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Gesundheitspolitik 13. Jänner 2016

Streit um ELGA geht in die entscheidende Runde

Nachdem es im Vorjahr in der Diskussion um die Elektronische Gesundheitsakte „ELGA“ ruhig geworden war, haben die Kontroversen mit dem im Dezember erfolgten ELGA-Startschuss wieder Fahrt aufgenommen.

Die Protagonisten in der ELGA-Auseinandersetzung haben längst Position bezogen, hüben wie drüben: Sozialversicherung gegen Ärztekammer, Politik gegen Politik lautet das Match. Das Bemühen um eine sachliche Diskussion über Sinn und Unsinn, Chancen und Gefahren von ELGA wird dabei regelmäßig von diversen weltanschauungs- und interessengeleiteten Einwürfen übertönt.

Am 9. Dezember startete ELGA im Großteil der steirischen Krankenhäuser und geriatrischen Zentren sowie in fünf Abteilungen des Krankenhauses Hietzing in Wien. Gleichzeitig ging an diesem Tag auch das ELGA-Portal (www.gesundheit.gv.at) in Vollbetrieb.

Während in der Steiermark damit von Beginn an bereits mehr als 90 Prozent aller stationären und ambulanten Fälle in das System integriert wurden, erfolgt die Eingliederung weiterer Wiener Spitäler des Krankenanstaltenverbundes (KAV) heuer schrittweise. Im Mai soll auch am AKH gestartet werden. Ebenfalls im laufenden Jahr sollen die anderen Bundesländer folgen, laut ELGA GmbH sind zumindest in Niederösterreich und Kärnten die entsprechenden Vorbereitungen „schon weit“ gediehen.

Probebetrieb zur E-Medikation

Im zweiten Quartal 2016 wird, auch wieder in der Steiermark, in der Region Deutschlandsberg, ein erster Probebetrieb zur E-Medikation aufgenommen. Dabei werden alle von Ärzten verschriebenen und von Apotheken abgegebenen – auch rezeptfreie – Arzneimittel in einer Datenbank gespeichert. Eine automatische Wechselwirkungsprüfung ist damit jedoch nicht verbunden. Allerdings können Ärzte bei Bedarf, anhand der für den Patienten einsehbaren Liste, Wechselwirkungen überprüfen und Doppelverschreibungen vermeiden.

Mitte 2016 können sich erstmals auch niedergelassene Ärzte ins ELGA-System vernetzen, vorerst auf freiwilliger Basis, ab Mitte 2017 müssen sie es tun. Über das ELGA-Netzwerk werden nur neue ärztliche und pflegerische Entlassungsbriefe, Labor- und Radiologiebefunde aus den teilnehmenden Spitälern abrufbar sein, bereits bestehende Befunde werden nicht nachträglich eingearbeitet. Weitere Befundarten wie etwa Röntgenbilder sollen in einer weiteren Entwicklungsstufe folgen. ELGA speichert die Befunde und Daten jedoch nicht zentral, sondern vernetzt lediglich die unterschiedlichen Speichermedien miteinander und definiert Standards. Als Zugangskarte ins ELGA-Netz dient die E-Card. Damit soll gewährleistet sein, dass nur jener Gesundheitsanbieter Einsicht in die Gesundheitsakte eines Patienten hat, mit dem aktuell ein Behandlungsverhältnis vorliegt. Die Zugriffsberechtigung für Ärzte, Krankenanstalten oder Pflegeeinrichtungen bleibt ab Stecken der E-Card für 28 Tage aufrecht, um etwa das Einspielen noch ausständiger Befunde zu ermöglichen. Apotheken haben hingegen nur zwei Stunden auf die Medikationsdaten Zugriff, Behörden, Versicherungen oder Betriebsärzte grundsätzlich gar keinen.

Anders als Ärzte können sich Patienten von ELGA ganz oder auch nur teilweise abmelden, etwa von einzelnen Funktionen wie der E-Medikation bzw. auch einzelne Dokumente sperren oder löschen lassen. Bisher haben rund 225.000 Personen von ihrer „Opt-out“-Möglichkeit Gebrauch gemacht.

