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© Klaus Rose / picture alliance
Überall, wo die ausbildenden Ärzte genug Unterstützung und Zeit haben, fällt das Zeugnis positiv aus.

 

 
Gesundheitspolitik 18. Jänner 2016

Die Quittung für die Ausbildner

Online-Umfrage: Einser für die plastischen Chirurgen, maues Ergebnis für die Neurologen.

Mäßig zufrieden sind die angehenden Mediziner mit ihrer Ausbildung. Das ist das Ergebnis einer Online-Umfrage der Ärztekammer. Deren Vertreter meinen, es sei „viel Luft nach oben“. Auffällig seien die großen regionalen und fächerbezogenen Unterschiede. „Da haben einige Herrschaften noch viel zu tun!“ Und: 31 Prozent der Befragten wissen nicht einmal, wer ihr Ausbildungsverantwortlicher ist. Kommentar: „Ein Schandfleck.“

Im November lud die Bundesektion Turnusärzte der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) die 4.700 Ärzte in Facharztausbildung per E-Mail dazu ein, sich an einer Online-Bewertung ihrer Ausbildungssituation zu beteiligen. Fast 1.400, also 30 Prozent, folgten der Einladung und machten damit die Ergebnisse nicht nur „repräsentativ für den aktuellen Status der fachärztlichen Ausbildung in den heimischen Spitälern, sondern die Initiative zu einem gewaltigen Erfolg“, meinte Dr. Karlheinz Kornhäusl, Sektionsobmann und stellvertretender Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte der ÖÄK.

Mit einer Durchschnittsnote von 2,36 auf der Schulnotenskala fiel die Bewertung dabei insgesamt recht gut aus – jedenfalls besser als die im Vorjahr durchgeführte Evaluierung der Ausbildung in der Allgemeinmedizin (2,63).

Kornhäusl sieht trotzdem wenig Anlass, sich zufriedenzugeben: „Das Ergebnis ist an sich nicht schlecht und belegt, dass die fachärztliche praktische Ausbildung grundsätzlich gut angenommen und bewertet wird. Es zeigt uns aber, dass da noch viel Luft nach oben und der Plafond noch lange nicht erreicht ist.“

Nachvollziehbar wird diese Einschätzung, wenn man die Details der Befragung näher betrachtet. So geben knapp 20 Prozent der Befragten an, ihnen würden im Rahmen der Ausbildung die fach- und abteilungsspezifischen Kenntnisse und Fertigkeiten „zur Gänze“ vermittelt werden. Für mehr als die Hälfte geschieht dies zumindest „zu einem großen Teil“. Im Umkehrschluss bedeutet das aber gleichzeitig, dass bei fast einem Viertel die Vermittlung der zentralen Kenntnisse und Fertigkeiten „überhaupt nicht“ oder „nur zu einem kleinen Teil“ gelingt.

Für Kornhäusl haben sich fünf Faktoren herauskristallisiert, die für die Bewertung offensichtlich entscheidend sind:

• Qualität und Umsetzung eines Ausbildungskonzepts: Zwar geben nur 41 Prozent der Befragten an, nach einem strukturierten Konzept ausgebildet worden zu sein, von diesen wird aber die Qualität der Ausbildung signifikant besser bewertet als von jenen, die über kein solches Konzept verfügen.

• Rahmenbedingungen für die Ausbildner: Auch hier zeigt sich eine klare Korrelation. Überall dort, wo die ausbildenden Ärzte genügend Unterstützung durch die Leitung sowie ausreichend Zeit für ihre Ausbildungsaufgabe zuerkannt bekommen, fallen die Noten überdurchschnittlich gut aus.

• Persönliches Bemühen und Engagement der Ausbildungsverantwortlichen: Für Kornhäusl war dies die Hauptursache, warum die Benotung insgesamt überhaupt so gut ausgefallen ist, „das System ist dafür mit Sicherheit nicht verantwortlich“. Auch was die fachliche Kompetenz (Durchschnittsnote 1,35) und die didaktische Vermittlung (1,86) betrifft, gibt es für die Ausbildungsverantwortlichen ausgezeichnete Noten.

• Gute Rotationsmöglichkeiten während der Ausbildung.

• Regelmäßiges, strukturiertes Feedback durch den Vorgesetzten: Obwohl die Effektivität eines solchen Tools für den individuellen Lernerfolg unumstritten ist, gaben mehr als zwei Drittel der Befragten an, lediglich „hin und wieder“ oder „nie“ Feedback zu ihrer Arbeit zu erhalten.

