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© J. S. Peifer/picture alliance
Bei Hühnerfarmen wie dieser wird eine große Menge an Medikamenten benötigt. Diese gelangen dann beispielsweise als Kompost auf Ackerflächen und von da aus weiter in Oberflächengewässer und ins Grundwasser.
 
Gesundheitspolitik 13. Jänner 2016

Unser Lebensstil hinterlässt Spuren, die krank machen

Hormone im Fleisch und Antibiotikaresistenzen: Eine kontrollierte Medikation von Tier und Mensch ist wichtig, um Rückstände zu vermeiden, die unweigerlich in der Umwelt landen und uns am Ende schaden.

Arzneimittel werden von Mensch und Tier metabolisiert, manchmal aber auch unverändert wieder an die Umwelt abgegeben, mit teils erheblichen Konsequenzen – beispielsweise antibiotikaresistente Keime in Nahrungsmitteln und verseuchtes Trinkwasser. Eine der Ursachen ist der steigende Medikamentenbedarf einer alternden Gesellschaft.

„Die Einträge von Arzneimittelrückständen in die Umwelt und deren Folgewirkungen auf Lebewesen und Ökosysteme können Teile des Naturkapitals beeinträchtigen. Deshalb ist eine regelmäßige Untersuchung der Umwelt auf Arzneimittelrückstände notwendig, insbesondere weil mit einer Zunahme des Medikamentenkonsums zu rechnen ist“, betonte Dr. Karl Kienzl, stellvertretender Umweltbundesamt-Geschäftsführer in seiner Eröffnungsrede beim Fachgespräch „UmWelt und Gesundheit“, dass vom Umweltbundesamt am 3. Dezember 2015 in der diplomatischen Akademie in Wien veranstaltet wurde.

Arzneimittelwirkstoffe in der Umwelt standen im Mittelpunkt dieser Tagung. Kienzl verwies darauf, dass sich das Umweltbundesamt seit mehr als 15 Jahren mit dem Vorkommen von Arzneimittelwirkstoffen in der Umwelt beschäftigt. Zu diesem Treffen fanden sich rund hundert Vertreter aus Wirtschaft, Verwaltung, Interessensvertretungen, Universitäten und NGOs ein.

Gewässer werden heuer umfassend untersucht

Weiters kündigte er eine umfassende Umweltbundesamt-Studie zum Thema sowie einen Screeningtest für Arzneimittelwirkstoffe in Gewässern, der derzeit am Umweltbundesamt entwickelt wird, für das Jahr 2016 an. Damit können Grund- und Oberflächengewässer einfach und rasch auf Medikamentenrückstände gescreent werden.

Mag. Dr. Thomas Jakl, der stellvertretende Leiter der Sektion Abfallwirtschaft, Chemiepolitik und Umwelttechnologie im Umweltministerium, erinnerte an die Dringlichkeit des Themas auf EU-Ebene: Noch heuer hat die EU-Kommission einen Aktionsplan zur Begrenzung der Wasserbelastung durch Arzneimittelwirkstoffe vorzulegen. Insbesondere Schweden, hätte die Diskussion dazu angeregt, berichtete Jakl. Um die Konzentrationen von Arzneimittelwirkstoffen in der Umwelt zu verringern, seien Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen erforderlich. Reflexions- und Diskussionsbedarf sieht Jakl insbesondere hinsichtlich Produktion, Vermarktung, Kennzeichnung, Entsorgung und Abwasserbehandlung.

Arzneimittelrückstände in Erde und Wasser

DI Dr. Manfred Clara, Experte für Oberflächengewässer im Umweltbundesamt sprach über das Vorkommen von Arzneimittelwirkstoffen in der Umwelt. Letztes Jahr waren in Österreich ca. 14.800 Arzneimittelspezialitäten, die rund 2.000 Wirkstoffe enthalten, zugelassen. Das liegt im europäischen Durchschnitt. Aufgrund der demografischen Entwicklung, sprich ein steigender Anteil an älteren Personen, die verhältnismäßig mehr Medikamente benötigen, wird von einem steigendem Arzneimittelverbrauch ausgegangen.

Zu den am weitest verbreiteten Medikamentengruppen zählen Schmerzmittel, Antidiabetika, Psychopharmaka, Antiepileptika sowie Antibiotika. Von diesen werden in Österreich jährlich jeweils über 50 Tonnen verbraucht. Die zumeist wasserlöslichen Metabolite oder unveränderten Arzneien werden dann wieder an die Umwelt abgegeben. „Unser Lebensstil hinterlässt Spuren in der Umwelt. In kommunalen Abwässern werden sehr viele Arzneimittelwirkstoffe nachgewiesen; die gemessenen Konzentrationen spiegeln die Verbrauchsstatistik wider“, so Clara. Sie liegen zumeist im Bereich weniger Mikrogramm pro Liter oder darunter.

Bei der Abwasserreinigung unvollständig abgebaute Arzneimittelwirkstoffe können in weiterer Folge in Oberflächengewässer gelangen und werden dort auch nachgewiesen, wie etwa in der Donau oder der Dornbirnerach in Vorarlberg. Die akkreditierte Prüfstelle des Umweltbundesamtes konnte Konzentrationen der Schmerzmittel Diclofenac und Ibuprofen, verschiedene Antibiotika und das Antiepileptikum Carbamazepin nachweisen.