Return of Investment umstritten

Bis 2017 pumpen Ministerium, Länder und Sozialversicherung rund 130 Millionen Euro in den Aufbau des Systems. Für den laufenden Betrieb sind dann ab 2018 rund 18 Millionen budgetiert. Ab diesem Zeitpunkt sollen im Gegenzug die jährlichen Gesundheitssystemkosten durch die Vermeidung von Mehrfachmedikationen oder Doppelbefundungen ELGA-bedingt um bis zu 129 Millionen „gedämpft“ werden.

Diese optimistische Return-of-Investment-Berechnung wird allerdings nicht von allen Experten und politischen Akteuren geteilt, das betrifft sowohl die Kosten als auch die Einsparungen. FPÖ-Gesundheitssprecherin Dr. Dagmar Belakowitsch-Jenewein etwa nennt ELGA wörtlich eine „sauteure Augenauswischerei, die weder den Ärzten noch den Patienten irgendetwas Positives bringen wird“.

Skeptisch wie eh und je äußerte sich auch der Wiener Ärztekammerpräsident Dr. Thomas Szekeres, der eine „Offenlegung sämtlicher Kosten der ELGA-Implementierung im Wiener Krankenanstaltenverbund“ fordert, weil er ELGA für „teuer und nicht praxistauglich“ hält. Im nun erfolgten ELGA-Start sieht Szekeres jedenfalls „keinen Grund zum Jubel“. Er bezweifelt die Sinnhaftigkeit der Investition „gerade Gerade in Zeiten, in denen man über Abteilungszusammenlegungen und Ambulanzschließungen nachdenkt“. Lieber sollte „jeder Euro für die Patienten und nicht patientenfern für EDV-Projekte“ investiert werden, denn Elga werde ohnehin „ein Torso bleiben, für den man sinnlos in den Spitälern Geld verschwendet hat“. Für Szekeres ist nämlich bereits „absehbar, dass die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen ELGA nicht umsetzen werden“. Denn über die Abgeltung nötiger Investitionen seien noch keine Gespräche aufgenommen worden.

Kritik an ELGA

Auch Dr. Johannes Steinhart, Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, fehlt noch immer die „Evidenz, dass ELGA den Erwartungen entspricht, die Patienten und Ärzte legitimerweise an so ein Instrument stellen“.

ELGA biete nach heutigem Wissen keine ausreichende Befundsicherheit, sei mit ärztlichen Haftungsproblemen verbunden, nicht benutzerfreundlich und insgesamt ein „bürokratischer Zeitfresser mit zweifelhaftem Nutzen für Patient und Arzt“.

Wie seine Kammer-Kollegen befürchtet Steinhart also neben einer mangelnden Datensicherheit und den derzeit nicht absehbaren finanziellen Belastungen für die niedergelassenen Ärzte vor allem den bürokratischen Mehraufwand. Gehe man etwa von der – laut Steinhart recht optimistischen – Prognose aus, dass die Handhabung von ELGA bei jedem Einsatz nur ein paar zusätzliche Minuten erfordert, so bedeute das österreichweit „einen astronomischen zeitlichen Zusatzaufwand“, rechnet der ÄK-Vizepräsident vor.

Widerstand der Ärzte

Die Kammer werde daher sehr genau beobachten, wie sich ELGA in den Spitälern bewährt. „Sollte das Ergebnis nicht zufriedenstellend sein und unsere Bedenken bekräftigen“, kündigt Steinhart an, „müssen sich Gesundheitspolitik und Sozialversicherungen auf den konsequenten Widerstand der niedergelassenen Ärzte einstellen.“

Traditionell vehement fällt die Kritik des Hausärzteverbandes aus. Anlässlich des ELGA-Starts erneuerte der Verband seine „ELGA raus“-Empfehlung an alle Patienten, weil er sie als „Crashtest Dummies“ missbraucht sieht. Der Testbetrieb lasse „ein Chaos erwarten“, prognostiziert Hausärzte-Sprecher Dr. Wolfgang Geppert. Zum Herumexperimentieren wären die sensiblen Gesundheitsdaten jedoch „viel zu heikel“.

