorwurf von Spitzenfunktionären der Wiener Ärztekammer, es gehe bei der Evaluierung der Ärztenachtdienstzeiten in den Wiener Krankenhäusern in Wahrheit um die „Kontrolle“ der Ärzte, ist für das KAV-Management „nicht nachvollziehbar“. Einziges Ziel der Erhebung sei es vielmehr, „ein vollständiges Bild der ärztlichen Tätigkeiten und Belastungen während des Nachtdienstes zu erhalten, um dann den Personalbedarf der Notwendigkeit entsprechend ausrichten zu können“. Die bestehenden Dokumentationssysteme würden für diesen Zweck nicht ausreichen. Die Argumentation des KAV, die Arbeitsbelastungsüberprüfung erfolge auf Wunsch und in Abstimmung mit den betroffenen Ärzten und ihren Interessensvertretungen, weist die Ärztekammer zurück. Eine solche Prüfung bedürfe der vorhergehenden schriftlichen Zustimmung der Personalvertretung. „Diese liegt nicht vor, womit das Vorgehen des Krankenanstaltenverbundes gegen die gesetzlichen Bestimmungen verstößt“, so die Ärztekammer. Man sei zu Gesprächen bereit, „lediglich der Mitarbeiterüberwachung dienende elektronische Systeme werden aber nie die Zustimmung der Ärztekammer finden“. Weiters kritisierte die Ärztekammer eine bereits stattfindende Leistungseinschränkung in den Häusern des KAV. Dessen Generaldirektor Udo Janßen konterte: „Ich verwehre mich mit Nachdruck gegen diese falschen Behauptungen und fordere die Ärztekammer nachdrücklich auf, auf einen konstruktiven Dialog umzuschwenken.“

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