Auch für den Experten überraschend war das Vorkommen von Arzneimittelwirkstoffen in Bioabfallkompost und Blumenerde. Die gefundenen Konzentrationen sind vergleichbar mit jenen in Klärschlammkomposten. „Eine Bewertung der gemessenen Konzentrationen in den unterschiedlichen Umweltmedien ist derzeit schwierig, es gibt bislang keine Grenzwerte“, sagte Clara abschließend.

Pharmazeutika und Abwasserindikatoren im Grundwasser

Mag. Franko Humer, Experte für Grundwasser im Umweltbundesamt stellte das mit Prof. Dr. Franz Allerberger von der AGES für das Gesundheitsministerium durchgeführte Forschungsprojekt über Pharmazeutika und Abwasserindikatoren im Grundwasser vor. Analysiert wurden die 19 häufigsten Antibiotika und mit Hilfe des vom Umweltbundesamt entwickelten Indikatorentests acht im kommunalen Abwasser weitverbreitete Leitsubstanzen wie Zuckerersatzstoffe, Industriechemikalien und Pharmazeutika.

Diese Abwasserindikatoren sind gut als Tracer geeignet und ermöglichten die Eintragungspfade zu bestimmen. Beispielsweise, wenn der Abwasser-Indikatortest negativ und der Test auf Antibiotika positiv ausfällt, kann von einem landwirtschaftlichen Ursprung ausgegangen werden.

Über ganz Österreich verteilt wurden 54 Grundwassermessstellen und in deren Umfeld 50 Trinkwassermessstellen untersucht. An insgesamt sieben Grundwassermessstellen (13 %) und fünf Trinkwassermessstellen (10 %) wurden mindestens bei einer Messung Antibiotika nachgewiesen. Mindestens ein Abwasserindikator (am häufigsten der Zuckerersatzstoff Acesulfam) wurde bei 46 Grundwassermessstellen (85 %) und 31 Trinkwassermessstellen (62 %) bestimmt.

Die dabei ermittelten Höchstkonzentrationen liegen im Grundwasser im Allgemeinen über den Gehalten im Trinkwasser, jedoch deutlich unterhalb gesicherter humantoxikologischer Relevanz“, erläuterte Humer. „Trotzdem sind bei Vorhandensein derartiger Substanzen die Ursachen abzuklären, Eintragsquellen zu identifizieren und Maßnahmen zu setzen, um ihr Auftreten im Trinkwasser zu minimieren oder zu eliminieren“, so der Umweltbundesamt-Experte weiter.

Aktionsplan zu Antibiotikaresistenzen

Dr. Elfriede Österreicher vom Gesundheitsministerium stellte den aktuellen Stand des Aktionsplans zu Antibiotikaresistenzen vor, der europa- und weltweite Vorgaben reflektiert. Zu den zentralen Inhalten zählen humanmedizinische Belange, tierärztliche Tätigkeit, Tierhaltung, die Lebensmittelkette und die Umwelt. Für 2016 kündigte Österreicher eine Überarbeitung des Aktionsplans an. Die Ziele des Aktionspalns sind:

• Österreichweit, vergleichbare und repräsentative Daten zu einem Resistenzbericht zusammenzufassen

• daraus einen nationalen Aktionsplan erarbeiten

• Daten international vergleichen

DI Helmut Burtscher, Umweltchemiker bei Global 2000, beleuchtete das Thema des Fachgesprächs aus Sicht einer Umweltschutzorganisation und verwies in Bezug auf das Gesundheitsrisiko von Arzneimittelwirkstoffen im Trinkwasser auf die WHO, die von Wissenslücken hinsichtlich der Risikobewertung auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt im Fall einer chronischen Belastung durch niedrige Konzentrationen spricht.

Nutzen und Risiko abwägen

Dr. Gerhard Beck von der AGES Medizinmarktaufsicht erläuterte den Prozess der Zulassung von Arzneimitteln und erklärte, dass bei Humanarzneimitteln die Auswirkungen auf die Umwelt eine Zulassung nicht zwingend verhindern können, hingegen bei Veterinärarzneimitteln im Falle von schweren Auswirkungen eine Abschätzung zwischen Nutzen und möglichen Schäden zu treffen ist.

Dr. Hans Christian Stolzenberg vom Umweltbundesamt Dessau stellte SAICM – den strategischen Ansatz zum internationalen Chemikalienmanagement vor. Ziel von SAICM ist, dass bis 2020 Chemikalien so hergestellt und verwendet werden, dass negative Auswirkungen auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit minimiert werden. Dabei handelt es sich um eine freiwillige Umsetzung der Teilnahmestaaten. Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft gestalten SAICM. Arzneimittelwirkstoffe in der Umwelt sind eines von mehreren als prioritär eingestuften Themen unter SAICM.

Quelle: Umweltbundesamt, Wien

www.umweltbundesamt.at

Den Endbericht (6/2015) des Forschungsprojekts „Monitoringprogramm von Pharmazeutika und Abwasserindikatoren in Grund- und Trinkwasser“ (ISBN 978-3-902611-97-0) finden Sie auf: http://bit.ly/22OYy3M

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