Zuversicht in der Steiermark

Von Chaos könne keine Rede sein, versichert hingegen der steirische Gesundheitslandesrat Mag. Christopher Drexler, der sich freut, „in der Steiermark Vorreiter zu sein. Aus unserer Sicht ist wirklich alles gut im Fluss. Ich bin überzeugt davon, dass wir in wenigen Jahren mit einer gewissen Leichtigkeit auf manches, was da an Kritik gekommen ist, schauen werden.“ Drexler erinnert an „das Gezeter“, als die E-Card eingeführt wurde. Zehn Jahre später sei „jeder froh, dass wir das Zettelwerk der Krankenscheine nicht mehr haben“. Große Verbesserungen erwarten sich die steirischen Gesundheitsanbieter besonders für multimorbide und Diabetes-Patienten.

Politische Zustimmung auf Bundesebene kommt u. a. von Mag. Gertrude Aubauer. Die ÖVP-Seniorensprecherin bedauert, dass sich die E-Medikation verzögert. Außerdem wünscht sie sich die Umsetzung des elektronischen Rezepts sowie eine freiwillige Speicherung von Notfalldaten und eines Impfpasses.

ELGA-Fahrplan

09.12. 2015

ELGA startet in fünf Abteilungen des Krankenhauses Wien-Hietzing . Weiters in allen Landeskrankenhäusern der KAGes, im Krankenhaus der Elisabethinen, in den Geriatrischen Gesundheitszentren der Stadt Graz, im Marienkrankenhaus Vorau sowie im Neurologischen Therapiezentrum Kapfenberg.

Ab Anfang 2016

ELGA-Start in den weiteren Abteilungen in Hietzing sowie den anderen Spitälern des Wiener Krankenanstaltenverbundes. Laufend sollen dann weitere Spitäler in den Bundesländern folgen.

2. Quartal/2016

Die E-Medikation geht in der steirischen Region Deutschlandsberg in Probebetrieb.

Mai 2016

ELGA-Start am AKH Wien

Ab Mitte 2016

Niedergelassene Ärzte können freiwillig in ELGA einsteigen, ab Mitte 2017 müssen sie es.

Ab 2017

Integration der privaten Krankenhäuser ins ELGA- System

Bis Ende 2017

ELGA-Rollout inklusive E-Medikation soll abgeschlossen sein.

Ab 2022

Zahnärzte werden ebenfalls mit ELGA vernetzt.

Resolution der Österreichischen Ärztekammer zu ELGA

Die Vollversammlung der Österreichischen Ärztekammer hat unmittelbar nach dem offiziellen ELGA-Startschuss eine Resolution verabschiedet, die folgende Forderungen umfasst:

• ELGA muss bedienerfreundlich und rund um die Uhr verfügbar sein. Am Ende muss den Ärzten mehr Zeit für die Patientenbetreuung zur Verfügung stehen.

• ELGA hat aktuelle und vollständige Daten in hochwertiger Qualität bereitzustellen und muss eine administrative Entlastung der Ärzteschaft zur Folge haben.

• Voraussetzung für eine funktionierende ELGA sind effektive und punktgenaue Suchfunktionen.

• Sollte es entgegen den Erwartungen der ÖÄK durch ELGA zu Kosteneinsparungen kommen, so sind diese Mittel der Verbesserung der Patientenversorgung zuzuführen.

• Die ÖÄK bekräftigt die Forderung nach einer kompletten Kostenabdeckung für ELGA im niedergelassenen Bereich. Eine Bezuschussung oder Anschubfinanzierung ist bei Weitem nicht genug, um den tatsächlichen organisatorischen, technischen und administrativen Aufwand von ELGA in den Ordinationen zu decken. Da es sich um ein öffentliches Infrastrukturprojekt handelt, ist dieses auch aus öffentlichen Mitteln zu finanzieren.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 1/2/2016

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