Ein dringliches Problem ortet Kornhäusl im mitverantwortlichen Tätigkeitsbereich. Die im Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) festgelegte Übernahme von Tätigkeiten durch das Pflegepersonal zur Entlastung der Ärzte erfolge laut Assistenzärzten derzeit gar nicht oder nur teilweise. Hauptgründe dafür seien zum einen der Mangel an Pflegepersonal, zum anderen deren zum Teil unzureichende Ausbildung. Der mitverantwortliche Tätigkeitsbereich sei gesetzlich klar umrissen, schlussfolgert Kornhäusl, die Träger also „gefordert, für ausreichend gut ausgebildetes Personal zu sorgen, welches die Ärzteschaft entlasten und diese Tätigkeiten übernehmen kann.“

Geht man in der Analyse der Befragung noch einen Schritt tiefer, werden große Unterschiede zwischen den einzelnen Fachrichtungen sichtbar: An der Spitze liegt die Plastische Chirurgie (1,92), auch die Radiologie schneidet überdurchschnittlich ab. Am Ende der Fahnenstange finden sich Fächer wie Dermatologie, Unfallchirurgie und Orthopädie wieder. Das Schlusslicht bildet die Neurochirurgie mit der Note 2,60.

West-Ost-Gefälle

Noch größer ist die Bandbreite zwischen den einzelnen Bundesländern. Mit Vorarlberg gibt es einen klaren Vorzugsschüler (Note 1,90), mit Wien ein ebenso klares Schlusslicht (2,76). „Da haben einige Herrschaften wohl noch viel zu tun“, kommentiert Kornhäusl.

Die Vorreiterrolle Vorarlbergs ist dabei aber weniger intrinsischen Gründen geschuldet als vielmehr der hier schon länger vorherrschenden Konkurrenzsituation im Dreiländereck Österreich, Deutschland, Schweiz. Im Ländle herrscht schon seit Jahren ein Wettbewerbsdruck, der viele Krankenanstaltenträger zum Umdenken gezwungen hätte, glaubt auch Kornhäusl. „Viele der Forderungen, die wir aufgrund der Ergebnisse der Online-Befragung jetzt erheben, wurden in Vorarlberg aufgrund des großen Drucks bereits umgesetzt. Hier wurde ein Feuer entfacht, von dem ich hoffe, dass es auf die anderen Bundesländer übergreifen wird.“

Die angesprochenen Forderungen umfassen unter anderem ausreichende Zeit- und Personalressourcen für die Ausbildenden ebenso wie für die Auszubildenden. „Mehr Zeit für Medizin, mehr Zeit für Wissensvermittlung und -aneignung, mehr Zeit für den Patienten“ müsse von den Trägern zur Verfügung gestellt werden, sagt Kornhäusl. Er sei sich angesichts von Arbeitszeitregelungen und Ärzteknappheit zwar der Problematik dieser Forderung bewusst, erinnere in diesem Zusammenhang aber an eine Umfrage unter Spitalsärzten, wonach diese noch immer 40 Prozent ihrer Tagesarbeitszeit mit administrativen und Dokumentationsaufgaben verbringen. „Gelänge es uns, den Aufwand auf die Hälfte zu reduzieren, würde das österreichweit einem Potenzial von 5.000 zusätzlichen Ärzteposten entsprechen.“

Kornhäusl wünscht sich außerdem mehr Planung und Planungssicherheit für den gesamten Ausbildungsweg inklusive verbindlichem Ausbildungskonzept und einer klaren personellen Zuordnung. „Dass 31 Prozent der befragten Kolleginnen und Kollegen nicht wissen, wer ihr Ausbildungsverantwortlicher ist, ist ein Schandfleck, den wir beseitigen müssen.“ Aus diesem Grund fordere die Bundeskurie eigene Ausbildungsoberärzte für alle Spitäler. Gewünscht wären auch Ausbildungsverträge über die gesamte Ausbildungsdauer. Derzeit gäbe es solche Verträge oft nur für ein paar Monate, in Einzelfällen sogar nur für den jeweiligen Monat. Das ist für Kornhäusl nicht nur unverantwortlich gegenüber den Jungärzten, sondern falle auch in einen „juristischen Graubereich“.

Skill Center für Ärzte

Die Standesvertretung wünscht sich sogenannte „Skill- und Trainingszentren“ – ein Thema, das in Österreich bisher noch gar nicht aufgegriffen wurde, was Kornhäusl bedauert, während solche Einrichtungen in anderen Ländern, etwa in Deutschland, längst „gang und gäbe“ seien. Unter anderem würde auch die Türkei über ein hochmodernes Zentrum verfügen, wo Jungmediziner aus dem ganzen Land hinkommen, um anhand von Computermodellen reale Szenarien in Simulationstrainings zu üben.

Zweck der Online-Befragung war jetzt einmal die Eruierung des Status quo. Das Evaluierungstool soll zukünftig aber in regelmäßigen Abständen wiederholt werden. Aus dem Ergebnisvergleich wollen die Verantwortlichen dann ablesen, inwieweit die Maßnahmen, die mit der „Ausbildungsverordnung neu“ im Sommer des Vorjahres gestartet wurden, tatsächlich auch greifen. „Wir werden schon im Herbst dieses Jahres abermals evaluieren und schauen, was sich geändert hat“, so Kornhäusl abschließend. „Wir haben seit dem Vorjahr eine ganze Menge neue Regelungen, Verordnungen und Gesetzestexte am Tisch. Dann wird sich zeigen, ob es uns gemeinsam gelingt, diese auch mit Leben zu füllen.“

Notenvergabe der Assistenzärzte für Ihre Facharztausbildung

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 3/2016

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